24-Stunden-Rennen von Le Mans: Testlabor mit Glamour

Aus Le Mans berichtet Christoph Stockburger

24-Stunden-Rennen von Le Mans: Audi vs. Toyota Fotos
AFP

Die 24-Stunden von Le Mans sind mehr als nur ein Rennen. Nirgends finden Autohersteller eine traditionsreichere Kulisse für ihre Produkte, kein Ort eignet sich besser als Testlabor für zukünftige Serientechnik.

Unter Autoverkäufern gibt es eine goldene Regel: "Win on Sunday, Sell on Monday". Zu Deutsch: Fährt die Marke bei Rennen Erfolge ein, steht kurz darauf die Kundschaft vor der Tür. Die Hersteller nutzen den Motorsport als Bühne, wo sie ihren Produkten Glamour verleihen - und als Spielwiese, auf der sie mit neuen Technologien experimentieren. Die größte Bühne und breiteste Spielwiese bietet sich jeden Sommer in Frankreich: bei den 24 Stunden von Le Mans.

Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen hat diese Veranstaltung einen legendären Ruf, der sich aus ihrer langen Historie speist. 2013 feiert das Rennen 90. Geburtstag. Zur Le-Mans-Folklore gehören die großen Duelle zwischen Ferrari, Jaguar, Porsche und Ford. Die Tragödie von 1955, als ein Silberpfeil von Mercedes von der Piste flog und in die Publikumsränge krachte. Mehr als 80 Menschen starben damals bei dem Unfall - und trotzdem wollten im Jahr darauf mehr Zuschauer als je zuvor das gefährliche Spektakel mit eigenen Augen sehen.

Der Hollywood-Star Steve McQueen beteiligte sich an der Legendenbildung und verewigte das Rennen 1971 in einer Mischung aus Drama und Dokumentation. Er selbst spielte die Hauptrolle als Fahrer, so wortkarg wie waghalsig. Und natürlich lebt Le Mans von der Begeisterung, die hier während der Rennwoche herrscht: Mehr als 250.000 Menschen zählt der Veranstalter jährlich, mehrere zehntausend füllen die Campingplätze rund um die Strecke und machen aus einem Autorennen ein PS-Festival. Die Teilnahme an den "24 Heures Du Mans" verspricht für die Hersteller also etwas, das sich nicht mit Werbung erreichen lässt: Zauber.

"Eine einmalige Kombination"

Zum anderen ist Le Mans neben dem Mythos und der Emotion aber auch wegen des Rennkonzepts für die Autobauer attraktiv. Der Startschuss fällt samstags um 15 Uhr, dann versuchen die Piloten mit ihren Wagen auf einer rund 13,6 Kilometer langen Strecke so viele Runden wie möglich abzuspulen - durch die Nacht hindurch, bis zur Zieleinfahrt am Sonntag. "Die Langstrecke verlangt eine einmalige Kombination aus Speed und Ausdauer", erklärt der Motorsportchef von Audi, Wolfgang Ullrich, "und genau das ist auch für die Entwicklung von Serienfahrzeugen relevant."

Audi ist zusammen mit Toyota der größte Hersteller, der 2013 in Le Mans am Start ist. Im vergangenen Jahr sorgten beide Teams für Furore, als sie erstmals in der Renngeschichte mit Hybrid-Boliden antraten: Toyota speicherte Energie in einem sogenannten Superkondensator, Audi in einem Schwungradspeicher. Beide Technologien funktionierten als kurzfristiger Turbo - und die Ingolstädter siegten damit auf Anhieb.

Wolfgang Ullrich ist stolz darauf, wie Audi Le Mans in der vergangenen Dekade mit Innovationen beherrscht hat. 14-mal sind die Deutschen seit 1999 an den Start gegangen, elfmal gewannen sie. "2001 führten wir hier die Benzindirekteinspritzung TFSI ein, und kurz darauf ging sie in Serie", sagt er. 2006 siegte sein Team als Erstes in der Rennhistorie der 24 Stunden mit einem Dieselantrieb. "Und diese Technik hat anschließend ebenfalls extrem unsere Motorentwicklung beeinflusst." Von der Spielwiese auf die Straße - diese Ingenieursleistungen brachten für Audi tatsächlich einen Gewinn.

In diesem Jahr ist Audi wieder Favorit. Der Hersteller geht mit drei R18 e-tron quattro ins Rennen, es sind ausschließlich Hybrid-Boliden. Während die Ingolstädter in Le Mans ihrem Slogan "Vorsprung durch Technik" gerecht zu werden scheinen, scheiterten sie im Alltag jüngst mit innovativen Projekten. Die Pläne für eine Serienfertigung des Elektroautos R8 e-tron wurden eingestampft, dem A1 e-tron droht das gleiche Schicksal. Stattdessen beschwörte man den Geist von Le Mans: "Wir setzen konsequent auf Plug-in-Hybrid", verkündete Audi- Entwicklungsvorstand Wolfgang Dürheimer Anfang Juni - ehe er nun seinen Posten räumen musste.

"Das Rennen wartet nicht"

Bei Toyota ist die Lage etwas anders: Die Japaner haben seit einigen Jahren Autos mit Hybridantrieb auf dem Markt. "In Le Mans wollen wir zeigen, welche Dynamik und Emotion in dieser Technologie steckt", sagt Rob Leupen, Geschäftsführer der Toyota-Motorsportabteilung. Sein Team geht mit zwei Exemplaren des Hybrid-Renners TS030 an den Start.

Nach einigen desaströsen Jahren in der Formel 1 und einer langen Abstinenz vom Motorsport hat Toyota in Le Mans offenbar die passende Bühne fürs eigene Profil gefunden. Das Rennen, da ist sich Leupen mit Audi-Kollege Ullrich einig, bietet den idealen Rahmen für seriennahe Technik. "Nur in der Langstrecke ist der Einsatz eines Hybriden erlaubt, hier wurde uns eine optimale Plattform geboten."

Die größten Lerneffekte sieht er aber beim Zeitmanagement: "Das Rennen wartet nicht", sagt Leupen. Außerdem sind - zumindest was Toyota betrifft - die Ressourcen knapp bemessen. Deshalb ist es wichtig, besonders effizient zu arbeiten. "Im Motorsport entwickeln wir Prozessabläufe, die optimal auf die Faktoren Zeit und Kosten abgestimmt sind."

Dass Toyota dabei nicht immer die Konkurrenz hinter sich lassen kann, nimmt Leupen mit Humor. "Ich glaube natürlich auch an den Spruch 'Win on Sunday, Sell on Monday'", sagt er, "aber bisher ist uns das Gewinnen nun mal noch nicht oft gelungen."

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
marthaimschnee 22.06.2013
Zitat von sysop"Das Rennen wartet nicht"
der Spruch wirkt etwas unglaubwürdig, nach nur 15 Minuten gab es schon unfall- bzw reparaturbedingt eine einstündige SafetyCar Phase
2. Kein Titel
Hans Blafoo 22.06.2013
Zitat von sysopDie 24-Stunden von Le Mans sind mehr als nur ein Rennen. Nirgends finden Autohersteller eine traditionsreichere Kulisse für ihre Produkte, kein Ort eignet sich besser als Testlabor für zukünftige Serientechnik. Audi und Toyota beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/audi-und-toyota-beim-24-stunden-rennen-von-le-mans-a-907331.html)
Schade das nicht erwähnt wurde, dass ständig die Regeln so angepasst werden, um die Dominanz von Audi zu brechen. So dürfen die Audis dieses Jahr nur noch mit einem noch kleineren Tank als letztes Jahr - und als ihn die Konkurrenz hat - antreten.
3. Triple Crown
derbochumerjunge 22.06.2013
Lange vorbei - die Zeiten, in denen Rennfahrer versiert sein mussten und sowohl die Formel1, die 24 Stunden von Le Mans und die 500 Meilen von Indianapolis gewinnen und sich somit die Triple Crown sichern konnten. Und nur einer hat's geschafft.
4.
townsville 22.06.2013
Zitat von marthaimschneeder Spruch wirkt etwas unglaubwürdig, nach nur 15 Minuten gab es schon unfall- bzw reparaturbedingt eine einstündige SafetyCar Phase
Allan Simonsen ist bei diesen Unfall verstorben. Scheiße.
5. Tod
uwe_istanbul 22.06.2013
Inzwischen haben wir seit einer halben Stunde einen bestätigten Unfalltoten im Team Ason Martin. Spiegel online einmal mehr ein journalistischer Alptraum....
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