Der erste Eindruck: Erst mal sieht das Auto nach nichts Besonderem aus. Ein kompakter Audi, dezent aufgerüscht mit Schwellern und Spoilern, doch ohne großartigen optischen Kick. Steigt man ein, wähnt man sich in einer Dunkelkammer, so dominant ist die Farbe Schwarz. Auf der schwarzen Tachoskala fällt die blütenweiße Ziffer 300 auf.
Das sagt der Hersteller: Audi schwärmt, das Auto liefere "eine neue Definition von individueller, vernetzter Sportlichkeit". Das klingt wunderbar modern und soll gewissermaßen die Symbiose von realem Dahinrasen auf der linken Spur und dem flotten Surfen auf der Datenautobahn bezeichnen. In der Tat lässt sich das Auto mit einem W-Lan-Hotspot aufrüsten, was allerdings 3225 Euro Aufpreis kostet, denn man muss dann auch gleich noch das Multimedia-Navigationssystem inklusive Touchpad auf der Mittelkonsole mitbestellen.
Ansonsten verweist Audi darauf, dass der komplett neue, 300 PS starke 2-Liter-TFSI-Motor nicht nur im dreitürigen Schrägheckmodell, sondern auch im fünftürigen Sportback und in der neuen Limousine verfügbar sein wird. Serienmäßig erhalten die rasanten Modelle ein um zweieinhalb Zentimeter tiefergelegtes Fahrwerk sowie eine Progressivlenkung, die mit zunehmender Geschwindigkeit die Servounterstützung automatisch drosselt. Zugleich wird die Lenkung immer direkter, je stärker die Lenkbewegungen des Fahrers werden - das hilft zum Beispiel beim Rangieren oder bei forcierten Tempo auf einer kurvigen Strecke.
Das ist uns aufgefallen: Ein wenig fühlt sich der Audi S3 so an wie die erste Generation des VW Golf GTI. Beim S3 treffen 300 PS Leistung auf ein Gewicht von 1395 Kilogramm, und das führt zu einem geradezu überschwänglichem Benehmen des Autos. Von 0 auf 100 rennt der Wagen in 4,8 Sekunden, wenn - wie in unserem Testwagen - das Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe anstelle der Sechsgang-Handschaltung (5,2 Sek.) an Bord ist.
Wird das Fahrdynamiksystem "drive select" in die "dynamic"-Position gebracht, lässt der sonst so auf Seriosität bedachte Kompaktwagen die Sau raus. Das gilt auch akustisch. Dann werden Gangwechsel der Doppelkupplungsautomatik mit Zwischengas-Fanfaren quittiert, die Soundklappen in der Abgasanlage öffnen sich und als Zugabe sorgt ein elektromechanischer Soundaktor für die passende Geräuschkulisse im Innenraum.
Dabei handelt es sich um einen Schwingerreger am Querträger der Windschutzscheibe. Ähnlich wie in einem Lautsprecher wird dieser Schwingerreger über ein elektrisches Signal und ein Magnetfeld in Bewegung versetzt. Diese Schwingung wirkt auf den Scheibenquerträger und die Windschutzscheibe ein, und das wiederum erzeugt einen Schall, der im Innenraum als kernig-sonores Wummern wahrgenommen wird.
Der Fahrer kann diese "Soundausprägung", die ab mittleren Drehzahlen aktiviert wird, per Knopfdruck variieren, doch spätestens an diesem Punkt wird es affektiert: Wenn sportlicher Motorenklang eigens herbeigefrickelt werden muss, stimmt doch irgendetwas nicht. Vielleicht sollte man mal über ein automobiles Reinheitsgebot nachdenken.
Das muss man wissen: Der dreitürige Audi S3 wird ab Juli bei den Händlern stehen und in der Basisvariante 38.900 Euro kosten. Dieser Preis lässt sich hurtig nach oben treiben, etwa durch das erwähnte Doppelkupplungsgetriebe (Aufpreis 1900 Euro), LED-Scheinwerfer (770 Euro) oder eine Leder-Alcantara-Ausstattung (4500 Euro).
Beim Motor handelt es sich um die momentan stärkste Ausbaustufe des aktuellen Vierzylinder-Aggregats EA888 aus dem VW-Konzern, der aktuell meistgebauten Pkw-Maschine der Welt mit mehr als einer Million Exemplaren pro Jahr. Um den 2-Liter-Benzindirekteinspritzer auf 300 PS zu trimmen, erhielt der Motor einen größeren Turbolader, größere Einspritzventile sowie eine neue Steuersoftware. Der Motor wiegt 148 Kilogramm und ist damit um fünf Kilogramm leichter als das Vorgängeraggregat. Das maximale Drehmoment liegt im Bereich zwischen 1800 und 5500 Umdrehungen an - über mangelnde Durchzugskraft sollte sich also niemand beklagen, der serienmäßige Allradantrieb tut dazu sein Übriges.
Das werden wir nicht vergessen: Wie verblüffend es ist, mit diesem Auto über eine freie, elegant in die Landschaft gekräuselte Nebenstraße zu rauschen. Und zwar deshalb, weil man diesem optisch eher drögen Auto ein derartiges Temperament gar nicht zugetraut hätte. Der Effekt ist nicht neu, zieht aber immer wieder, wenn alltäglich wirkende Kompaktwagen bis zum Kragen mit Vollgastechnik vollgepfropft werden. Leider ist nichts daran wirklich zukunftsweisend.
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