Von Benjamin Dürr
Land der Windmühlen, der Blumenfelder und der Radwege - Holland gilt noch immer als beschauliches Reiseziel, mit Spezialitäten wie Gouda, Vanille-Fla und Tulpen. Nicht wenige Holländer betrachten solche Stereotype geradezu als üble Nachrede - immerhin gehört der kleine EU-Staat zu den 16 reichsten Staaten der Erde - und verfügt über eines der dichtesten Autobahnnetze der Welt.
Letzteres wird in absehbarer Zeit sogar noch ein bisschen größer werden. So hat es jetzt der oberste holländische Gerichtshof entschieden. Es geht um ein Teilstück der A4, die Amsterdam und Antwerpen miteinander verbindet. Zwischen Delft und Schiedam klafft noch eine Lücke, die nun geschlossen werden soll.
Unkomplizierte Sache könnte man meinen. Es geht über plattes Land, die Trasse ist schon erkennbar, wenn man den entsprechenden Kartenabschnitt in Google Maps aufruft. Und schwer zu passierende Wegkreuzungen sind auch nicht zu erkennen, wenn man von dem Autobahnkreuz einmal absieht, das bei Schiedam neu entstehen muss.
Umso bemerkenswerter sind die Kosten, die die Verantwortlichen für das Projekt kalkulieren. Die 6,8 Kilometer Autobahn sollen sage und schreibe 880 Millionen Euro kosten, also fast 130 Millionen Euro pro Kilometer. Die Verbindung Delft-Schiedam wäre damit eine der teuersten Autobahnen der Welt. Im Durchschnitt kostet in Holland ein Kilometer nicht einmal 15 Millionen Euro.
Wasser macht den Bau problematisch
Einer der Gründe für die hohen Kosten sind die schwierigen Bedingungen, die die Ingenieure vorfinden: Weil Holland teilweise unter dem Meeresspiegel liegt, müssen die Wände auch das Wasser zurückhalten - und zwar permanent. Es gilt im Grunde genommen, eine Tunnelröhre unter Wasser zu verlegen. Der weiche Untergrund macht es überdies notwendig, die Trasse so zu dimensionieren, dass sie eine wesentlich höhere Eigenstabilität aufweist als eine Straße, deren Fundament auf Felsen gründet.
Allerdings gehen auch die hohen Auflagen ins Geld, die die Umweltschützer im Laufe des langen Streits durchgesetzt haben. So soll die Fahrbahn vergraben werden, um die Lärmbelastung der Anwohner in Grenzen zu halten. Am tiefsten Punkt soll die A4 15 Meter unter der Erde liegen, die Autos fahren dann wie in einem abgesenkten Kanal. Auf einer Länge von zwei Kilometern soll der Autobahnkanal zusätzlich abgedeckt und bepflanzt werden. "Es gilt das Prinzip: nichts hören, nichts sehen, nichts riechen", erklärt ein Sprecher von Rijkswaterstaat, dem niederländischen Bau- und Umweltministerium. In einem Abstand von 250 Metern werde man das Rauschen der Autos mit nur 40 Dezibel hören, versprechen Behörden und Befürworter. Ein normales Gespräch habe 50 Dezibel.
Daran glauben die Gegner der A4 allerdings nicht. "Bei der Berechnung ist man von unbewiesenen Annahmen ausgegangen", schimpft Susanne Kuijpers von der Bürgerinitiative Wieso-Midden-Delfland-Autobahn. "Zum Beispiel sollen schalldämpfende Beschichtungen verwendet werden - diese wurden aber noch nie unter realen Bedingungen getestet."
Abgesehen von der Lärmbelästigung bringen die Umweltschützer allerdings auch andere, viel grundsätzlichere Einwände vor. "Die Trasse der A4 verläuft quer durch Grünflächen, die wichtig sind für Weidevögel." Links und rechts der Strecke liegen Naturschutzgebiete, Abgase und Verschmutzung durch die Verkehrszunahme schadeten diesem "grünen Herz" im Süden Hollands, erklärt Kuijpers.
Eine Alternativstrecke ist nur wenige Kilometer entfernt
Aus ihrer Sicht sind die Eingriffe in die Natur und der hohe Bauaufwand umso unverständlicher, als es in wenigen Kilometern Entfernung bereits eine Autobahn gibt: Die A13. Sie verläuft parallel zu dem geplanten Abschnitt der A4 und ist nur rund vier Kilometer länger. Die Autofahrer zwischen Schiedam und Delft würden auf der neuen Route also nur wenige Minuten Zeit sparen.
Die Befürworter lassen die Einwände allerdings samt und sonders nicht gelten. Sie sind der Überzeugung, dass nicht nur Holland die Autobahn brauche, sondern ganz Europa: "Die Verbindung ist das Rückgrat der Wirtschaft", sagt Thom van der Boon, der Vorsitzende der Stiftung "Freunde der A4". Mehrere Unternehmer haben sich darin zusammengeschlossen, um für die Autobahn zu kämpfen. Die A4 verbindet Europas größte Seehäfen Rotterdam und Antwerpen, die Großstädte Den Haag und Amsterdam und schließt den Flughafen Amsterdam-Schiphol an.
"Wenn das Autobahnstück nicht gebaut wird", fürchtet Thom van der Boon, "dann erstickt der Verkehr rund um den Rotterdamer Hafen". Schon heute würden sich die Lastwagen hier jeden Tag kilometerlang stauen, "ökonomisch gesehen ist das mehr als schädlich", findet der Unternehmer. Er rechnet vor, dass für jeden Euro, den man nun in die Straße stecke, drei Euro eingenommen würden - auf die gesamte Wirtschaft umgerechnet. Deshalb zähle das Argument der hohen Kosten nicht. "Außerdem gibt es keine günstigere und bessere Lösung." Ein Ausbau der bestehenden A13 käme zwar theoretisch in Frage - er sei aber teurer.
Bahn frei in vier Jahren
Allerdings ist es schwer zu entscheiden, welche der beiden Seite eher recht hat. Die Argumente werden nun schon seit rund 50 Jahren vorgetragen - seit 1953 die ersten Pläne auftauchten. Anfang der siebziger Jahre rollten bereits Baumaschinen an, wurden aber nach heftigen Protesten wieder abgezogen. Seit dieser Zeit wurden ungezählte Alternativen bedacht und verworfen, Gerichtsverfahren angestrengt und Gutachten geschrieben. Im Herbst 2010 sprach der damalige, zuständige Verkehrs- und Umweltminister der Niederlande ein Machtwort - und fasste den Beschluss zum Bau. Im Frühjahr nun landete der Fall beim Raad van State in Den Haag, dem höchsten Gericht der Niederlande, das jetzt die Entscheidung fällte. Im Sommer 2012 sollen die Bauarbeiten beginnen, 2015 die ersten Autos rollen.
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