Autogramm Audi RS6 Avant: Der Familienbeschleuniger

Von Jürgen Pander

Autogramm Audi RS6 Avant: Von allem mehr Fotos
Audi

Ein Gourmet-Buffet für 50 Leute, das man allein verputzen darf - so fühlt sich das Fahren im neuen Audi RS6 an. Das Auto ist eine rollende Luxus-Lounge für die ganze Familie, die in 3,9 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt. Das hat natürlich seinen Preis, nämlich 107.900 Euro. Mindestens.

Der erste Eindruck: Sagen Ihnen die Namen "Airwolf", "Big Monster" oder "Sky Dance" etwas? Das sind Rummelplatz-Fahrgeschäfte, in denen man heftig herumgeschleudert wird, nicht mehr genau weiß, wo oben und unten ist und sich dieses herrlich-beklemmende Kribbeln in der Magengrube einstellt. So ungefähr fühlt sich der Audi RS6 an, wenn der Gurt geschlossen, der Startknopf gedrückt und dann das Gaspedal getreten wird. Der Wagen ist ein Spektakel, grandios und aberwitzig zugleich, und sehr wahrscheinlich gehört er einer aussterbenden Art an.

Das sagt der Hersteller: Seit elf Jahren verkauft Audi das Modell RS6 Avant, einen Kombi mit Rennsporttechnik. Oder, anders ausgerückt, ein Rennauto mit Großfamilienladeraum. Modellgeneration eins trat mit 450 PS an, Modellgeneration zwei mit 580 PS, der jetzt vorgestellte, aktuelle Typ fährt mit 560 PS vor. Rund 12.000 Exemplare wurden bislang insgesamt verkauft, die größten Märkte für diese Art von Autos sind Deutschland, Großbritannien und die Schweiz. Was den Wagen ausmacht, formuliert ein Audi-Sprecher so: "Der RS6 hat einfach eine höhere Akzeptanz als ein reiner Sportwagen. Denn er bietet ein gewisses Maß an Seriosität in allen Lebenslagen."

Das ist uns aufgefallen: Das mit der Seriosität dürfte nicht jedem einleuchten. Wer zum Beispiel in einem x-beliebigen Modell auf der Autobahn mit Tempo 150 arglos einen Lkw überholt, und im nächsten Moment den "entschlossenen Blick" - wie RS6-Projektmanager Christian Teubner es nennt - des heranfliegenden Audi-Zweitonners im Rückspiegel erkennt, dürfte eher entsetzt sein über das, was die Straßenverkehrsordnung so alles ermöglicht.

Zum Beispiel einen voll familientauglichen, wuchtig-geräumigen Kombi mit einem Laderaum von bis zu 1680 Liter Fassungsvermögen, der bis unter den schwarzen Dachhimmel vollgestopft werden kann mit den tollsten Komfort- und Assistenzsystemen und der obendrein in 3,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100 beschleunigt.

Fährt man mit diesem Auto, wird plötzlich alles so leicht. Der V8-Biturbo-Motor, die erste serienmäßige Luftfederung bei Audi, der Allradantrieb, die Sportsitze und das pechschwarze Interieur mit den vielen Alu-Zierleisten und den roten Schmucknähten ergeben eine Melange aus Luxus und Hightech, die fast schon unwirklich wirkt. Man kommt sich vor wie an einem Gourmet-Buffet für 50 Leute - das man aber allein verputzen darf. Der RS6 ist die automobile Entsprechung zur Überflussgesellschaft, zu einem Leben ohne Verzicht oder auch nur eine kleine Einschränkung.

Außerdem verblüfft die Selbstverständlichkeit, mit der Audi zu diesem "Mehr geht eigentlich nicht"-Auto noch eine 22 Seiten lange Liste mit aufpreispflichtigen Extras reicht. Wer etwa Außenspiegelgehäuse aus Karbon (Aufpreis 1400 Euro), einen Alcantara Dachhimmel (2050 Euro) oder auch nur eine Mobiltelefon-Freisprecheinrichtung (450 Euro) möchte, muss zuzahlen. Das gilt erst recht, falls der Kunde aus der Masse der Tempo-250-Fahrzeuge hervorstechen möchte - und nach Audi-Lesart möchten das fast alle RS6-Kunden.

Dann besteht die Möglichkeit, das Dynamikpaket zu ordern, das unter anderem LED-Scheinwerfer, Dynamiklenkung und die Anhebung der elektronischen Tempokontrolle auf 280 km/h umfasst (Aufpreis 4900 Euro). Wem das noch nicht reicht, für den gibt es das Dynamikpaket plus für 12.900 Euro. Dann rennt das Auto bis zu 305 km/h und als Dreingabe gibt es noch Keramikbremsen.

Das muss man wissen: Der neue RS6 Avant wird ab Juli auf die Straßen kommen. Im Vergleich zum Vorgängermodell wurde das Auto um knapp hundert Kilogramm leichter - unter anderem, weil im Motorraum von einem V10 auf ein V8-Aggregat abgerüstet wurde. Das neue Triebwerk verfügt über Direkteinspritzung und Zylinderabschaltung, die im niedrigen und mittleren Last- und Drehzahlbereich die Brennkammern zwei, drei, fünf und acht stilllegt.

Diese Maßnahme führt zusammen mit der Gewichtsreduktion und der Start-Stopp-Automatik zu einem offiziellen Durchschnittsverbrauch von 9,8 Liter je 100 Kilometer - das sind gut 20 Prozent weniger als beim Vorgängermodell. Wird das Auto jedoch so gefahren, dass die 560 PS einen Sinn ergeben, meldet der Bordcomputer gut 15 Liter - da war der technologische Aufwand dann für die Katz.

Die Leistung des neuen Motors schrumpfte geringfügig von 580 auf nun 560 PS, doch damit keiner auf die Idee kommt, er müsse auf etwas verzichten, wurde das Drehmoment um 50 auf nun 700 Nm angehoben. Zum Antriebsstrang gehört ein Achtstufen-Automatikgetriebe, das im Normalbetrieb 40 Prozent der Antriebskräfte an die Vorderräder leitet, den Rest nach hinten.

Das werden wir nicht vergessen: Einerseits das irre Fahrgefühl, mit diesem rundum praktischen und geräumigen Familienwagen derart rasant und scheinbar mühelos unterwegs sein zu können. Und andererseits den Eindruck, dass mit diesem Auto irgendwas nicht stimmt, dass hier ein Rennauto im Körper eines Kombi gefangen ist. Oder ein Kombi aus Versehen vom zügellosesten Dopingarzt behandelt wurde.

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insgesamt 209 Beiträge
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1. Obs es am blau liegt...?
StuggieWoogie 15.04.2013
Optische gefällt er mir leider nicht. Auch hier wird man "den Eindruck, dass mit diesem Auto irgendwas nicht stimmt" nicht los.
2. Leider...
vhn 15.04.2013
... geil
3. Sportwagen? LOL
iwieikarus 15.04.2013
Was den Wagen ausmacht, formuliert ein Audi-Sprecher so: "Der RS6 hat einfach eine höhere Akzeptanz als ein reiner Sportwagen. Haha, Auch wenn man einen Kombi mit noch so viel PS versorgt, es wird doch niemals ein Sportwagen daraus... Ich finde es äußerst lächerlich, diesen Begriff in diesem Zusammenhang zu verwenden.
4. Themposperre?
Scorpio2002 15.04.2013
Ich kann es nicht fassen. Bislang waren die RS Modelle ab Werk offen. lediglich die S-Versionen wurden kastriert. Auch die Ingolstädter setzen auf Gewinnmaximierung.
5. ohne
truereader 15.04.2013
Zitat von sysopEin Gourmet-Buffet für 50 Leute, das man allein verputzen darf - so fühlt sich das Fahren im neuen Audi RS 6 an. Das Auto ist eine rollende Luxus-Lounge für die ganze Familie, die in 3,9 Sekunden auf 100 Km/h beschleunigt. Das hat natürlich seinen Preis, nämlich 107.900 Euro. Mindestens. Audi RS6 Avant: Dritte Generation den Rennwagens mit Riesenkofferraum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/audi-rs6-avant-dritte-generation-den-rennwagens-mit-riesenkofferraum-a-893296.html)
Ein Wagen ohne Nutzwert für alle, die sich hierzulande über das, was sie fahren, defninieren. Wenn man sonst nichts hat, womit man angeben kann. Schön, dass der Verbrauch gegenüber dem Vorgänger gesunken ist. Na und? Ökologisch trotzdem ein No-Go. Audi hat nichts für die Zukunft vorzuweisen. Kein Vorsprung durch Technik.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Audi
Typ: RS6
Karosserie: Kombi
Motor: V8-Biturbo-Benzin-Direkteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.993 ccm
Leistung: 560 PS (412 kW)
Drehmoment: 700 Nm
Von 0 auf 100: 3,9 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 9,8 Liter
CO2-Ausstoß: 229 g/km
Kofferraum: 565 Liter
umgebaut: 1.680 Liter
Gewicht: 2.010 kg
Maße: 4979 / 1936 / 1461
Preis: 107.900 EUR
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