Bizarre Oldtimer-Ausstellung: Rostige Schätze aus dem Keller

Von Christoph Stockburger

Bizarre Oldtimer-Ausstellung: Träume aus Rost Fotos
dpa/ Heinz W. Jordan

Die Oldtimer-Sammlung der Gebrüder Schlumpf ist so sagenhaft wie umstritten. Jetzt hat ein Sammler im Keller eines Museums zahlreiche Modelle aufgespürt. Schon im kommenden Jahr will er sie ausstellen. Einige der Fahrzeuge wurden noch nie der Öffentlichkeit gezeigt - aus gutem Grund.

"Es war wie in einer anderen Welt." Wenn Heinz Jordan erzählt, was er in den Katakomben des französischen Automobilmuseums im elsässischen Mulhouse zu Gesicht bekommen hat, gerät er immer noch ins Schwärmen: Oldtimer von unschätzbarem Wert stapeln sich dort - versteckt vor der Öffentlichkeit. Das will der Autoliebhaber und Veranstalter von historischen Rennen nun ändern.

Im Mai 2013 eröffnet er eine Ausstellung in Kassel, auf der über 40 von ihnen gezeigt werden. Jordan hat Verständnis dafür, dass die Fahrzeuge - oder besser gesagt, was von ihnen übrig ist - bislang unter Verschluss blieben. Denn Museumsbesucher, die mit blankpolierten Oldtimern rechnen, könnten beim Anblick der geplanten Exponate einen Schreck kriegen.

Bei diesen Autos sind die Reifen platt, die Karosserien verrostet, sie sind unvollständig, dreckig und kaputt. Mit den perfekt gelifteten Oldies, die bei solchen Präsentationen üblicherweise vorfahren, haben sie nichts gemein. "Manche könnten mit ein paar Handriffen zwar wieder zum Laufen gebracht werden", sagt Jordan, "aber von einigen sind nur Fragmente übrig."

In die Pleite gesammelt

Das kostbare Altmetall stammt aus der berühmt-berüchtigten Sammlung der Gebrüder Schlumpf. Hans und Fritz Schlumpf, zwei Elsässer Tuchfabrikanten, scheffelten Mitte des 20. Jahrhunderts mit ihren Unternehmen ein Vermögen. Einen beträchtlichen Teil davon gaben sie für teure Autos aus. Besonders exzessiv war ihre Jagd nach Bugatti-Modellen. "Diese Autos sind alle im Elsass gebaut worden. Dorthin müssen sie auch wieder zurück", soll Fritz Schlumpf gesagt haben.

Die kostspielige Sammelwut der Brüder soll großen Anteil daran gehabt haben, dass ihre Firma Ende der Siebziger pleiteging. Jedenfalls belagerten damals arbeitslos gewordene Angestellte die Villa der Industriellen und besetzten die mit über 400 Fahrzeugen prall gefüllten Garagenhallen. Die Brüder flüchteten in die Schweiz - und ihren Schatz an Autos ließen sie zurück.

Weil die Schlumpfs mit ihrem persönlichen Vermögen für die Firmenpleite einstehen mussten, kamen auch die Nobelkarossen unter den Hammer. Einen Großteil davon sicherte sich ein Konglomerat aus Vertretern der Stadt Mulhouse, der Region Elsass und des französischen Automobilclubs. Aus der Privatsammlung wurde das Musée national de l'Automobile, das 1982 öffnete. Als Ausstellungsräume dienen bis heute die ehemaligen Fabrikhallen des bankrotten Unternehmens.

Staubige Schätze

Heinz Jordan hat gemeinsam mit den Museumsbetreibern aus Frankreich bereits vor drei Jahren eine Ausstellung in Kassel organisiert. Man kannte sich vom Herkules Bergpreis, einem Rennen für historische Fahrzeuge, das Jordan mitinitiiert. Damals rückte das Musée national mehrere Bugattis aus der Sammlung heraus. Im Zuge dieses "freundschaftlichen Verhältnisses", wie Jordan es bezeichnet, wurde ihm auch Zugang zu den Kellerräumen in Mulhouse gewährt.

Dort offenbarte sich für den Autoliebhaber das Paradies: Mehr als 140 Oldtimer, von Maybach über Alfa Romeo bis zu Bugatti. Bedeckt mit Staub, weil dem Museum Geld und Personal für die Instandsetzung fehlt. Jordan war sich trotzdem sicher, dass sie sehenswert sind. Mit einer "Unterhaltung bei ein paar guten Flaschen Wein" habe er auch die Museumsbetreiber von seinem Plan überzeugen können.

Jordan und sein Mitstreiter Dietrich Krahn durften nach eigenen Angaben frei entscheiden, welche der Kellerschätze sie nach Kassel bringen. "Bei unserer Auswahl haben wir darauf geachtet, dass Autos in verschiedenen Zerfallszuständen zu sehen sind." So wolle man eine Diskussion darüber anstoßen, als was die Wracks zu betrachten sind: Als Kulturgüter, die es zu restaurieren gilt? Als Kunstobjekte, die man unberührt lassen sollte? Gar als Schrott?

Ein Silberpfeil, Maseratis - und jede Menge Bugattis

Letzteres dürfte angesichts des historischen Werts der Exponate ausgeschlossen sein. Neben einigen Bugattis werden in der Ausstellung unter anderem ein Peugeot 16 aus dem Jahr 1898, ein Maybach von 1937 und ein Maserati mit Baujahr 1936 zu sehen sein. Auch ein Silberpfeil von 1939, mit dem schon Manfred von Brauchitsch seine Runden drehte, wird in Kassel gezeigt.

Der Ausflug der rostigen Raritäten könnte sich für die Franzosen bezahlt machen. "Es werden Kooperationen mit den Autoherstellern angestrebt, um einige der Autos zu restaurieren", sagt Jordan. Dazu habe man die passenden Gesprächpartner eingeladen - zumindest was die Bugattis betrifft, denn die Marke gehört zum Volkswagen-Konzern: VW-Chef Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch haben ihr Kommen laut Jordan bereits zugesagt.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. 30 Millionen?
salonpuro 19.10.2012
Hmm, wenn Mercedes 30 Millionen für den Silberpfeil bietet, warum verkaufen die den einen Wagen nicht und nutzen die Einnahme zur Restaurierung eines großen Teils der anderen Wagen? Sich den Luxus zu gönnen, lieber alles verfallen zu lassen, statt ein oder zwei attraktive Objekte zur Rettung der anderen zu verscherbeln finde ich von der Einstellung her gelinde gesagt sehr merkwürdig.
2. Wieso fragwürdig?
FatherMacKenzie 19.10.2012
Was haben denn perfekt restaurierte Fahrzeuge in einem Museum zu suchen? Alter, Zerfall und jetziger Zustand sind interessant - ansonsten können Sie sich doch eins a Repliken in die Halle stellen - Hauptsache piccobello, bunt und ohne Kratzer.
3.
Oberleerer 19.10.2012
Ich empfinde ein restauriertes Auto langweilig, wenn man es im Museum ansehen soll. Ein unrestaurierter Blechhaufen strahlt mehr Geschichte aus, weswegen im Antiquitätenhandel auch oft nur defekte, schmutzige Artikel angeboten werden. Für den Besitzer, der damit aber herumfahren will, sieht das natürlich anders aus. Dadurch wird es auch nicht öde, wenn nur Rosthaufen herumliegen. Am Oldtimer ist vordergründig das Design interessant, mich interessieren aber eher die handwerklichen Kniffe und technische Lösungen.
4. Blind?
dasGyros 19.10.2012
Bin ich blind? Ich kann die Zahl 30 Millionen nirgendwo finden..
5. Audi & Oldtimer
Vorausspiegeln 19.10.2012
Das passt vieleicht zu dem Thema:vor 30 min habe ich das Fahrgestell eines 1957-er DKW Monza per Schweißbrenner in Stücke geschnitten und einem bulgarischen Schrotthändler gegeben. Nicht irgendein DKW Monza - nein - sonder dieser DKW (heute Audi) war der erste Werkswagen, der 1957 die 24 Std von Le Mans mitgefahren ist (Fotobeweise). Ein vom Werk Düsseldorf für dieses Rennen vorbereitetes Rennauto. Ich hatte es Audi Tradiion angeboten,schriftlich, mit Dokumentation. Aber wer glaubt, Audi würde sich für soetwas interssieren, der irrt. Und das bei der hetigen Beziehung von Audi zu den 24 Std von eMans! Schade- wieder ein Stück technisches Kulturgut beim Schrott, dank kein Interssse für ein Unikat von Audi Tradition!
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