Audi Balanced Mobility Ein Autohersteller als Öko-Aktivist

Manche Hersteller machen in Carsharing, andere preschen mit E-Autos vor. Audi will die Mobilität der Zukunft "ganzheitlich denken", wie Vorstandschef Rupert Stadler sagt. Um dereinst CO2-neutral Pkw fahren zu können, werden jetzt erst einmal vier Windräder errichtet.

Von Jürgen Pander


Bei der Herstellung des Kompaktwagens Audi A3 fallen ungefähr sechseinhalb Tonnen CO2 an. "Das ist ein ziemlich schwerer Rucksack voller klimaschädlichem Gas, den so ein Auto schon vor dem ersten zurückgelegten Kilometer auf dem Buckel hat", sagt Heinz Hollerweger, Leiter der Gesamtfahrzeugentwicklung bei Audi. "Bislang geht es immer nur darum, wie viel CO2 bei der Nutzung eines Fahrzeugs ausgestoßen wird. Um aber wirklich ökologische Verantwortung zu übernehmen, müssen wir auch die Produktion und das Recycling von Autos betrachten." Solche Überlegungen hört man von Automännern sonst eher selten. Bei Audi führten sie jetzt zu einem neuen Projekt mit Namen Balanced Mobility, das langfristig in eine CO2-neutrale Mobilität münden soll.

Der erste Schritt dahin wird jetzt in Angriff genommen: Audi will im Nordsee-Windpark Riffgat, der ab diesem Sommer etwa 15 Kilometer nordwestlich der ostfriesischen Insel Borkum entstehen soll, vier Windräder mit einer Leistung von je 3,6 Megawatt errichten. Anfang 2013 soll der Windstrom ins Netz eingespeist werden. "Unsere vier Windkraftanlagen erzeugen pro Jahr etwa 53 Gigawattstunden. Das entspricht in etwa den Strombedarf einer Stadt mit 35.000 Einwohnern", sagt Reiner Magnold, der Leiter des Projekts bei Audi.

Tatsächlich jedoch plant Audi, lediglich 20 Gigawattstunden ins Stromnetz einzuspeisen. Die übrige elektrische Energie soll teilweise in die Autoproduktion fließen, und direkt in die Tanks der künftigen E-Tron-Elektromodelle. Soweit ist die Idee aber nicht neu. Allerdings gehen die Überlegungen bei Audi noch weiter. Denn parallel zu den Windrädern auf hoher See entsteht im niedersächsischen Werlte eine Anlage, in der mit dem Windstrom zunächst Wasserstoff und in einem zweiten Schritt aus dem Wasserstoff und CO2 schließlich Methan erzeugt wird; synthetisches Erdgas sozusagen, Audi spricht von E-Gas.

Das Verfahren, durch eine chemische Reaktion Kohlendioxid und Wasserstoff in Methan und Wasser umzuwandeln, ist als Sabatier-Prozess bekannt, benannt nach dem französischen Chemiker Paul Sabatier, der es 1906 entdeckte. Das CO2 für die E-Gas-Gewinnung in Werlte stammt übrigens aus einer benachbarten Biogas-Anlage. Nach Angaben des Projektleiters sollen in der weltweit bislang einzigartigen industriellen Anlage mit einer Leistung von sechs Megawatt pro Jahr etwa tausend Tonnen synthetisches Erdgas unter Einsatz von 2800 Tonnen CO2, das sonst in die Atmosphäre entweichen würde, hergestellt werden. Der Wirkungsgrad vom Ökostrom hin zum E-Gas beträgt übrigens knapp 60 Prozent; würde man die Abwärme sinnvoll nutzen, ließe sich dieser Wert noch steigern.

Audi baut künftig Erdgas-Autos - und Ökostrom wird in großem Stil speicherbar

Für Audi hat dieses Vorgehen zweierlei Folgen. Erstens werden die Ingolstädter künftig Erdgas-Autos anbieten. Ende 2013 soll der neue A3 Sportback TCNG auf den Markt kommen, ein Kompaktauto mit 1,4-Liter-Motor und 110 PS, das mit Erdgas oder Benzin betrieben werden kann. Auch vom Nachfolger des aktuellen Mittelklasse-Typs A4 soll es eine CNG-Variante geben. Der Charme dieser Autos wäre es, dass sie mittelbar mit Ökostrom betankt werden könnten, aber dennoch keinerlei Reichweitennachteil hätten. Allein mit dem Gastank des künftigen A3, der 15 Kilogramm (bei 200 bar) fasst, käme man rund 400 Kilometer weit.

Mindestens ebenso interessant ist jedoch die zweite Folge aus dem E-Gas-Projekt. Entwicklungsvorstand Dick formuliert es so: "Unsere Technologie besitzt das Potential, der Diskussion über den Ausbau erneuerbarer Energien eine neue Richtung zu geben." Denn das große Problem, wie denn die stark schwankende Strommenge aus Windkraft oder Sonnenenergie in eine verlässliche, gleichmäßige Energieversorgung überführt werden kann, ließe sich eventuell durch die Methanisierung des Ökostroms lösen.

Das deutsche Erdgasnetz hat nach Angaben von Projektleiter Mangold eine Speicherkapazität von zirka 130 Terawattstunden. Das ist, grob überschlagen, der gesamte Strombedarf in Deutschland für zwei bis drei Monate. So lang andauernde Flauten an sämtlichen Windkraftanlagen waren aber bislang noch nicht festzustellen. Allerdings geht bei der Umwandlung von Ökostrom in Methan und dann wieder zurück in Strom reichlich Energie verloren. Lediglich 30 Prozent Wirkungsgrad hätte dieser Kreislauf, der aber dennoch den unschätzbaren Vorteil hätte, weitgehend CO2-neutral zu sein.

Ökostrom, Wasserstoff oder Methan - ganz wie benötigt

Und noch etwas hat dieses Projekt für sich, denn in der Prozesskette entstehen nacheinander Windstrom, Wasserstoff und Methan. Alle drei Energieträger gelten als höchst zukunftsfähig und je nach dem, welcher gerade gebraucht wird, lässt sich die Kette an jeder Stelle anzapfen.

Den oben skizzierten, ersten Schritt lässt sich Audi rund 60 Millionen Euro kosten. Das sagt das Unternehmen nicht selbst, aber man kann es sich ungefähr ausrechnen. Die Methanisierungsanlage in Werlte kostet nach Angaben eines der Projektpartner zwischen 15 und 20 Millionen Euro, und jedes der vier Windräder dürfte zirka 10 Millionen Euro kosten. Viel Geld? Nur mal so zum Vergleich: Der von Audi gesponserte FC Bayern soll 18 Millionen Euro für Torwart Manuel Neuer vom FC Schalke geboten haben. Auch eine Zukunftsinvestition.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
No_Name 13.05.2011
1. Feigenblatt
Zitat von sysopManche Hersteller machen in Carsharing, andere preschen mit E-Autos vor. Audi will die Mobilität der Zukunft "ganzheitlich denken", wie Vorstandschef Rupert Stadler sagt. Um dereinst CO2-neutral Pkw*fahren zu können, werden jetzt erst einmal vier Windräder errichtet. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,762402,00.html
beste Feigenblatt-PR. Kein Auto im Angebot, das im Alltagsbetrieb weniger verbraucht als ein 13 Jahre alter Peugeot106, aber auf grün tun.
einblick1984 13.05.2011
2. *reusper*
Zitat von No_Namebeste Feigenblatt-PR. Kein Auto im Angebot, das im Alltagsbetrieb weniger verbraucht als ein 13 Jahre alter Peugeot106, aber auf grün tun.
Ich weiß ja nicht, was ihr 13 Jahre alter Peugot106 verbraucht, aber mit meinem Audi A3 BJ 2007 gelang es mir ohne Probleme auf der Tour von Deutschland nach Kroatien und zurück einen Durchschnittsverbrauch von 4,9 L/100km zu messen und zwar gemessen mit den Tankquittungen und nicht mit dem Boardcomputer(wobei der ähnlich war). Das fand ich recht beeindruckend. Der Audi A2 galt seinerzeit übrigens als echter Sparmeister.
cor 13.05.2011
3.
Zitat von No_Namebeste Feigenblatt-PR. Kein Auto im Angebot, das im Alltagsbetrieb weniger verbraucht als ein 13 Jahre alter Peugeot106, aber auf grün tun.
Mal abgesehen davon, dass so einige Audis weniger als der Peugeot106 verbrauchen vergessen Sie offensichtlich völlig die Tatsache, dass der 106 nicht mal im Ansatz in Punkto Sicherheit, Komfort, Geschwindigkeit, Alltagstauglichkeit usw. mithalten kann. Aber ja, mein Fahrrad verbraucht auch weniger als jeder Audi.
lhr 13.05.2011
4. .
Endlich gibt macht mal ein Hersteller den CO2 Verbrauch fuer die Herstellung des Auto bekannt und denkt insbesonder auch weiter. Um den CO2 Verbrauch eines PKW ganzheitlich vergleichen zu koennen, mussete man aber noch viel mehr Details wissen, insbesonder, ob die angegebe Zahl den ganzen Produktionsablauf abdeckt oder nur die Energie, die bei Audi anfaellt. Man muesste auch den Energieverbauch mit einbeziehen, der erforderlich ist, die Logistikkette zu betreiben z.B. Einzelteile werden erst um die 'halbe Welt' zur Endmontage gebracht oder auch den Transport zum Kunden. Nur den Verbrauch der Autos zu vergleichen und zu reduzieren ist wichtig aber eben nur ein Teil der ganzen Wahrheit.
mayer60 13.05.2011
5. Naja, ...
Zitat von No_Namebeste Feigenblatt-PR. Kein Auto im Angebot, das im Alltagsbetrieb weniger verbraucht als ein 13 Jahre alter Peugeot106, aber auf grün tun.
...groß ist der Unterschied von einem A3 mit 105 PS und zeitgemäßer Sicherheit zu einem 106, welcher nur halb soviel Leistung hat und wesentlich beengter ist, aber nicht. Im Schnitt etwa ein guter halber Liter Diesel auf 100 km. Siehe für den 106 hier: http://www.spritmonitor.de/de/uebersicht/36-Peugeot/346-106.html?fueltype=1&constyear_s=1996&constyear_e=1997&powerunit=2 Und für den A3 hier: http://www.spritmonitor.de/de/uebersicht/3-Audi/20-A3.html?fueltype=1&constyear_s=2010&power_e=120&powerunit=2 Und wenn man es auf Minimalverbrauch wirklich anlegte, dann garantiere ich Ihnen, dass man mindestens gleichziehen kann. Auf etwas über 3 Liter läßt sich der Verbrauch bei Extremfahrweise runterbringen: http://www.stern.de/auto/fahrberichte/audi-a3-16-tdi-sparen-bis-der-arzt-kommt-1510957.html Dass man das auch mit der alten Klapperkiste schafft muß mir erstmal jemand nachweisen. Davon abgesehen hat die Technik 2 Vorteile: 1) Es werden im Feldversuch Erfahrungen gewonnen und ganz besonders wichtig: 2) Es wird die Energieträgerbasis der Flotte verbreitert und Ausweichmöglichkeiten geschaffen. Vom Imageeffekt, der wohl nur untergeordnet einzustufen ist, abgesehen, eine sehr sinnvolle Entwicklung! Your turn!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.