Auktion einer Rarität: Das älteste Auto der Welt wird versteigert

Von Jürgen Pander

Es fährt, lenkt, bremst - und es stammt aus dem Jahr 1884. Damit ist "La Marquise" das älteste, noch funktionierende Automobil der Welt. Am 7. Oktober wird der Dampfwagen in Hershey im US-Staat Pennsylvania versteigert. Der Schätzpreis liegt bei drei Millionen Euro.

Dampfwagen-Versteigerung: Automobiles Fossil unterm Hammer Fotos
Darin Schnabel / Courtesy RM Auctions

Das Fahrzeug ist 127 Jahre alt und hatte bislang nur vier Besitzer. Der fünfte Eigentümer des außergewöhnlichen Mobils wird am 7. Oktober ermittelt, wenn der Auktionator der Firma RM Auctions die Position Nummer 259 zur Versteigerung aufruft. Es handelt sich um einen De Dion Bouton et Trepardoux Dos-A-Dos Dampfwagen aus dem Jahr 1884, die die Konstrukteure auf den Namen "La Marquise" tauften. Das Vehikel ist voll funktionstüchtig, bietet vier Sitzplätze und kann als erstes Familienauto der Welt angesehen werden. "Fraglos ist dieses Modell einer der wichtigsten Motorwagen der Welt", schreiben die Experten von RM Auctions in ihrem Exposé zur Versteigerung in Hershey im US-Staat Pennsylvania.

Die Geschichte des "La Marquise" ist zugleich der Beginn der Firma De Dion-Bouton, die in der Frühzeit des Automobils einer der erfolgreichsten und größte Hersteller von Fahrzeugen und Motoren war.

Der Ursprung dieser Unternehmensgeschichte liegt im Dezember 1881, als Albert de Dion in einem Spielzeugladen kleine Dampfmaschinen entdeckte, von deren handwerklicher Ausführung er höchst angetan war. Er erkundigte sich nach den Herstellern - es waren Georges Bouton und Charles-Armand Trepardoux. De Dion engagierte die beiden mit dem Auftrag, ihm ein Fahrzeug mit Dampfantrieb zu konstruieren. Dampfbusse und auch kleinere Dampffahrzeuge waren damals in Frankreich vergleichsweise weit verbreitet, als Protagonist dieser neuen Art von Fortbewegungsmitteln galt der Konstrukteur Amedée Bollée.

Bouton und Trepardoux tüftelten drei Jahre und bauten zunächst ein dreirädriges Dampfgefährt, ehe sie 1884 den vierrädrigen Dampfwagen zum Laufen brachten. Das Fahrzeug ist 2,47 Meter lang und wiegt knapp eine Tonne. Die Vorderräder sind gelenkt, die beiden eng nebeneinanderstehenden Hinterräder werden über ein Gestänge ähnlich dem von Dampflokomotiven angetrieben.

Man saß damals Rücken an Rücken auf dem Wagen

Im Fond des Autos befinden sich vier Sitzplätze, auf denen je zwei Passagiere Rücken an Rücken sitzen können. Vorn auf dem Wagen befindet sich der Dampfkessel, eine sehr kompakte Konstruktion von Bouton und Trepardoux, die im Innern aus mehreren konzentrischen Kreisen bestand. Um den Kessel herum lagerten Kokos oder Kohle, die über eine kleine Schüttvorrichtung vom Fahrer in die Feuerstelle direkt unter dem Kessel geleitet werden konnte. Unter der Sitzbank wiederum war der Tank für 150 Liter Wasser platziert. Eine Wassertankfüllung reichte für etwa 35 Kilometer Fahrt.

Mit diesem Prototypen nahm De Dion 1887 am ersten Autorennen von Paris nach Versailles teil und erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h. Auf einer langen Geraden soll der Wagen, so ermittelte damals ein Zeitgenosse, gar 60 km/h schnell gewesen sein. Ausgehend von "La Marquise" ließ De Dion etwa 30 Dampfwagen bauen, darunter vier oder fünf vierrädrige Modelle, ehe die Produktion 1893 auf benzingetriebene Fahrzeuge umgestellt wurde.

Das Ursprungsmodell, das De Dion später als "Embryo des ersten Tourenwagens" bezeichnete, verkaufte der adelige Unternehmer im Jahr 1906 an den französischen Offizier Henri Doriol. Die nächsten 81 Jahre blieb der Dampfwagen im Besitz dieser Familie, war jedoch ab 1914 nicht mehr funktionstüchtig, da diverse Messing- und Kupferteile als kriegswichtige Rohstoffe abgegeben wurden. Im Jahr 1987 verkaufte ein Sohn Henri Doriols den Wagen an den Briten Tim Moore.

Zuletzt wurde der Dampfwagen für zwei Millionen Euro versteigert

Der brachte den Dampfwagen wieder zum Laufen. Die fehlenden Teile kopierte er nach einem De-Dion-Modell von 1890, das in einem Museum in Le Mans steht. Moore nahm mit dem Fahrzeug an mehreren Veteranen-Rennen teil und gewann etliche Preise für die voll funktionsfähige Autorarität. Weil er allerdings nicht entscheiden wollte, welches seiner beiden Kinder den Wagen erben sollte, ließ er "La Marquise" vor vier Jahren bei einer Auktion versteigern. Damals erlöste der Wagen gut zwei Millionen Euro.

Nun also steht er abermals zum Verkauf. Skeptiker mögen einwenden, dass noch diverse ältere Dampfwagen als "La Marquise" existieren, die ebenfalls prinzipiell fahrtüchtig seien. RM Auctions erwähnt diesen Befund in der schon zitierten Beschreibung und argumentiert, diese Modelle stünden ausnahmslos in Museen und würden, wenn überhaupt, nur noch höchst selten in Betrieb gesetzt. Überdies sei "La Marquise" das erste Modell, dessen grundsätzliches Layout dem der noch heute üblichen Autos entspreche.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Schöne Party...
MaxMatthias 27.09.2011
...und Dank für die Aufklärung. Bisher dachte ich Carl Benz hätte das erste Automobil gebaut und seine Frau Klara hat die erste Überlandreise erfolgreich durchgeführt, aber nun ist alles anders. Was wäree die Welt nur ohne SPON!
2. Bertha
MaxMatthias 27.09.2011
hiess die Frau, nicht Klara. Egal!
3.
Wiedereinaussteiger 27.09.2011
Ältestes fahrbereites Auto der Welt dürfte der Dampfwagen des Armeeingenieurs Nicolas Cugnot sein, der im Museum in Paris steht: erbaut 1769. http://de.wikipedia.org/wiki/Nicholas_Cugnot Meines Wissens wird dieser Dampfwagen (eigentlich auch der älteste LKW, bzw. Locomobile, da das Gerät zum Lafettentransport dienen sollte) zu gelegentlichen, seltenen Anlässen flottgemacht und fahrbereit präsentiert. Technik-Historie und deren Recherche sind irgendwie so gar nicht wirklich der Schwerpunkt der Spiegel-Kompetenz.. ;)
4. Auf Youtube
Cancun 27.09.2011
http://www.youtube.com/watch?v=riO3UUC9qo0 Es fährt tatsächlich.
5. Das älteste Auto?!
profdocnix 27.09.2011
Wägen rollen und lenken schon seit Tausenden von Jahren. Und antreiben konnte man sie mit Pferden, mit Pedalen, mit Seilen, mit Dampfantrieben, mit Verbrennungsmotoren. Und erst das Ding mit Verbrennungsmotor war so leicht, verschleissarm und so verbrauchsarm und einfach zu bedienen und fahren, dass es der Durchbruch war. Deswegen gibt es das Auto seit 1886 und es kommt aus Deutschland. Vor allem weil es nicht einfach nur eine Kombination von Vorhandenem war, sondern eine großartige Tüftelei, die versuchte, die Haltbarkeit und Leichtigkeit, den Verbrauch und die Handhabung zu einem funktionierenden Ganzen zu verschmelzen. Das "Dampfauto" des Artikels hingegen ist genau so eine einfältige Kombination von zwei oder drei Elementen, die nicht zusammenpassen. Und sich deswegen auch nicht durchsetzen konnten.
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