Von Jochen Vorfelder
Am 14. Mai versammeln sie sich zum jährlichen Motorradtreffen auf dem gepflegten Geläuf der Quail Lodge in Carmel, Kalifornien: Das Quail Motorcycle Gathering lockt Devotionalien-Sammler und Oldtimer-Fans, das Auktionshaus Bonhams versteigert in diesem Jahr Nachbauten der beiden Chopper aus dem Kult-Film "Easy Rider". Doch die meisten Bieter dürften auf eine Husqvarna 400 mit Rahmennummer MI3845 aus dem Jahr 1971 schielen - eine Maschine aus dem Nachlass der Hollywood-Größe Steve McQueen.
Bonhams rechnet bei der Auktion mit einem Zuschlag zwischen 50.000 und 70.000 Dollar - überraschend für einen Oldtimer, der in diesem Zustand sonst für rund 6000 Dollar zu haben ist. Doch die MI3845 ist die Original-Husky, mit der McQueen 1971 auf dem Titel der stockkonservativen "Sports Illustrated" abgebildet wurde - mit nacktem Oberkörper. Ein kleiner Skandal im damals prüden Amerika, aber passend zum Charakter des Motorradfans und des Machos McQueen: rüpelig, laut und kaum kontrollierbar.
Dank Rippenprellungen zum Superstar
McQueen, der strahlende Hollywood-Star, hatte auch eine dunkle Seite. Sie kam vor allem zum Vorschein, wenn seine manisch-depressiven Stimmungen die Überhand gewannen. Privat war er "wie eine Landmine, leicht erregbar und willkürlich explosiv", schreibt der Autor Christopher Sandford, der die bisher wohl beste McQueen-Biografie veröffentlicht hat. "Zu Hause gammelte McQueen herum, mit seinen Bierdosen und Motorrädern, mit seinen Gewehren, seinen hässlichen Hunden und noch hässlicheren Aufpassern - und vor allem - seinen Stimmungen." Seine erste Frau Neile Adams ließ sich scheiden, weil McQueen sie betrunken und unter Drogen hemmungslos prügelte und bedrohte. Immerhin gelang es McQueen, öffentlich den Schein zu wahren - Autorennen und Abenteuer auf dem Motorrad verschafften ihm den nötigen Ausgleich.
Wenn McQueen mit einem Motorrad unterwegs war, wirkten die Kilometer wie Betablocker gegen seinen latenten Wahnsinn. Sandford zitiert ihn dazu: "Jedes Mal, wenn die Welt um mich herum nur noch schlecht ist, denke ich an Leute da draußen, die eine gute Zeit auf dem Motorrad haben. Das gibt mir eine andere Perspektive." Der erfolgreiche Schauspieler McQueen konnte es sich leisten, am Set lange Pausen einzufordern, die er zur Erholung brauchte. Dann brach er jedes Mal mit Biker-Freunden zu Offroad-Trips oder zu Rennen auf. Auch dabei war er durchaus erfolgreich: In seinem Nachlass finden sich etliche Pokale der Motocross- und Wüstenrennen, an denen er teilnahm.
Im September 1964 fuhr McQueen im amerikanischen Team bei der Internationalen Six-Days-Trial-Trophy, einer Zuverlässigkeitsfahrt durch die DDR. Weil er in Erfurt mit geprellten Rippen früh ausschied, fand er Zeit, nach London zu fliegen, um dort über zwei neue Rollen zu verhandeln: "The Cincinnati Kid" und "Bullit" machten McQueen endgültig zum Superstar.
Als McQueen im Herbst 1970 mit seinen Rennfahrer-Epos "Le Mans" beginnen sollte, verschob er kurzfristig den Drehbeginn. Der Grund: Er hatte sich unter dem falschem Namen Harvey Mushman für die "Baja 1000" angemeldet, einem Geländerennen, das über die mexikanische Halbinsel führte - und er brauchte die Aufnahmen für eines der Projekte, die ihm besonders am Herz lagen: die Motorrad-Dokumentation "On Any Sunday".
Kapriolen für die Kamera
McQueens Rennfilme waren allesamt erfolgreich: "Le Mans", der Film über das traditionsreiche 24-Stunden-Rennen in Frankreich, spielt heute noch Tantiemen ein. "On Any Sunday", den er 1971 für den Regisseur Bruce Brown teilweise finanzierte, ist gar ein echtes Phänomen und Dauerbrenner: Die dramaturgisch langatmige, aber schräge Hommage an eine Handvoll amerikanischer Profi-Rennfahrer und Dropouts wurde für rund 300.000 Dollar produziert, aber hat in den letzten 40 Jahren über 26 Millionen Dollar eingespielt.
Geliebt wird "On Any Sunday" nicht zuletzt wegen seiner Schluss-Sequenz: McQueen und zwei Kumpels kurven über den Strand, ihn hebt es bei einem Manöver aus dem Sattel, sie lachen und setzen die Fahrt fort. Das Licht der aufgehenden Sonne taucht die Szene in ein goldenes Licht und weckt im Zuschauer die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer.
Spätestens mit dieser Filmsequenz hatte McQueen die Husqvarna zum Kult unter amerikanischen Bikern gemacht. Das ist umso bemerkenswerter, denn die Maschine war für ihre technische Anfälligkeit und ihr gelinde gesagt eigenwilliges Fahrverhalten bekannt; sie sicher durchs Gelände zu steuern und am Ziel anzukommen, war Schwerstarbeit.
Doch Dank McQueens Faible für die Renner mit dem roten Tank erlebte Husqvarna einen ungeahnten Verkaufsboom in den USA - bevor sie in den Jahrzehnten danach wieder in der Versenkung verschwanden. Heute erlebt die Marke ein Revival: Die ehemals schwedische Marke ist seit 2007 eine Tochter von BMW Motorrad und wird im italienischen Varese produziert. In ihrer Heimat Schweden werden unter dem Namen nur noch Nähmaschinen und Kettensägen hergestellt.
"Steve muss diese Husky viel gefahren, aber nicht richtig gepflegt haben. Der Rahmen hatte Spuren von Salzwasser und Rost," sagt der Ex-Rennfahrer und Mechaniker Marty Tripes, der MI3845 originalgetreu restauriert hat und zur Versteigerung eingeladen ist.
Wenn das Motorradtreffen auf der Quail Lodge in den Siebzigern statt gefunden hätte - Steve McQueen wäre sicher gekommen. Er war auch in Sachen Motorrad geradezu zwanghaft, ein manischer Sammler eben. Bis zu seinem Tod im November 1980 war der Bestand an Motorrädern in seinen Garagen auf über zweihundert Stück angewachsen. Neben MI3845 waren noch weitere Huskys darunter.
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