Audi R8 LMS: Vom Boulevard in die Boxengasse

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Sehr teure und sehr auffällige Sportwagen werden mitunter als Spielzeuge für ältere Herren abgetan. Audi wirkt diesem Eindruck beim hauseigenen Athleten R8 nun entgegen - indem die Ingolstädter das Auto auch in einer Flügelmonster-Version für die Rennstrecke anbieten.

Es war ein Einstand nach Maß: Als Audi im Mai vier neue R8 LMS beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring heil ins Ziel brachte und zuvor sogar 17 Stunden lang in Führung lag, jubelten mit Sportchef Wolfgang Ullrich auch ein paar Dutzend passionierte Schnellfahrer rund um den Globus. Sie werden wohl bald ein kleines Vermögen nach Ingolstadt überweisen, um den schärfsten Sportwagen im Zeichen der vier Ringe in die eigene Garage stellen zu dürfen.

Die 24 Stunden in der Grünen Hölle waren der letzte große Testlauf für ein ambitioniertes Entwicklungsprojekt, das in Audis Rückkehr in den Kundensport mündet. Nach dem R8 mit V8- und V10-Motor und kurz vor der Premiere des offenen Modells Spyder bringt Audi den Sportler auch als Rennwagen für die FIA GT3-Serie. Die ersten neun Rennwagen sind bereits im Einsatz, bei Teams mit einem besonders kurzen Draht zu Audi. Im nächsten Jahr sollen dann 20 echte Kundenfahrzeuge entstehen, 2011 sogar rund 35, skizziert Ullrich die Marschroute.

Mit dem Serienmodell hat der Flügelstürmer nur noch grobe Parallelen. Form und Chassis sind zwar identisch, doch um den Schwerpunkt abzusenken, kauert sich der jetzt nur noch 1,19 Meter flache R8 LMS gut fünf Zentimeter tiefer auf die Straße. Um die vorn 27 und hinten 31 Zentimeter breiten 18-Zoll Räder unterzubringen, wurden die Flanken um acht Zentimeter ausgestellt. Und weil auf dem Heck der riesige Flügel des Le-Mans-Renners sitzt, geht der Sportler um vier Zentimeter in die Länge. Außerdem wird die Karosserie aus Kohlefaser gebacken und damit - zusammen mit dem radikal abgespeckten Innenraum - das Gewicht um etwa 400 auf 1250 Kilo gedrückt.

Nur der Motor stammt aus der Serie. Allerdings ist der 5,2 Liter große V10-Direkteinspritzer befreit von den Fesseln der Zulassungsordnung und hat es, wie erwähnt, mit weniger Masse zu tun. Audi schweigt mit Blick auf den Wettbewerb über die konkreten Daten. Doch sei der Rennwagen mit "mehr als 500 PS und über 500 Nm" sicher nicht schwächer als das Serienmodell, heißt es. Als Sprintwert dürfen wohl rund 3 Sekunden von 0 auf Tempo 100 angenommen werden. Und wer eine ausreichend lange Gerade findet, schafft sicher deutlich über 300 km/h Höchstgeschwindigkeit. Und weil es sich um einen Rennwagen handelt, schweigt Audi auch in Sachen Verbrauch.

Vom viel gelobten Alltagskomfort des Serienmodells ist im Rennwagen nichts mehr übrig. Hinter das kleine Lenkrad gelangt man nur nach einer Kletterpartie durch den Überrollkäfig, die schwarzen Schalensitze sind eng wie ein Schraubstock, und statt einer Klimaanlage gibt es Luftschlitze in den Seitenscheiben. Auf der Mittelkonsole sind die Schalter verteilt wie auf dem Stellpult einer Modelleisenbahn. Und statt schicker Uhren gibt es im Cockpit lediglich ein digitales Display, auf dem eine rasend schnelle Lichtorgel mit Schalthinweisen flackert.

Das Auto schleift beinahe über den Asphalt

Der Fahrkomfort schrumpft auf ein Minimum. Sobald die Boxencrew die vier Hydraulikzylinder einfährt, mit denen der R8 zum Reifenwechsel aufbockt wird, bleibt zwischen Piste und Karbonspoilern nur noch einen Fingerbreit Platz - viel Federweg darf man also nicht erwarten. Dafür klebt der R8 auch ohne den vom FIA-Reglement verbotenen Allradantrieb auf der Straße: "Das Auto ist extrem gutmütig", schwärmt Audi-Pilot Frank Biela. "Selbst im Grenzbereich lässt sich der R8 LMS sauber im Drift bewegen und stellt den GT3-Kunden nicht vor unlösbare Probleme."

Dass der R8 LMS mittlerweile den Belastungen eines Rennwochenendes standhält, haben die Bayern bereits bewiesen. Doch für Motorsportchef Wolfgang Ullrich ist der Rennwagen nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine Art Premiere. Denn das Auto ist nach vielen Jahren Pause der erste Audi für den Kundensport. Wer 311.780 Euro überweist, kann den Wagen kaufen, in Eigenregie einsetzen oder in seine Sammlung stellen.

Bei Rennen werden Audi-Techniker vor Ort sein

Weil Ullrich in den Vorgesprächen mit potentiellen Kunden gelernt hat, dass den R8 LMS wohl mehr Fahrer als Sammler bestellen werden, muss er sich neuen Herausforderungen stellen. "Mit so einem Auto können sie ja nicht zu jedem x-beliebigen Audi-Händler fahren, wenn sie ein Problem haben", sagt der Sportchef. Deshalb wird neben dem Auto auch ein neues Servicekonzept entwickelt. "Jeder kann jederzeit im neu eingerichteten Kunden-Sportzentrum in Ingolstadt anrufen, Expertenrat einholen, Ersatzteile bestellen oder gleich mit dem Auto vorbeikommen", sagt Ullrich und weiß selbst, dass das nicht genügen wird. Deshalb will Audi bei Rennen auch vor Ort Serviceteams einsetzen.

Es gibt günstigere Zeiten, um Besserverdiener in die Boxengasse zu locken und Bankern oder Broker zum Umstieg vom Zweireiher in den Rennanzug zu bringen. Doch für den Audi R8 LMS ist die Wirtschaftsflaute offenbar kein Problem: "Zumindest fürs nächste Jahr haben wir mehr Mühe, die geplanten Autos auch zu bauen, als Kunden für die Wagen zu finden."

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