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Extreme Kompaktautos: In der Golf-Klasse tobt der Exzess

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Extreme Kompaktautos: Der Wahnsinn hat Methode Fotos
Audi

Zwischen Audi, BMW, Mercedes und VW herrscht in der Kompaktklasse ein Wettrüsten. Jüngste Ausgeburt dieses Wahnsinns: ein A3 mit 525 PS. Den Herstellern geht es bei den überzüchteten Modellen vor allem ums Image.

Dem ersten Porsche genügten in den frühen Fünfzigerjahren noch 40 PS, um als Sportwagen zu überzeugen. Der BMW M1 war ab 1978 mit 277 PS ein Spitzentrumpf im Autoquartett, und wer damals einen 375 PS starken Lamborghini Countach zu Gesicht bekam, dem wurde schon beim Hinschauen schwindelig. Und heute? Sind solche Leistungswerte sogar in der Kompaktklasse erhältlich. Ein VW Golf GTI tritt beispielsweise mit bis zu 230 PS an.

Die Werkstuner von Audi, BMW und Mercedes gehen sogar deutlich weiter. Den vorläufigen Höhepunkt dieses Wettrüstens markiert jetzt der Audi A3 Clubsport Quattro, eine Studie mit irrwitzigen 525 PS und bis zu 600 Nm Drehmoment.

Hinter dem weit aufgerissenen Kühlerschlund des Stufenheckwagens sitzt ein Fünfzylindermotor. Das 2,5 Liter große Aggregat, dessen Steuerelektronik von der Audi-eigenen Quattro GmbH scharf gestellt wurde, ist mit einem Turbo mit bis zu 1,5 bar Ladedruck sowie einer nahezu widerstandsfreien Luftführung - zwecks eines besseren Wirkungsgrads - getunt.

So abenteuerlich die Leistungsdaten des A3 Clubsport Quattro in der Theorie klingen, so beherrschbar gibt sich das Auto in der Praxis. Der einzige Unterschied zu anderen schnellen Kompaktmodellen: Beim Tritt aufs Gaspedal erscheint die Umgebung plötzlich wie ein Film im Vorspulmodus. Für den Spurt von 0 auf Tempo 100 braucht dieses Auto nämlich gerade mal 3,6 Sekunden, und Schluss ist erst bei 310 km/h.

Mehr PS als ein Porsche Carrera S

Audi macht keinen Hehl daraus, dass die Studie als Stilvorlage für das Modell RS3 dient, das im Frühjahr 2015 erscheinen wird. Allerdings wird das Serienauto nicht ganz so extrem wie das Showcar. Laut Heinz Hollerweger, dem neuen Chef der Quattro GmbH, sei eine Leistung von knapp über 200 PS pro Hubraum-Liter technisch zwar machbar - jedoch würden die Motoren dabei sehr stark belastet. Außerdem muss die Hierarchie in der Modellpalette gewahrt werden: Mehr als die nächst größeren Baureihen RS4 und RS5 darf der RS3 kaum leisten. Deshalb belässt es Audi wohl bei rund 450 PS.

Das ist allerings ein höherer Wert als bei einem Porsche Carrera S. Angesichts immer strengerer Umweltauflagen und einem Alltagsverkehr, der kaum Platz zum Gasgeben lässt, stellt sich also die Frage: Machen solche Exzesse bei einem Kompaktauto überhaupt Sinn - oder wäre das Budget in dieser Klasse nicht bei der Erforschung von zeitgemäßeren Technologien abseits des PS-Wahns besser aufgehoben?

Solche Bedenken wischt Hollerweger beiseite: Dass es Audi mit alternativen Antrieben und der Reduktion des CO2-Ausstoßes ernst meine, bewiesen ja schon Fahrzeuge wie das Hybridmodell A3 E-tron. Außerdem habe man viel investiert, um das Konzeptauto wenigstens unter die CO2-Grenze von 200 Gramm je Kilometer zu drücken. Und zudem, so der Quattro-Chef, verbrauche ein kleiner 500-PS-Sportwagen weniger Sprit als ein großer. Wie praktisch, dass es immer irgendwo eine noch größere Dreckschleuder gibt.

Hauptsache unvernünftig

Dieser Wahnsinn habe Methode, sagt Automobilexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Denn die Hersteller wollten mit Autos wie der Quattro-Studie vor allem eines beweisen: dass trotz des Ringens um CO2-Grenzwerte und Flottenverbräuche die pure Lust am Fahren nicht verloren gehe.

"Solche Sportmodelle sind Imageträger, die als Leuchttürme auf die gesamte Baureihe abstrahlen sollen", sagt der Professor. "Damit verlieren die Kompakten das Stigma der Sparmodelle und werden weniger als vernünftige Verzichtsautos wahrgenommen. Auch von jenen, die am Ende doch in einem 150-PS-Diesel statt einem 500-PS-Turbo sitzen."

Selbst wenn der Clubsport Quattro in der sehr extremen Form der Studie wohl nur ein Einzelfall bleiben wird, herrscht an Kraftmeiern in der Kompaktklasse kein Mangel: Schon jetzt gibt es bei Mercedes eine A-Klasse und einen CLA als 45 AMG, deren Zweilitermotor 360 PS leistet. Und BMW bietet den neuen 2er auch als M 235i mit einem 326 PS starken Sechszylindermotor an - ausgerechnet dieses Auto ist mit einem Verkaufsanteil von 19 Prozent das erfolgreichste M-Modell innerhalb der BMW-Baureihen.

Großer Zirkus, kleine Stückzahlen

Und das Wettrüsten setzt sich fort. Angestachelt vom ausverkauften 1er-M-Coupé und dem Erfolg des M 235i plant BMW angeblich einen M2, also einen extremen Ableger des 2013 eingeführten Coupémodells. VW-Chefentwickler Heinz-Jakob Neußer wiederum liebäugelt mit einer Kleinserie der in Peking präsentierten Golf-R-Studie mit 400 PS.

Fürs Marketing mögen solche Autos wichtig sein, doch in den Bilanzen spielen sie laut Autoexperte Stefan Bratzel keine große Rolle. "Der Umsatz pro Fahrzeug ist zwar genauso üppig wie der CO2-Ausstoß. Doch bei den vergleichsweise geringen Stückzahlen fällt weder das eine noch das andere ernsthaft ins Gewicht."

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1. Natürlich machen solche
haltetdendieb 28.07.2014
Auto fahren soll Spass machen. Allen grünen Unkenrufen zum Trotz. Ein Audi S3 mit 450 PS, das sieht doch gut aus. Wieso nicht? Damit nimmt - wieder einmal - ein deutsches Produkt - allen anderen besonders den italienischen Gurken die Butter vom Brot. Ein prima Modell, besonders in Audiblau! Wenn ich noch mal jung wäre, mit meiner Reaktion is dat nix mehr. Aber träumen wird man ja wohl noch mal dürfen. Der zersägt sogar manch einen Ferrari. Ab geht die Luzie!
2. Doppelvergaser
huettenfreak 28.07.2014
Da hätte man in den Trabant auch einen Doppelvergaser implementieren können. Oder wie wäre es mit einem zweiten Motor hinten, wie bei der Sahara-Ente?
3.
wqa 28.07.2014
Zitat von sysopAudiZwischen Audi, BMW, Mercedes und VW herrscht in der Kompaktklasse ein Wettrüsten. Jüngste Ausgeburt dieses Wahnsinns: ein A3 mit 525 PS. Den Herstellern geht es bei den überzüchteten Modellen vor allem ums Image. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/audi-a3-clubsport-quattro-immer-extremere-autos-in-der-kompaktklasse-a-980095.html
Etwas von Gestigen für Gestrige. Das kann jeder mittelmäßige Ingenieur mit den entsprechenden Geldmitteln. Genial ist anders.
4. Falscher Ansatz
Rudolf_56 28.07.2014
"Der Umsatz pro Fahrzeug ist zwar genauso üppig wie der CO2-Ausstoß. Doch bei den vergleichsweise geringen Stückzahlen fällt weder das eine noch das andere ernsthaft ins Gewicht." ...Genau dieser Satz ist es, der dem Massenverbraucher das schlechte Gewissen erhalten soll. Denn die paar Monsterautos machen es denn wirklich nicht. Die Ausnahmefahrer sind also fein raus. So leicht kann man es sich auch machen.
5. Mercedes immer noch am vernünftigsten
dosmex 28.07.2014
Zitat von sysopAudiZwischen Audi, BMW, Mercedes und VW herrscht in der Kompaktklasse ein Wettrüsten. Jüngste Ausgeburt dieses Wahnsinns: ein A3 mit 525 PS. Den Herstellern geht es bei den überzüchteten Modellen vor allem ums Image. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/audi-a3-clubsport-quattro-immer-extremere-autos-in-der-kompaktklasse-a-980095.html
Wenn man dies so liest, dann scheinen die Mercedes-AMG-Modelle mit ihren 360Ps noch am vernünftigsten zu sein. Ein bisschen Power darf ruhig sein, aber was Audi und BMW da planen, ist doch etwas übertrieben. Ich sehe schon die Möchtegern-Schumis, wie sie, behaftet von Minderwertigkeitskomplexen, mit solchen Renn-Eiern auf Porschejagd gehen. Schon jetzt ist meine Beobachtung die, dass vor allem Audi-Fahrer jeden BMW oder gar Mercedes vor ihnen als Konkurrenten sehen, der koste es was es wolle, überholt werden muss.
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