Zukunftstechnologien bei Audi Vorsprung durch Rhetorik

Fünfzylinder-Benziner, Allradantrieb oder Alu-Karosserie - der Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" war bei Audi lange Zeit kein leeres Versprechen. Heute wirkt die Marke irritierend unentschlossen, gerade auch bei wichtigen Zukunftsthemen.

Von Jürgen Pander

Jürgen Pander

Wie lässt sich Hightech sichtbar machen? Zum Beispiel mit einem 3-D-Film. Die Gäste des "Audi Future Lab tron-experience" in Berlin betrachten mit 3-D-Brillen auf der Nase drei rasante Audi-Typen, die scheinbar dreidimensional durch eine imaginäre Stadt der Zukunft brausen. Der Clip hat jedoch einen Schönheitsfehler: Eines der Autos ist ein Rennwagen, das andere ein unverkäuflicher Prototyp, das dritte ein Modell, das erst in eineinhalb Jahren auf die echten Straßen kommt. Irgendetwas für normale Autofahrer kaufbares - Fehlanzeige.

Willkommen bei Audi. Jener Marke, von der man nicht so recht weiß, ob momentan die Ruhe vor dem ganz großen Ding herrscht - oder ob sie die Richtung verloren hat.

Wolfgang Dürheimer, seit neun Monaten Entwicklungsvorstand in Ingolstadt, glaubt an Variante eins. Das große Ding hat er auch schon ausgeguckt. "Wir setzen konsequent auf Plug-in-Hybrid", sagt er. Noch vor gar nicht allzulanger Zeit klang das ganz anders, da wollte Audi mit der Hybrid-Technologie nichts zu tun haben. Stattdessen übernahm Toyota die Technologieführerschaft.

Warum der Sinneswandel? Dürheimer sagt, es gehe darum, dass "die Innenstädte wieder richtig lebenswert werden, wenn man in Straßencafés sitzen kann, ohne Schadstoffe in der Nase zu haben."

Wo bleiben die Innovationen?

Das klingt gut und ist rhetorisch geschickt. Das Problem dabei ist nur: Nachhaltig gestaltete Mobilität der Zukunft verbindet man aktuell eher mit anderen Herstellern. Zum Beispiel mit dem Toyota-Konzern, der allein im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Fahrzeuge mit Hybridantrieb verkaufte. Oder mit BMW - das Münchner Unternehmen will noch in diesem Jahr den Elektro-Kleinwagen i3 auf den Markt bringen, ein Auto in kombinierter Aluminium-Karbon-Bauweise, das von Grund auf für einen elektrifizierten Antriebsstrang entwickelt wurde.

Erwähnt man das gegenüber einem Audi-Verantwortlichen, wird die Gesprächsatmosphäre kühler. "Es ärgert uns schon, wenn unser Aluminium-Leichtbau-Konzept plötzlich als altmodisch gilt, nur weil anderswo Karbon eingesetzt wird", sagt ein Entwickler.

Nimmt man allein das Leergewicht als Vergleichsmaßstab, liegt Audi tatsächlich vorn. Der leichteste A3 bringt 1225 Kilogramm auf die Waage, beim BMW i3 sollen es 1250 Kilogramm sein, und die ähnlich große Mercedes A-Klasse wiegt 1360 Kilogramm. Doch während das Thema Leichtbau durchaus noch eine Domäne von Audi ist, wenn auch nicht mehr unangefochten, fahren die Ingolstädter bei den alternativen Antrieben hinterher.

Vielversprechende Projekte werden wieder eingestellt

Es gibt zwar Hybridvarianten in drei Baureihen, doch die spielen kaum eine Rolle und haben technisch keinerlei Alleinstellungsmerkmale. Und ein Elektroauto? Ist nicht in Sicht. Dabei schmiedete Audi vor drei Jahren noch große Pläne: Es hieß, man peile einen sechsstelligen Absatz von e-tron-Fahrzeugen für das Jahr 2020 an.

Das Ziel klingt heute völlig illusorisch, denn bislang ist noch keines dieser Autos auf dem Markt. Der Audi A1 e-tron - ein Elektrofahrzeug mit Einscheiben-Wankelmotor als sogenanntem Range-Extender - wurde im Frühling 2010 vorgestellt, wenige Monate später unternahm SPIEGEL ONLINE mit dem Prototyp eine Probefahrt. Aktuell fahren ein paar dutzend Exemplare im Rahmen der Bundesinitiative "Schaufenster Elektromobilität".

Dass der Wagen in dieser Form als Serienauto produziert wird, glauben jedoch nicht einmal die Optimisten bei Audi: Angeblich sei die Wankeltechnik im Heck des Wagens den Konzernherren in Wolfsburg ein Dorn im Auge.

Es fehlt die Strahlkraft

Schon der R8 e-tron wurde gestoppt. Der Elektro-Sportwagen sollte das erste E-Mobil von Audi werden, der Verkaufsstart war für Herbst 2012 geplant. Kurz zuvor legte der Wagen noch eine Rekordrunde für Elektrorenner auf der Nürburgring-Nordschleife hin, dann wurde der Wagen abserviert. Die zehn gebauten Exemplare durften Journalisten jetzt im Rahmen des Audi Zukunftslabors in Berlin über einen Mini-Rennparcours auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof hetzen. Ein eindrucksvolles Erlebnis - aber völlig folgenlos.

Audi sagt, der R8 e-tron sei aus Kostengründen gestoppt worden. Man habe zu Beginn des Projekts gehofft, dass die Akkupreise deutlich sinken würden. Das taten sie nicht, damit war die Kalkulation hinfällig. Entwicklungsvorstand Dürheimer: "Profitabilität steht bei uns auf der Prioritätenliste." Aber die Erkenntnisse der Ingenieure aus diesem Projekt seien ein wichtiges Kapital für die Zukunft.

Das Know-how trägt reichlich spät Früchte. Erst Ende nächsten Jahres - so die derzeitige Planung - soll der Audi A3 e-tron auf die Straßen kommen. Der Antrieb kombiniert einen 1,4-Liter-TFSI-Motor mit einer ins Getriebe integrierten Elektromaschine, was zu einer Systemleistung von 204 PS führt. Die elektrische Energie in der flüssigkeitsgekühlten, 8,8 kWh großen Lithium-Ionen-Batterie im Heck reicht für rund 50 Kilometer rein elektrische Reichweite; dazu gibt es noch einen 40-Liter-Tank für Benzin, so dass eine Gesamtreichweite von mehr als 900 Kilometern realistisch ist.

Einen genauen Preis für den A3 e-tron nennt Audi noch nicht, wohl aber einen "Zielkorridor", der zwischen 36.000 und 38.000 Euro liegt. Damit zieht das Auto in etwa gleich mit dem bislang einzigen Plug-in-Hybrid-Modell dieses Formats auf dem deutschen Markt, dem Toyota Prius Plug-in, der für 36.550 Euro angeboten wird. Eine Nummer größer und zwei Nummern teurer ist das Plug-in-Hybrid-Dieselmodell von Volvo, das 58.700 Euro kostet, und der künftige Porsche Panamera mit diesem Antrieb sowieso.

Vorsprung durch Technik? Ist bei Audi aktuell nicht erkennbar. Vielleicht bräuchten die Ingolstädter mal wieder den Mut, etwas Neues anzubieten. So wie vor langer Zeit den Fünfzylinder-Benziner, den Quattro-Allradantrieb, die Vollverzinkung, den TDI-Motor oder die Vollalu-Karosserie. Das Lieblingsmotto von Entwicklungsvorstand Dürheimer lässt hoffen. Es ist ein Satz von Hermann Hesse, den Dürheimer auch in Berlin zitiert. "Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen." Vorerst ist aber auch das nur Rhetorik.

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sogehtdasnicht 04.06.2013
1. Es wird Zeit
Zitat von sysopJürgen PanderFünfzylinder-Benziner, Allradantrieb oder Alu-Karosserie - der Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" war bei Audi lange Zeit kein leeres Versprechen. Heute wirkt die Marke irritierend unentschlossen, gerade auch bei wichtigen Zukunftsthemen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/audi-hat-die-vorreiterrolle-auf-mehreren-technologiefeldern-eingebuesst-a-902548.html
Wenn man Erfahrung mit neuen Technologien bekommen will, muss diese auf die Straße, in ordentlichen Stückzahlen. Und wenn man am Anfang halt draufzahlt. Langfristig rechnet sich das. Andere haben das verstanden. Das ausgerechent der große VW-Konzern das nicht hinbekommt, ist schon bezeichnend. Aber wenn man BWLer mit spitzem Bleistift die Entscheidungen treffen lässt, dann wirds dunkel. Eine Frage an die Experten im Forum: Hinkt der Vergleich zwischen Gewicht des Alu-Audi (ohne Akkus) und Elektro-BMW (mit Akkus)?
boingdil 04.06.2013
2. Satt geworden
Audi hat ein Luxusproblem: ihnen geht es zu gut. Obwohl - wie im Artikel richtig beschrieben - sie kein technisches Alleinstellungsmerkmal mehr haben, haben sie noch einen guten Ruf. Sie gelten als nicht so konservativ wie Mercedes und nicht als so sportlich/prollig wie BMW es in Teilen tut, also die "vernünftige" gehobene Klasse. Dumm nur, dass sie sich auf dem Poster ausruhen. Dazu gehört auch das Design. Die Familienähnlichkeit (Single Frame usw.) ist so übertrieben worden,dass man weder die Baureihen noch die Modellgenerationen ohne weiteres auseinanderhalten kann. Audi ist also auf dem besten Weg, langweilig zu werden. Ihnen fehlt der Mut für Experimente und besondere Fahrzeuge, auch mal das komplette Neuausrichten einer Baureihe (siehe A-Klasse). Aus Fortschritt durch Technik wird Rückstand durch Übersättigung. Wenn die Umsatzzahlen einmal einbrechen wird es zu spät sein...
smartphone 04.06.2013
3. Vorsprung in Obsoleszenz
wäre vielleicht angemessener. Statt in wirkliche Qualität wird massiv in Dinge investiert , die das gewünschte Image schon jetzt bei Kundigen massivst zerstört haben . lausige Lederqualität, schlechte Materialanmutung , generell auffälliger "Verschleiß" des Lacks usw ... ähnlich auch bei den Stuttgartern .......... Nur der Dumme kauft noch ein solches ( zudem völlig überteuertes ) Auto. Das klingt recht hart ,aber ein BWLer sollte halt sich aus solchen Fabriken raushalten ..
M. Michaelis 04.06.2013
4.
Hybridantriebe sind selbst nur Rhetorik denn der Schadstoffausstoss bei modernen Verbrennern ist so gering geworden dass diese nur noch einen minimalen Anteil an der urbanen Luftverschmutzung haben. Hybrid und Elektro sind die Lösung für ein Problem das überhaupt nicht mehr existiert.
bundestrollamt 04.06.2013
5. Downsizeing ist out
Quatsch. Wer braucht schon Elektromotoren und alternative Antriebsmöglichkeiten, wenn ich es mir leisten kann, mit einem RS4 auf der linken Spurkonstant mit 250 km/h durchzubrettern? Audi sollte deshalb gegen den Strom schwimmen. Upsizeing ist angesagt. Wenn die anderen Hersteller nur noch Hybrid-Karren bauen, will ich doch den neidischen Nachbarn mit seinem Toyota erst recht mit meinem W12 aufwecken.
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