Auferstehung aus Ruinen Amerika liebt den Volksporsche

Porsche und VW lieferten sich einen dramatischen Machtkampf - dabei haben die Autobauer schon vor 40 Jahren gezeigt, wie sinnvoll eine Kooperation sein kann. Mit dem Modell 914, das einem US-Schrottplatzbesitzer noch heute Profite beschert. Besuch auf dem vielleicht größten Porsche-Friedhof der Welt.

Aus Marietta berichtet


Autofans müssen bei diesem Anblick schlucken. Überall rostige Wracks in meterhohem Unkraut. Die Blechhaufen, die hier im Buschwerk auf einem Hinterhof des Städtchens Marietta im US-Staat Georgia vor sich hin gammeln, waren einmal Traumautos. Beinahe zumindest. Denn die meisten Leichen auf diesem vielleicht größten Porsche-Friedhof der Welt sind Porsche der Baureihe 914. Prima Sportwagen, die jedoch von hartgesottenen Fans der Marke stets belächelt wurden, denn das Auto war in Kooperation mit VW entstanden.

"All diese Wracks haben eine Zukunft", sagt George Hussey, der Eigner des merkwürdigen Anwesens. Das prophetische Reden klingt bizarr, doch vermutlich ist es so. Denn Hussey ist die Porsche-914-Instanz in den USA. Der drahtige Chef der Firma Automobile Atlanta, ein Experte für Porsche-914-Restaurationen, wird von seinen Fans "Doctor 914" genannt und durchaus auch von Kunden in Deutschland konsultiert.

Husseys Leidenschaft begann früh. Bereits als Kind hasste er US-Straßenkreuzer, liebte aber den VW Käfer, den sich seine Eltern zum zehnten Hochzeitstag gekauft hatten. Und als James Dean mit einem Porsche 550 tödlich verunglückte, war klar, welche Automarke Husseys mobiles Leben bestimmen sollte. Leisten konnte er sich so ein Fahrzeug zunächst nicht. Das ändert sich jedoch mit dem Porsche 914, einer Gemeinschaftsentwicklung von VW und dem Zuffenhausener Autobauer. 1969 kam das Modell auf den Markt, Hussey erwarb fünf Jahre später gemeinsam mit einem Kumpel ein gebrauchtes Auto. "Klar habe ich immer vom 911 geträumt, aber der 914 war besser als nichts", erinnert er sich.

Die anfängliche Skepsis wich bald großer Begeisterung. "Das Auto war leicht, stark, schnell - und einfach zu reparieren", sagt Hussey. "Aber kaum einer mochte den Wagen - ausgenommen die 116.000 Amerikaner, die einen gekauft haben."

Irgendwo im Gestrüpp findet sich das passende Teil

Allerdings haperte es schon bald an Ersatzteilen. "Die großen Firmen waren spezialisiert auf die Porsche-Modelle 356 und 911, und selbst der Hersteller ließ die 914-Fahrer hängen", sagt Hussey. "Die wollen neue Autos verkaufen, für die alten interessiert sich in Stuttgart keiner mehr." Er läuft durchs Lager und zieht fast willkürlich Ersatzteile aus den Regalen. Rückleuchten, Sitzbezüge, Armaturenträger, Dichtgummis - all das könne Porsche längst nicht mehr liefern. "Dabei sind allein in den USA noch etwa die Hälfte aller 914er auf der Straße", erklärt der Oldtimer-Spezialist.

Bei Hussey jedoch sind die Teile vorrätig - im Regal oder irgendwo im Gestrüpp seines Grundstücks. Und wenn ein Bauteil auch dort nicht aufzutreiben ist, wird es nachgebaut. Mehr als 200 Teile ließ er schon anfertigen. Die gut sortierte Fundgrube ist bei 914-Besitzern bekannt. Mehrmals pro Woche holt ein Lkw Paketstapel ab. "Zwei- oder dreimal pro Woche fragen auch Kunden aus Deutschland bei uns an", sagt der Chef, der deshalb einen deutschstämmigen Lageristen eingestellt hat. Charlie Smith, geboren vor knapp 60 Jahren in Heidelberg, meldet sich am Telefon mit einem freundlichen "Hallo, wie geht's?".

Die Initialzündung war auslaufende Batteriesäure

Dass Hussey ins Ersatzteilgeschäft einstieg, war gar nicht geplant. "Eigentlich wollte ich nur das Grundübel des 914 abstellen", sagt der Porsche-Doktor und zeigt auf die tragende Struktur hinter dem Beifahrersitz. Dort lief regelmäßig Batteriesäure aus und beschleunigte den ohnehin schon argen Rostfraß. "Deshalb haben wir neue Bleche für diese Stellen gebaut und verkauft." Dann kam eins zum anderen, und mittlerweile kann man bei Hussey wahrscheinlich alle Teile bekommen, die nötig sind, um einen 914 komplett neu zu bauen.

Wer das nicht selbst erledigen will, kann bei Automobile Atlanta auch ganze 914 Modelle kaufen. Im Schnitt kostet ein gebrauchter, fahrfähiger 914 etwa 10.000 Dollar, ein restaurierter Wagen ist ab 17.000 Dollar zu haben und ein Originalmodell ab etwa 25.000 Dollar. Die Preise gelten für die Vierzylinder-Versionen. Wer einen Sechszylinder-Motor möchte, muss 10.000 bis 20.000 Dollar drauflegen.

Das nächste Projekt sind Porsche-Boxster-Ersatzteile

Hussey bewies mit der Spezialisierung auf den 914 unternehmerisches Geschick. Drei Jahre nach der Firmengründung 1981 kaufte er sich seinen ersten Porsche 911. Inzwischen besitzt Hussey knapp drei Dutzend Sportwagen aus Zuffenhausen - darunter vor allem 356er, etliche 914er und einige Raritäten. Das Schmuckstück seiner Sammlung ist einer von weltweit lediglich elf existierenden Prototypen des Porsche 916, dessen Wert er auf mehr als 500.000 Dollar taxiert.

Und Hussey hat bereits das nächste Geschäftsmodell entdeckt - den Porsche Boxster. "Von diesem Auto gibt es hier in den Südstaaten enorm viele Wracks, weil die Leute einfach so schlecht Autofahren", sagt der Unternehmer. Allerdings muss der Einstieg in den Ersatzteilmarkt für den Boxster noch etwas warten, denn es fehlt an Platz für die geplante Erweiterung. Es stehen einfach noch zu viele Porsche 914 im Gestrüpp, die erst zu Geld gemacht werden sollen. Hussey: "Ich kann einfach nichts wegwerfen."



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