Audi Urban Concept: Die Hightech-Seifenkiste

Von Tom Grünweg

Audi sieht sich selbst als erfolgreichsten Premiumhersteller. Mit kleinen Autos aber hat die Marke kein Glück. Vor Jahren floppte der A2, und der neue A1 kommt auch nicht recht in Schwung. Jetzt soll ein radikales E-Mobil für die Metropolen von Morgen die Wende bringen.

Audi Urban Concept: Großes Tamtam um eine Minimallösung Fotos

Mega City Vehicle - diesen Begriff hatte in den letzten Jahren BMW praktisch gepachtet. Denn Mega City Vehicle war der Arbeitstitel des i3, jenes Elektro-Viersitzers mit Karbonkarosserie, den die Münchner auf der IAA in Frankfurt Mitte September als Zukunftsauto schlechthin präsentieren werden. Doch auf dem Weg ins automobile Morgen ist BMW nicht allein. Ausgerechnet Erzkonkurrent Audi fährt den Münchnern beim Branchengipfel mit einer ganz ähnlich angelegten, aber noch radikaleren Studie in die Parade: dem Zweisitzer Urban Concept.

Genau wie der BMW i3 ist auch dieses Fahrzeug für die Metropolen der Zukunft gedacht, und damit für ein Publikum, dem erst einmal Lust auf individuelle Automobilität gemacht werden muss. Deshalb strapaziert Audi bei den Aussagen zum Urban Concept die Vokabeln jung, cool oder hip und dreht das Rad deutlich weiter als BMW: Während der i3 trotz neuem Design und innovativer Technik ein Auto mit vergleichsweise konventionellem Zuschnitt, gewöhnlichem Format und alltäglichen Fahrleistungen werden soll, brechen die Ingolstädter mit vielen Konventionen.

Das Urban Concept bietet lediglich Platz für zwei und fällt mit 3,20 Meter Länge, nicht einmal 1,70 Meter Breite und 1,20 Meter Höhe deutlich kleiner aus als der BMW i3 und fast alle anderen Autos aus Deutschland. Selbst der Smart wirkt größer, obwohl er ein Stückchen kürzer ist. Die Audi-Studie mit den vier freistehenden 21-Zoll-Rädern hat sogar ein bisschen was von einem Go-Kart. Das lässt den Wagen, von dem es bislang nur ein paar offizielle Skizzen sowie einige Erlkönig-Fotos gibt, sportlicher aussehen, als es das auf 100 km/h limitierte Tempo erfordern würde.

Konstruiert ist das dank Karbon und Aluminium keine 500 Kilo schwere Urban Concept im Stil eines futuristischen Kabinenrollers. Man sitzt mehr hinter- als nebeneinander, und statt klassischer Türen gibt es lediglich eine große Schiebescheibe an der Flanke. Wird die nach hinten gerückt, könne man bequem über die Brüstung auf die Sitze klettern, heißt es bei Audi.

Zwei Elektromotoren sorgen für Vortrieb

Grundriss und Optik von BMW i3 und Audi Urban Concept unterscheiden sich also deutlich, beim Antrieb jedoch sind sich beide Fahrzeuge sehr ähnlich: Das Stadtauto von Morgen fährt elektrisch. Deshalb hat das Urban Concept zwei E-Motoren und im Wagenboden einen Lithium-Ionen-Akku. Platz für einen sogenannten Range Extender, einen Verbrennungsmotor als Stromerzeuger während der Fahrt, gibt es allerdings nicht. Der Zweisitzer muss nach 50 bis 60 Kilometern an die Steckdose.

Natürlich wirkt das Urban Concept wie eine Ingolstädter Nebelkerze, mit der Audi von der IAA-Premiere des BMW i3 ablenken möchte. Das ist den Verantwortlichen in Ingolstadt offenbar schon deshalb ein Anliegen, weil der als Mini-Konkurrent gepriesene Audi A1 nicht recht in Fahrt kommt. Mit reichlich Vorschusslorbeeren gestartet, haftet dem bislang kleinsten Audi das Image des teuren Ladenhüters an. Die Unterschiede in der Zulassungsstatistik sind deutlich: Wurden von dem bislang nur als Dreitürer verfügbaren A1 im ersten Halbjahr 2011 in Deutschland 13.800 Neuwagen zugelassen, kam die ab Oktober aus fünf Karosserievarianten bestehende Mini-Familie im gleichen Zeitraum auf 20.200 Neuzulassungen.

Von außen mag der Urban Concept als ebenso pfiffige wie patzige Antwort auf den i3 wirken. Doch in Ingolstadt will natürlich niemand den Zweisitzer als BMW-Konkurrenten verstanden wissen. "Wir zielen eher auf Motorräder oder Roller und wollen zu diesen eine ebenso sichere wie komfortable und zeitgemäße Alternative bieten", sagt Audi-Sprecher Albrecht Trautzburg. Selbst wenn es so wäre, dann würde das Urban Concept nicht nur mit Schmalspur-Autos wie dem oder dem Nissan Land Glider konkurrieren, sondern ebenfalls mit Produkten der deutschen Wettbewerber. Denn die BMW-Tochter Mini und die Mercedes-Tochter Smart zeigten bereits im vergangenen Herbst die Entwürfe für elektrische City-Scooter; und aus beiden Unternehmen heißt es, diese Konzepte würden ernsthaft verfolgt.

Was wohl Konzernmutter VW zum Audi-Kabinenroller sagt?

Mit dem Hightech-Kabinenroller wird Audi aber nicht nur in München und Stuttgart für Aufsehen sorgen. Auch die Konzernmutter VW in Wolfsburg wird angesichts des Konzepts womöglich irritiert aufmerken. Schließlich setzen auch die Niedersachsen in Frankfurt auf kleine Autos und zeigen erstmals die Serienversion des Kleinwagens Up. Weil es von VW zudem den XL1 als Hightech-Sparmobil gibt und vor einigen Monaten auch ein Elektro-Roller enthüllt wurde, könnte das komplett anders gelagerte Urban Concept mal wieder für Zwist zwischen Wolfsburg und Ingolstadt sorgen.

Audi lässt sich bislang allerdings nicht beirren und betont schon vor der Premiere, das die Studie eben nicht nur ein Showmobil ist. "Das ist mehr als ein Gedankenspiel", sagt Trautzburg. Nicht umsonst befasse sich Audi zusammen mit Architekten und Stadtplanern im Rahmen des sogenannten Urban Future Summit bereits seit Jahren mit den Metropolen von Morgen. "Während die Ideen dort einen Zeithorizont von 2020 und mehr haben, ist dieses Fahrzeug jedoch für die nähere Zukunft gedacht."

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1. Schade ums Geld
Schwede2 10.08.2011
Zitat von sysopAudi sieht sich selbst als erfolgreichsten Premiumhersteller. Mit kleinen Autos aber hat die Marke kein Glück. Vor Jahren floppte der A2, und der neue A1 kommt auch nicht recht in Schwung. Jetzt soll ein radikales E-Mobil für die Metropolen von Morgen die Wende bringen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,779344,00.html
Audi will Premium, ist aber bei der Kundenbetreuung nur Mittelmass. Dazu kommt der mangelnde Wille, ökologische Fahrzeuge am Markt auch tatsächlich aktiv zu bewerben. Offensichtlich fürchtet man, den PS-strotzenden Werbeaussagen für die Raser-Generation allzu deutlich zu widersprechen. Dieser innere Konflikt wird Audi sehr bald wieder auf ein Normalmaß zurückstutzen. Der alte A2 war ein tolles Auto, vom Konzern stiefmütterlich behandelt und vom Kunden daraufhin verschmäht. Tatsächlich war das Auto seiner Zeit weit voraus. Dessen niedrigen Verbrauchswerte sind heute noch eine Kampfansage an die aktuellen Modelle. Und das 10 Jahre danach! - Armer Audi - armes Deutschland.
2.
anders_denker 10.08.2011
Zitat von Schwede2Audi will Premium, ist aber bei der Kundenbetreuung nur Mittelmass.
Mittelmass ist ja wohl normal in dieser Klasse. Premium - dann gehen Sie zu einem echten Premiumhersteller. Der aber baut keine Autos fürs gemeine Volk mehr. Weil das noch immer kein Argument ist? Sorry, aber bei PCs war auch lange Zeit eine unsinnige MHz angabe DAS Verkaufsmerkmal. Es würde sicher helfen die kleinen Audi nicht Audi zu nennen. Smart und Mini sind eben nicht Mercedes bzw. BMW Was soll man erwarten - seiner Zeit Voraus Modelle haben praktisch immer dieses Problem. RO80, Etzel, DeLorean, Tucker und auch diverse Mercedes Modelle die einst Maßgeblich bei der passiven Sicherheit waren.
3. Hier könnte eine Titel stehen
alfred_e_neumann 10.08.2011
Zitat von sysopAudi sieht sich selbst als erfolgreichsten Premiumhersteller. Mit kleinen Autos aber hat die Marke kein Glück. Vor Jahren floppte der A2, und der neue A1 kommt auch nicht recht in Schwung. Jetzt soll ein radikales E-Mobil für die Metropolen von Morgen die Wende bringen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,779344,00.html
Audi scheint nicht mehr in der Lage zu sein, eigene Innovationen hervorzubringen. Man stolpert dem Markt blind hinterher und profitiert allenfalls noch von den AG Synergien. Ich bin gespannt, ob sich die Käuferschaft in Zukunft weiterhin allein durch Krawallooptik zum Kauf animieren lassen wird.
4. Function follows form,
WStrehlow 10.08.2011
Zitat von sysopAudi sieht sich selbst als erfolgreichsten Premiumhersteller. Mit kleinen Autos aber hat die Marke kein Glück. Vor Jahren floppte der A2, und der neue A1 kommt auch nicht recht in Schwung. Jetzt soll ein radikales E-Mobil für die Metropolen von Morgen die Wende bringen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,779344,00.html
oder auch: Hauptsache Design, praktisch muss die Möhre ja nicht sein. Selterkiste passt nicht rein, wenn zwei Personen drin sitzen, und bei Regen spritzt das Wasser von den nicht abgedeckten Reifen sonst wo hin. Warum haben Autos schon von Anfang an Kotflügel??? Damit dem Fahrer der Dreck nicht ins Gesicht fliegt.... Liebe Designer, haltet euch doch an den schönen und wahren Spruch (leider erinnere ich den Urheber nicht, aber es war ein sehr berühmter Designer), dass die Form der Funktion folgt. Die Karre ist schlicht unpraktisch und unnötig und wird außer bei Juppies, die ums Verrecken aufallen möchten, keine Abnehmer finden.
5. Falschwahrnehmung
prophet46 10.08.2011
Zitat von sysopAudi sieht sich selbst als erfolgreichsten Premiumhersteller. Mit kleinen Autos aber hat die Marke kein Glück. Vor Jahren floppte der A2, und der neue A1 kommt auch nicht recht in Schwung. Jetzt soll ein radikales E-Mobil für die Metropolen von Morgen die Wende bringen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,779344,00.html
Audi sieht sich selbst als erfolgreichsten Premiumhersteller? Sollte das wirklich deren Eigenwahrnehmung sein, ist das Management reif für den Psychiater. War schon immer der Meinung, dass die Blenderfirma (und damit meine ich nicht das aufdringliche Tagfahrlicht) aus Ingolstadt an Selbstüberschätzung leidet. Vermutlich sollen aber diese Sprüche einfach darüber hinweg täuschen, dass man quantitativ (Absatz) und erst recht qualitativ (Modellmix und Umsatz) immer noch Dritter ist und eigentlich nicht sehr viel weiter gekommen ist wie vor 2 Jahren.
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