Gerichtsurteil Wer auffährt, ist nicht immer Schuld

Bei Auffahrunfällen gibt es eine simple Daumenregel zur Klärung der Schuldfrage: Wer draufrauscht, ist der Verursacher. In einem Fall aber hat das Landgericht Hannover jetzt anders entschieden.

Auffahrunfall (Symbolbild): Nicht immer ist der Auffahrende schuld
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Auffahrunfall (Symbolbild): Nicht immer ist der Auffahrende schuld


Es geschah an einem Novembermorgen im Jahr 2010. Ein Taxifahrer war mit einem britischen Fahrgast an Bord auf dem Weg zum Flughafen Weeze, als plötzlich Streit ausbrach. Verständigungsschwierigkeiten. Und offensichtlich unterschiedliche Ansichten über die richtige Fahrtroute, die wegen der Verständigungsschwierigkeiten nicht geklärt werden konnten. Der Zwist eskalierte, bis der Taxifahrer erbost eine Vollbremsung auf der rechten Spur der A 52 hinlegte. Zwei Minuten stand er dort. Dann rauschte ein LKW ins Heck des Taxis.

Klare Sache, denkt man als abgebrühter Autofahrer: wer auffährt, ist schuld.

Falsch, sagt die erste Zivilkammer des Landgerichts Hannover. Sie hat die Klage der Haftpflichtversicherung des Taxifahrers abgewiesen. Weil der Fahrgast bei dem Unfall erhebliche Verletzungen davongetragen hat, für die sie Zahlungen in Höhe von 161.878,22 Euro leisten soll, klagte die Haftpflicht des Taxifahrers auf anteilige Kostenübernahme durch die Versicherung des LKW-Fahrers. Die Argumentation: Der Unfall wäre für den LKW-Fahrer vermeidbar gewesen, ihn träfe also eine Teilschuld von 40 Prozent.

Ein wahrhaft teures Halteverbot

Das sah das Landgericht Hannover anders. Zwar war der LKW-Fahrer mit 83 Km/h statt der an der Unfallstelle erlaubten 80 Km/h minimal zu schnell. Und so richtig aufmerksam war er wohl auch nicht, wie das Gericht feststellte, immerhin bremste er recht spät. Doch das Fehlverhalten des Taxifahrers überwiege beide Versäumnisse des Lastwagenfahrers. Er habe durch seinen Halt und vor allem die Dauer des Haltes auf der Autobahn aus nichtigen Gründen die maßgebliche Schadenursache gesetzt, so das Gericht. Es wies die Klage ab.

Was lernen wir daraus? Wer sich auf der Straße wie die Axt im Walde benehmen will, sollte zumindest hin und wieder in den Rückspiegel schauen.

AZ.: 1 O 132/15, Das Urteil ist nicht rechtskräftig

mhe



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Seite 1
marthaimschnee 18.02.2016
1.
Das Wort "Rücksicht" beschreibt nicht so ganz zufällig auch die Sicht nach hinten!
noalk 18.02.2016
2. Die A ist halt kein Taxi-Standplatz
Ein Novembermorgen. Vermutlich noch dunkel. Und da steht einer auf der Autobahn. Nehmen wir mal an, ohne Warnblinker. Nur die Rücklichter sind von hinten zu sehen. Meine Erfahrung: Aus der Ferne ist schwer zu erkennen, ob sich die roten Lichter näherkommen. Erst ab einer bestimmten, relativ kleinen Entfernung kann man das abschätzen. Aber dann kann das Hindernis schon so nah sein, dass selbst eine Vollbremsung nicht mehr reicht. Erst recht bei Tempo 80 und auf der Autobahn, wo man wohl kaum mit sowas rechnet. Hoffentlich wird die letzte Instanz genauso entscheiden.
o.schork 18.02.2016
3. Glück gehabt
Der Taxifahrer hatte Glück, dass er nicht wegen gefährlichen Eingriffs in den Strassenverkehr sowohl Führerschein als auch Lizenz verloren hat.
metastabil 18.02.2016
4.
Zitat von noalkEin Novembermorgen. Vermutlich noch dunkel. Und da steht einer auf der Autobahn. Nehmen wir mal an, ohne Warnblinker. Nur die Rücklichter sind von hinten zu sehen. Meine Erfahrung: Aus der Ferne ist schwer zu erkennen, ob sich die roten Lichter näherkommen. Erst ab einer bestimmten, relativ kleinen Entfernung kann man das abschätzen. Aber dann kann das Hindernis schon so nah sein, dass selbst eine Vollbremsung nicht mehr reicht. Erst recht bei Tempo 80 und auf der Autobahn, wo man wohl kaum mit sowas rechnet. Hoffentlich wird die letzte Instanz genauso entscheiden.
Also, ich kann recht gut abschätzen, ob ich den roten Lichtern vor mir auf der Autobahn näherkomme oder nicht. Haben sie Probleme mit dem räumlichen Sehen?
elkemeis 18.02.2016
5. Erfahrungsbericht
Vor ein paar Jahren auf einer fast leeren dreispurigen Autobahn nachts um ca. 23 Uhr: Die Straße ist trocken, es herrscht kein Nebel und extrem wenig Verkehr und ich fahre deshalb mit ca. 200 km/h auf der freien rechten Spur. Weit vorne sehe ich rote Rücklichter und in der Annahme, dass sich das Fahrzeug auf der recht Spur befindet, wechsle ich frühzeitig auf die mittlere Spur. Dann passiert alles rasend schnell: ich erkenne, dass die Rücklichter nicht auf der rechten, sondern auf der mittleren Spur sind und sich NICHT BEWEGEN. Ich trete instinktiv auf die Bremse und weiß im selben Moment, dass ich keine Chance habe. Also lasse ich die Bremse los, halte das Lenkrad fest und muss nur noch entscheiden, ob ich links oder rechts vorbeifahre. Da ich keine Zeit hatte mich zu vergewissern, ob nicht ein schnelleres Fahrzeug auf der linken Spur kommt, nehme ich die recht Spur. Die restlichen zehn Minuten nach Hause fahre ich wie in Trance. Zu Hause klingelt das Telefon - ob ich zu Hause bin, ob es mir gut geht, auf der A99 gab es einen schrecklichen Massenauffahrunfall. Erst einige Zeit später kam mir der Gedanke, was gewesen wäre, wenn sich auf der rechten Spur ein Mensch befunden hätte. Mir dreht sich noch heute der Magen um bei diesem Gedanken. GLÜCK gehabt!
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