Autonomes Fahren Aus Freude am Rumlümmeln

Wer braucht in Zukunft schon Fahrspaß und schicke Karosserien? Bei selbstfahrenden Autos zählt vor allem die Inneneinrichtung. Zwei Extrembeispiele von der IAA.

Renault

Aus Frankfurt berichtet


Eines der großen Versprechen selbstfahrender Autos lautet: Maximaler Komfort auf allen Plätzen. Lenkt der Wagen autonom, soll man es sich bequem machen können - der Pkw als mobile Couch. Wie man diese Idee zu Ende denkt, zeigt jetzt Renault auf der IAA. Das Konzeptfahrzeug Symbioz, eine 4,70 Meter lange Limousine, kann nicht nur in der Garage oder am Straßenrand geparkt werden, sondern direkt im Wohnzimmer. Dort klappen dann Türen und Dach auf, und das Auto wird zur Sitzgruppe. Im Video wird gezeigt, wie das geht:

Renault

Zugegeben, man braucht dazu schon die passende Behausung, und in der Wohnung, durch die der Symbioz bis vor den Fernseher rollt, möchte man auch nicht für den Putzplan verantwortlich sein. Aber die Studie des französischen Herstellers verdeutlicht sehr pointiert einen Wandel in der Automobilentwicklung: Je ausgereifter die Technologie für autonomes Fahren wird, desto mehr Bedeutung gewinnt das Interieur der Fahrzeuge.

"Früher waren wir Verpackungskünstler, doch in Zukunft werden wir die Autos wie Innenarchitekten gestalten", sagt zum Beispiel Marc Lichte. Der Chefdesigner von Audi hat für die IAA das Showcar Aicon entworfen, das ähnlich radikal ist wie der Renault Symbioz.

Der Aicon ist mit zwei riesigen Loungesesseln bestuhlt, hat eine Fußbodenheizung, und bei Bedarf klappt noch ein kleines Sofa aus der Rückwand. Was dieser Audi dagegen nicht hat: Lenkrad und Pedale. Das kennt man zwar bereits aus den ersten Prototypen der selbstfahrenden Google-Autos; aber für einen Traditionshersteller, der gerne die Fahrdynamik seiner Produkte hervorhebt, ist das neu.

Die Vordersitze im Audi Aicon
AUDI AG

Die Vordersitze im Audi Aicon

"Es geht mehr denn je um ein angenehmes Raumgefühl", sagt Lichte über die schöne neue Innenwelt der Autos. Nicht nur Lenkrad und Gaspedal scheinen darin keinen Platz mehr zu haben, sondern auch Tasten und Schalter. Bildschirme? Erscheinen nur, wenn man sie wirklich braucht. Im Aicon lassen sich die Touchscreens herbeizaubern, indem man auf das Holz der Innenverkleidung klopft. Wer sich mit seinen Mitfahrern unterhalten möchte, kann den Sitz in jeder Richtung um 20 Grad drehen. "Genug, damit man bequemen Blickkontakt hat und sich trotzdem nicht mit den Beinen in die Quere kommt", sagt Lichte. Entgegen der Fahrtrichtung zu reisen, möchte er im Auto dagegen keinem zumuten.

Laurens van den Acker, Design-Chef bei Renault und Schöpfer des Symbioz, geht da einen Schritt weiter und lässt die Sitze auf Wunsch auch um 180 Grad rotieren. Dann kann man sich auch richtig in die Augen blicken, und für den Einsatz in den eigenen vier Wänden sind die Drehsessel sowieso praktischer.

Fotostrecke

19  Bilder
Autonomes Fahren: Fährst Du noch oder wohnst Du schon?

Das autonome Fahren bringt aber nicht nur die Sitzordnung in den Pkw durcheinander, es befreit die Designer noch von ein paar anderen Zwängen - jedenfalls, wenn man den offenbar grenzenlosen Optimismus von Marc Lichte teilt: "Weil der Autopilot keinen Unfall mehr baut", sagt er, "braucht man weder Gurte, noch Sitze mit voluminösen Sicherheitsstrukturen". Im Aicon hat er deshalb schlanke Sessel, die anstelle einer Kopfstütze einen Stehkragen aus Stoff haben. Laurens van den Acker verwendet im Symbioz sogar Materialien wie Marmor.

Hersteller wie Audi oder Renault versuchen mit der Weiterentwicklung des Innendesigns aber auch, ihr tradiertes Geschäftsmodell zu retten. "Wir müssen uns etwas einfallen lassen, wie wir auch in Zukunft Begehrlichkeit wecken und die Kunden zum Kaufen animieren können", sagt Lichte. Denn Maßstäbe wie die Höchstgeschwindigkeit oder Kurvendynamik werden bei selbstfahrenden Autos eine untergeordnete Rolle spielen - vor allem, wenn sie wie von Lichte erhofft weniger Unfälle bauen sollen. Der Aicon ist jedenfalls auf eine Reisegeschwindigkeit von 130 km/h ausgelegt.

Desinfektionsspray als Serienausstattung

Wo Lichte und van den Acker die automobile Entsprechung zum Eigenheim oder zumindest zur penibel gepflegten Hotelsuite skizzieren, zeigt die IAA auch den krassen Gegenentwurf, der ebenfalls erst durch das autonome Fahren möglich wird: Robotertaxen wie die Konzeptfahrzeuge Sedric aus dem VW-Konzern oder der Smart Vision EQ sind aufs Wesentliche reduziert und minimalistisch ausgestattet, unverwüstlich und abwaschbar - Desinfektionsspray in den Ablagefächern inklusive. In diese Kategorie passt auch das ursprüngliche Google-Auto.

Smart vision EQ fortwo
Daimler AG

Smart vision EQ fortwo

Wenn Männer wie Marc Lichte oder Laurens van den Acker von einer Revolution im Automobildesign sprechen, dann nehmen sie den Mund vielleicht ein bisschen voll. Doch auch Designkritiker Paolo Tumminelli billigt den Karosserie-Kreativen durchaus ein Umdenken zu: "Wir sind auf dem Weg zu einem neuen Anfang", sagt der Kölner Professor und registriert tatsächlich einen Perspektivwechsel: "Über Jahrzehnte brauchte das Auto vor allem eine verführerische Verpackung. Doch jetzt zählen plötzlich die inneren Werte", sagt er. "Zum ersten Mal werden die Wagen fast wie Wohnungen von innen nach außen gestaltet."

Die Kanzlerin wünscht sich eine Küche im Auto

Allerdings gehen dem Experten die Entwürfe noch nicht weit genug. "Es reicht nicht, das Lenkrad und die Pedale wegzulassen oder die Sitze zu drehen. Man könnte da noch ein paar mehr Tabus brechen".

Um das Auto komplett neu zu denken, wären nach Ansicht von Paolo Tumminelli branchenfremde Kreative wie Modedesigner oder Architekten wie geschaffen. Aber selbst für deren Visionen gebe es noch die eine große Hürde: Unternehmensvorstände. "Denn je moderner solche Entwürfe werden, desto älter lassen sie die aktuellen Modelle aussehen."

Ob die Markenchefs vielleicht auf die Kanzlerin hören? Als Angela Merkel auf ihrem Rundgang über die IAA auf dem Audi-Stand auftauchte, hatte sie einen Verbesserungsvorschlag für den Aicon: "Da brauchen wir noch eine kleine Küche drin und so, aber das kommt dann schon."


Weitere Neuheiten der IAA sehen Sie in der Bildergalerie:



insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
peterbruells 15.09.2017
1. Ach je.
Natürlich kann man an Konzepten für den Innenraum autonom fahrender Aitos arbeiten. Das heißt sich nicht mit der Arbeit am autonomen Fahren. Aber letzteres ist der kritische Pfad. Wer nur Konzepte für den Innenraum abliefert, wird dann eben Zulieferer für die, deren Autos tatsächlich auch autonom fahren. Und diese Konzepte werden eben auch erst dann interessant.
gsa 15.09.2017
2. Nichts für mich
Interessante Spielereien, aber nichts für mich. Zu meinem Haus führt ein 2 km langer Waldweg. Die dort auftauchenden Hinder- und Ereignisse wird wohl keine sensorbestückte Plastikschale erkennen. Und diese Monsterräder, die mit Klebeband umwickelten Lochscheiben ähneln, sind hier auch fehl am Platze.
acitapple 15.09.2017
3.
Zitat von gsaInteressante Spielereien, aber nichts für mich. Zu meinem Haus führt ein 2 km langer Waldweg. Die dort auftauchenden Hinder- und Ereignisse wird wohl keine sensorbestückte Plastikschale erkennen. Und diese Monsterräder, die mit Klebeband umwickelten Lochscheiben ähneln, sind hier auch fehl am Platze.
Was passiert wohl auf so einem Waldweg ? Bestimmt weniger als auf der Straße, oder wieviel Wildwechsel herrscht da ? Autonome Fahrzeuge würde anhalten wenn ein Reh aus dem Wald bricht…
lobivia 15.09.2017
4. Das ist Marktwirtschaft
Wenn denn Breitreifen, Gewindefahrwerke und starke Motoren keinen "Sinn" mehr ergeben, dann muss den Leuten das Geld eben mit pseudoedlem Innenraumblingbling aus der Tasche gezogen werden. Marketing erzeugt Bedürfnisse, von denen die Menschen zuvor nichts geahnt haben.
lobivia 15.09.2017
5. Interessant
Zitat von acitappleWas passiert wohl auf so einem Waldweg ? Bestimmt weniger als auf der Straße, oder wieviel Wildwechsel herrscht da ? Autonome Fahrzeuge würde anhalten wenn ein Reh aus dem Wald bricht…
Und wie reagiert ein autonomes Fahrzeug auf das Trolley-Problem? Müssen wir da nicht moralische Vorgaben machen, die weder sachlich noch ethisch von uns selbst ausgeübt werden können? Selbst das technische Problem ist immens. Es hat sich noch kein Kybernetiker gemeldet, der auch nur einen Weg zur Lösung dieses Problems gefunden hätte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.