Audi A2 Zu viel Vorsprung

Von Udo Flohr

2. Teil: Vorsprung durch Technik



Als problematisch darf im Nachhinein auch gelten, dass der W10 mit seiner Modellbezeichnung A2 unterhalb des A3 eingeordnet schien, obwohl er zum Beispiel einen größeren Kofferraum und Vorteile wie die hohe Sitzposition und das optionale Panoramadach aufweisen konnte. Weil er wegen der aufwendigen Alu-Bauweise und guter Ausstattung recht teuer war, verstanden viele Kunden den frühen Minivan nur als luxuriösen Kleinwagen – dessen auf niedrigen Luftwiderstand optimierte Form mindestens gewöhnungsbedürftig war.

Das Unternehmen war bald gespalten, berichtet im Forum des A2-Clubs ( www.a2-freun.de) ein Student der Hochschule Heilbronn, mit der Audi damals eng zusammenarbeitete. Die technische Seite favorisierte, bis in den Vorstand hinein, das Projekt und saß abends manchmal lange mit den Entwicklern zusammen. Doch da die Gewinnschwelle hoch lag, sei der A2 betriebswirtschaftlich relativ bald in Ungnade gefallen und habe sich schon nach kurzer Zeit zum "poor dog" entwickelt.

So kam es, dass die Produktion des A2 im Juni 2005 eingestellt wurde. Damit setzt er eine kleine Reihe von Beispielen fort, bei denen der sonst sehr erfolgreiche Audi-Konzern mit seinem Motto "Vorsprung durch Technik" die Nase etwas zu weit vorn hatte – so mit dem Ro 80 mit seinem zunächst problematischen Wankelmotor oder dem ersten serienmäßigen Hybridauto der Welt, dem Audi Duo aus dem Jahr 1997.

Etwa 176.000 Exemplare des A2 wurden produziert, darunter nur 6450 Drei-Liter-Modelle. Mangels Nachfrage standen viele von ihnen lange auf Halde und wurden später mit Preisnachlässen abverkauft. Immerhin profitiere man bis heute von den Erfahrungen aus dem Projekt, lässt ein Marketing-Mitarbeiter wissen. Doch es sieht fast so aus, als habe sich Audi selbst der Ressourcen beraubt, mit denen ein Auto entstand, das ins heutige Umfeld hervorragend passen würde: Die Presseabteilung jedenfalls sah sich über Wochen außerstande, die richtigen Gesprächspartner zu vermitteln – sie seien alle an andere Konzernstellen versetzt oder pensioniert worden.

Andererseits konnte sich Audis Leichtbauzentrum mit dem Technologieträger weltweit einen Namen machen. Dessen heutiger Chef Timm möchte sich zum A2 nicht direkt äußern, weil er daran noch nicht beteiligt war. Eines jedoch will er zur Einstellung der Produktion deutlich anmerken: "Die Aluminium-Karosserie hatte darauf keinen Einfluss." Immerhin habe der A2 ja auch reichlich Auszeichnungen gewonnen, ergänzt Timm noch. Die tatsächlich beeindruckende Liste umfasst unter anderem den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland und die Auszeichnung "iF" des International Forum Design. Auch mit Zuverlässigkeit fiel der A2 angenehm auf: Laut ADAC-Pannenstatistiken erzielte er in den Jahren 2003 bis 2006 den ersten Platz in seiner Klasse sowie mehrere zweite Plätze.

Von Technikern begeistert, von normalen Kunden aber wenig enthusiastisch aufgenommen, scheint der dank Aluminium langlebige A2 heute auf dem Weg zum Klassiker – so gab es auch der frühere Audi- und heutige VW-Chef Martin Winterkorn kürzlich in der "ADAC Motorwelt" zu Protokoll. Den Beleg dafür liefert der Gebrauchtmarkt: Beim Autoportal Mobile.de zum Beispiel machte der A2 Anfang März 0,12 Prozent der Anfragen, jedoch nur 0,06 Prozent der Angebote aus – die Nachfrage war also doppelt so hoch wie das Angebot, während es bei der Mercedes-A-Klasse als direktem Konkurrenten sechsmal so viele Angebote wie Nachfragen gab.

Und wer trotzdem nicht glaubt, dass der A2 als Gebrauchter ein später Hit ist, der führe sich dies vor Augen: Unter anderem im Audi-Zentrum Berlin sah sich der Autor dieses Artikels nach einem A2 um, fand keinen und wollte seine Visitenkarte hinterlassen für den Fall, dass doch noch einer kommt. Der Händler aber wollte die Kontaktdaten erst gar nicht haben und gab dem enttäuschten Interessenten noch die Worte "Die Leute zahlen inzwischen bis zu 3000 Euro über dem Gebrauchtwagen-Listenpreis" mit auf den Weg.


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