Stadtbild-Ausstellung Wohin mit dem Blech?

Wie verändern Autos eine Stadt? Was passiert, wenn in einem Ballungsraum das Dogma von der freien Fahrt gilt? Und wie gehen die Menschen damit um? Antworten darauf versucht die Ausstellung "Die Stadt und das Auto" zu geben, die jetzt in Hamburg eröffnet wurde.

Von Jürgen Pander

Museum der Arbeit Hamburg

1937 war Deutschland noch weit von einer Massenmotorisierung entfernt. Doch die "Reichsgaragenordnung" bestimmte bereits, dass zu jeder Wohnung und jedem Arbeitsplatz auch eine Garage oder zumindest ein Autostellplatz errichtet werden muss. Was damals geplant und gebaut wurde - Autobahnen, das KdF-Werk oder eben Garagen - sollte autogerecht sein. Die Autos selbst kamen erst viel später dazu, dann aber dermaßen massiv, dass alle Planung und Bebauung nur noch hinterher hinkte. "Ohne Auto geht es nicht und mit Auto läuft gar nichts mehr", benennt Jürgen Bönig das Dilemma.

Bönig hat gemeinsam mit Mario Bäumer die Ausstellung "Die Stadt und das Auto" kuratiert, die soeben im "Museum der Arbeit" in Hamburg eröffnet wurde (bis 23. September 2012). Gezeigt wird die Stadtentwicklung der vergangenen rund 80 Jahre - und zwar aus der Perspektive des Verkehrs, insbesondere des Autoverkehrs.

"Der Trennung der städtischen Funktionen von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen folgte eine Trennung der Verkehrswege", sagt Bönig. "Ampeln, Fußgängertunnel und -brücken, Radwege oder Gitter halten Fußgänger, Radfahrer und meist auch öffentliche Verkehrsmittel vom Auto fern." Für letzteres galt im Prinzip auch in der Stadt die Autobahn-Idee des kreuzungsfreien, ungestörten Vorwärtskommens.

Missbildungen durch das Auto

Es war nicht zuletzt diese Vision vom allzeit fließenden Autoverkehr, die zu städtischen Missbildungen führte. In Hamburg gehört dazu beispielsweise die Ost-West-Straße, eine sechsspurige Schneise durch die Innenstadt, es gehört die City-Nord dazu, ein Bürohausquartier, in dem es zum Teil nicht einmal Gehsteige gibt und auch keine zentrale U-Bahn-Station, und es gehört auch der Abbau der Straßenbahn dazu (die letzte fuhr 1978 durch Hamburg).

Dass es nicht noch viel mehr verheerende Beispiele für eine einseitige Verkehrsplanung in Hamburg gibt, hat vor allem mit dem Widerstand der Bürger gegen diverse Straßenbauvorhaben zu tun. Als in den fünfziger Jahren ein autobahnähnlicher Innenstadtring geplant wurde, sollte dafür unter anderem auch der Isebekkanal zugeschüttet werden, um Platz fürs Asphaltband zu schaffen.

Das Projekt wurde nach heftigen Protesten der dortigen Geschäftsinhaber und Anwohner gestoppt. Ebenso der 1960 projektierte "Knoten Sternschanze" oder der Autobahnzubringer quer durch Ottensen. Heute gehören das Schanzenviertel und Ottensen zu den beliebtesten Wohn- und Ausgehvierteln der Stadt. Nicht zuletzt deshalb, weil es dort keinen oder nur im begrenztem Maße Durchgangsverkehr gibt.

In Hamburg steht der Verkehr unter der Fuchtel der Pfeffersäcke

Die Ausstellung vermittelt zahlreiche Aspekte der Verkehrsplanung in Hamburg. Einerseits die Kontinuität der autozentrierten Entwicklung aus der NS- bis in die Nachkriegszeit. Sodann den zögerlichen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs nach dem Ende der Straßenbahn. Und schließlich wird auch deutlich, dass es in der Hansestadt kein Gesamtkonzept gibt. "Es fehlt dem öffentlichen Nahverkehr ein Zwischenglied zwischen Bussen und U- und S-Bahnen", sagt zum Beispiel Ausstellungskurator Bönig. "Es fehlt generell ein Konzept gegen Verkehrslärm, Luftschadstoffe, Staus und den Sanierungsstau im Straßennetz", schrieb kürzlich Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND Hamburg im "Hamburger Abendblatt".

Womöglich liegt das auch an den Zuständigkeiten. Im Hamburger SPD-Senat ist die Verkehrspolitik der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation zugeordnet - zuvor war das Ressort in der Behörde für Stadtentwicklung beheimatet. "Die Verkehrsplanung kommt", sagt ein Kenner der Hamburger Politik, "oft erst am Ende eines Projekts, wenn die Grundstücke verkauft, die Gebäude geplant und im Prinzip schon alles fertig ist." Zukunftsfähige Verkehrswege können so nicht entstehen.

Der Kasper bremst die Kinder ein

"Wir lösen mit dieser Ausstellung natürlich nicht das Problem des Autos in den Metropolen", sagt Kurator Bönig. Vielmehr wird auf den Bildern, Schautafeln, Grafiken und Plänen deutlich, wie stark gerade das Auto das aktuelle Stadtbild geprägt hat und weiterhin prägt. Und gerade weil viele dieser Entwicklungen wie eine Selbstverständlichkeit erscheinen, ist die Offenlegung der Hintergründe und Entscheidungswege umso erstaunlicher.

Die Ausstellung ist übrigens auch für Familien zu empfehlen, denn für Kinder gibt es einen kleinen Vorführraum, in dem alte Verkehrserziehungsfilme mit dem "Verkehrskasper" gezeigt werden - und die sind durchaus unterhaltsam.

Tragisch dagegen ist deren Entstehung: Der Verkehrskasper ist eine Folge der dramatischen Nachkriegssituation, als 1946 allein in Hamburg 67 Kinder im Straßenverkehr getötet wurden. Die Dringlichkeit einer Verkehrserziehung war damit offensichtlich - und bezeichnenderweise sollten die Kinder zu Disziplin erzogen werden, nicht so sehr die Autofahrer.

"Die Stadt und das Auto", Museum der Arbeit in Hamburg, Wiesendamm 3, Mo. 13-21 Uhr, Di. bis Sa. 10-17 Uhr, So. und Feiertage 10-18 Uhr. Eintritt 6 Euro.

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MS_FFM 05.06.2012
1. Es hätte nicht so kommen müssen
Der Autoverkehr ist in der Lage, eine Stadt zu zerstören -- aber nur, wenn man das zulässt. Die Niederländer haben nach dem Krieg gegen die Interessen der Autolobby gekämpft. Es war ein unerbittlicher Kampf, der aber -- im Gegensatz zur Situation in so vielen anderen Ländern -- von den Fußgängern und Radfahrern gewonnen wurde. Das Ergebnis kann man heute sehen: während unsere Städte nur langsam und zaghaft menschenfreundlicher werden, kommt man seit jeher in NL auch ohne Auto gut aus. How the Dutch got their cycle paths - YouTube (http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=XuBdf9jYj7o)
Sleeper_in_Metropolis 05.06.2012
2.
---Zitat--- Es war nicht zuletzt diese Vision vom allzeit fließenden Autoverkehr, die zu städtischen Missbildungen führte. In Hamburg gehört dazu beispielsweise die Ost-West-Straße, eine sechsspurige Schneise durch die Innenstadt... ---Zitatende--- Nicht die Ost-West-straße ist die Missbildung, sondern die dort ca. alle fünf Meter stehenden Ampeln (die meistens selbstverständlich auf Rot stehen). Soetwas wie grüne Welle ist in Hamburg auf den meisten Straßen immernoch ein Fremdwort. Ist aber auch wenig verwunderlich, da in dieser Stadt ja jahrzehntelang von Autohassern oder zumindest Autoignoranten Politik gemacht wurde. ---Zitat--- Dass es nicht noch viel mehr verheerende Beispiele für eine einseitige Verkehrsplanung in Hamburg gibt, hat vor allem mit dem Widerstand der Bürger gegen diverse Straßenbauvorhaben zu tun. Als in den fünfziger Jahren ein autobahnähnlicher Innenstadtring geplant wurde, sollte dafür unter anderem auch der Isebekkanal zugeschüttet werden, um Platz fürs Asphaltband zu schaffen. Das Projekt wurde nach heftigen Protesten der dortigen Geschäftsinhaber und Anwohner gestoppt. Ebenso der 1960 projektierte "Knoten Sternschanze" oder der Autobahnzubringer quer durch Ottensen. Heute gehören das Schanzenviertel und Ottensen zu den beliebtesten Wohn- und Ausgehvierteln der Stadt. Nicht zuletzt deshalb, weil es dort keinen oder nur im begrenztem Maße Durchgangsverkehr gibt. ---Zitatende--- Ja, super, das diese Engagierten Bürger das damals erfolgreich blockiert haben. Bei denen darf man sich dann wohl auch bedanken, das Hamburg tagsüber einer einzigen, großen Stop-and-Go-Area gleicht. Hätte man beizeiten einen vernünftigen Autobahnring um die Stadt gebaut, könnte man heute vieleicht in realistischer Zeit von Nord nach Süd bzw. von Ost nach West kommen. Aber nun stehen auf allen Straßen die Blechlawinen, und die Bürger schimpfen noch mehr auf's Auto. Der Zug für Möglichkeiten, einen fließenden Autoverkehr in Hamburg zu bewerkstelligen dürfte leider schon lange abgefahren sein, auch weil es bei überlegungen zum Thema PKW-Verkehr in der Hansestadt meist nur darum geht, wie man diesen noch mehr gängeln kann um so die Fahrer in Bus und Bahn zu zwingen.
MathiasF 05.06.2012
3. Hallo Sleeper_in_Metropolis
was Ihnen widerfährt ist das typische Mißverständnis des deutschen Autofahrers. Der glaubt nämlich, daß alle nur gegen ihn agieren und ihn abzocken. Aber das ist falsch. Gegen den Autoverkehr agieren die Autofahrer, nicht die Stadt. Der Verkehr in Hamburg hat eine Größe erreicht, die schlicht nicht mehr auf die Straßen passt. Und da der Bau von Straßen immer nur dazu führt, daß noch mehr Verkehr auf die Straße kommt, gibt es auch keinen Ausweg aus dieser Sackgasse. Die Hamburger Politik hat alles versucht, um dem Autoverkehr mehr und mehr Platz einzuräumen, bis über die Schmerzgrenze hinaus - das Ergebnis sind mehr Staus. Es gibt nur eins, was den Autoverkehr wieder flüssiger machen kann - weniger Autos. Das kann aber nur erreicht werden, wenn Alternativen zur Verfügung stehen - die Leute fahren ja nicht zum Spaß mit dem Auto, sondern weil sie von A nach B wollen. Was wir brauchen, ist mehr ÖPNV, und zwar schienengebundener ÖPNV, dann fließt auch der Autoverkehr wieder. Denn man muß sich immer vor Augen halten, wieviel Platz so ein Auto verschwendet: Wenn wir statt einer U-Bahn-Linie eine Straße bauen, brauchen wir 16 Fahrspuren, um die gleiche Kapazität wie in einem 5-Minuten-Takt zu bekommen! Selbst bei der Buslinie 5 ersetzt die eine Busspur immer noch 3 KFZ-Spuren pro Richtung! Wenn man den Autos Platz wegnimmt, um dafür einen attraktiven ÖPNV anzubieten - z.B. mit einer Stadtbahn, damit das ganze auch bezahlbar bleibt, ist das das Beste, was man für den Autoverkehr in Hamburg tun kann. Noch ein kurzes Wort zur "Melkkuh der Nation": Autofahren wird in D jedes Jahr mit zweistelligen Milliardenbeträgen durch den Steuerzahler gesponsort. Der Staat finanziert Autofahrer, nicht umgekehrt. Nur werden die meisten Kosten des Autoverkehrs in anderen Etats versteckt und nicht direkt dem Autofahren zugeordnet, deswegen kommt immer dieses Melkkuh-Gequatsche. Autofahren kostet aber mehr als Straßen bauen.
frankwo01 05.06.2012
4. Anfrage aus einer großen Kleinstadt namens 'Mannheim'
Sehr geehrte Damen und Herren, am 08.05.2012 habe ich Ihnen über EDV-Leitung einen Funkbrief gesandt, welcher bisher unbeantwortet blieb - deshalb auf dieser Netzanschrift ein weiterer Versuch: Sehr geehrte Damen und Herren, gibt es zur nächstmonatigen/mittlerweile aktuellen Ausstellung einen (hoffentlich möglichst bilderlastigen) Begleitkatalog, welche sich weit auswärtig wohnende Mitmenschen als Besuchsersatz schicken lassen/kaufen können und haben Sie weitere Buch-Empfehlungen mit möglichst vielen Auto-Straßenszenen-Fotos der Zielregion bzw dessen Umlandes aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts? Mit einem Voraus-Danke für Ihre Antwort grüßt von MA nach HH Frank Wollenberg
schibulski 06.06.2012
5. Füttert doch mal 'nen Routenplaner mit
oder ähnliche gelegene Orte, oder die Gegenrichtung. Alle Routen gehen durchs Stadtzentrum. Weil eine Umgehung im Norden seit Jahrzehnten wegdiskutiert wird. Wie heute bekannt wurde, wird auch die A20 erstmal nicht weiter gebaut. Der Vorschlag, den ÖPNV in Hamburg auszubauen, ist natürlich gut. Aber wirklich freuen werden sich darüber alle, die von Ost nach West oder West nach Ost wollen, den tollen Blick auf die Alster lieben, aber eigentlich da garnicht lang wollen.
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