Öko-Auto-Hochburg Austin Tick, Trick, ohne Truck

Nirgendwo in den USA fahren mehr Pick-ups als in Texas. Die Hauptstadt Austin hingegen steht für grüne Mobilität: Hier boomen Carsharing, Elektroautos und Pkw-Knirpse wie der Fiat 500.

Aus Austin berichtet

Uwe Fischer

Abends um halb neun in Ozona, einem Kaff an der Interstate 10 in Texas: Alles ist dunkel - nur im örtlichen Saloon tobt das Leben. Jedenfalls ist der Parkplatz bis auf den letzten Quadratmeter belegt, der Hof steht voller Pick-ups. Der "Lone-Star-State" Texas ist Truck-Country, nirgendwo sonst in den USA werden so viele Pick-ups verkauft wie hier.

Sieht es wirklich überall in Texas so aus? Nein. Ausgerechnet in der Hauptstadt Austin herrscht ein anderes Straßenbild. Die Stadt mit rund 900.000 Einwohnern gilt in den USA als Vorbild für alternative Mobilität. An jeder Straßenecke stehen Leihfahrräder. Kleinwagen sind hier völlig normal. "Fiat of Austin" ist der größte Händler für Fiat-500-Modelle in den USA, in guten Monaten verkauft das Autohaus 60 solcher Stadtwägelchen.

Ganze Straßenzüge sind von Zero-Energy-Häusern gesäumt, davor parken meist Elektroautos von Chevrolet oder Cadillac, weil hier in sogenannten Smart-Grid-Projekten die Zwischenspeicherung von Ökostrom in Autoakkus erprobt wird. Auf vielen Supermarktparkplätzen gibt es Ladesäulen für E-Autos, und überall wuseln blau-weiße Smarts umher. Austin war die erste US-Stadt, in der Daimler das Carsharing-Projekt "Car2Go" einführte. Inzwischen sind fast 400 Leih-Smarts auf den Straßen und 51.000 Nutzer registriert.

Die Hippies sind schuld

Auch BMW-Händler Steve Late profitiert von der grünen Stimmung in Austin: Im vergangenen Jahr hat er knapp hundert Exemplare des E-Mobils i3 verkauft, und noch immer gibt es eine Warteliste.

Die Gründe für Austins automobile Ausnahmestellung reichen zurück bis in die Sechzigerjahre. "Damals war Austin eine Hippie-Hochburg", sagt BMW-Händler Late. Heute kämpfen diese Leute und ihre Kinder für Bäume, fahren Fahrrad oder E-Auto und stimmen für die Demokraten.

Begünstigt wird das grüne Klima zudem von der ungewöhnlichen Struktur der Stadt. Während sich in Dallas oder Houston alles um Öl und Gas und damit immer ums große Geschäft dreht, ist Austin ein Standort für Bildung, Kultur und Hightech. Die University of Texas ist mit 53.000 Studenten die größte im Land, kassiert nach Harvard die meisten Fördergelder und drückt das Durchschnittsalter in der Stadt auf 34 Jahre. Es gibt mehr Plattenstudios als in Nashville und als Heimatstadt des Computergiganten Dell hat Austin mittlerweile so viele IT-Unternehmen von Samsung bis Google angesiedelt, dass sie hügelige Gegend bereits "Silicon Hills" genannt wird.

Die schräge Stadt

Selbst die Wurzeln der Bio-Bewegung reichen zurück bis in die texanische Hauptstadt. Denn nicht in San Francisco, Los Angeles oder New York, sondern in Austin wurde 1980 der erste "Whole Foods"-Supermarkt eröffnet. Heute ist das die größte Bioladenkette der Welt.

"Austin ist einzigartig", sagt Joshua Long. Er ist Professor an der Southwestern University in Gerogetown Texas und hat über die "Weird City", die "schräge Stadt" promoviert. Auch für ihn beginnt die Wandlung der Stadt in den Sechzigern und Siebzigern: "Die Universität hat ihre Studentenzahlen verdoppelt, wie eine Eruption ist die Plattenindustrie entstanden und die Protestkultur dieser Zeit hat alle aufgewühlt."

Parallel dazu habe die Stadt mit der Ansiedlung junger, moderner und weltoffener Hightech-Unternehmen dafür gesorgt, dass dieses progressive Klima nicht abkühlt und die Menschen nicht wieder abwandern. Doch mit dem Boom haben Stadt und Bevölkerung auch erkannt, was sie dabei riskieren: "Je größer und vitaler die Stadt wurde, desto mehr haben sich die Menschen darum gesorgt, dass sie dieses Flair verlieren könnte", sagt Long und erklärt damit den Start der Umweltbewegung in den Achtzigern und Neunzigern.

Eine Stadt fährt voraus

Die Stadt geht deshalb heute noch mit gutem Beispiel voran: "Wir haben 2007 beschlossen, dass Austin eine Vorreiterrolle im Kampf gegen die Klimaerwärmung übernehmen soll", sagt Lucia Athens, Chief Sustainability Officer in der Stadtverwaltung. Die oberste Aufseherin für Nachhaltigkeit hat dafür einen Maßnahmenkatalog aufgestellt, der auch den Verkehrssektor betrifft: Bis 2020 soll die gesamte Fahrzeugflotte der Stadt CO2-neutral unterwegs sein.

Schon 1999 hat die Stadt zum Beispiel begonnen, ihre Fahrzeuge mit Propangas zu betanken. Aktuell verfeuern die Beamten rund 120.000 Gallonen im Jahr und betreiben damit etwa 300 Fahrzeuge: "Die Stadt hat sich verpflichtet, viele alternative Treibstoffe zu nutzen", sagt Bruce Kilmer aus der Fuhrparkverwaltung. "Wir sind deshalb im engen Kontakt mit den Fahrzeugherstellern und probieren ständig neue Techniken aus." Die Stadt müsse so viele verschiedene Treibstoffe nutzen wie möglich, um ihre Ziele zu erreichen.

Dazu zählt auch Strom - der städtische Energieversorger Austin Energy engagiert sich deshalb im Ölstaat Texas vehement für die Energiewende. Schon vor Jahren stellte das Unternehmen in ganz Texas Windräder auf, mit denen die Stadt heute einen Großteil ihres Energiebedarfs deckt.

Boom der Ladesäulen

Austin Energy setzte auch die ersten Autos mit Wasserstoffantrieb in Texas ein und förderte früh die Elektromobilität. Es gibt Zuschüsse für alle, die eine Ladesäule aufstellen, Projektleiterin Shems Duval berichtet stolz von den Erfolgen: Waren 2010 noch 144 Elektroautos in der Stadt zugelassen, seien es mittlerweile weit mehr als 1000. Und mit den rund 300 Ladesäulen zählt Austin einer aktuellen Studie zufolge neben San Francisco, Seattle und San Diego zu den vier US-Städten mit der besten Infrastruktur für Akkuautos.

Wie sich Austin das leisten kann? "Texas ist ein reiches Land", sagt BMW-Frau Fleischer. "Auch Erdöl hat schließlich seine guten Seiten."



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felisconcolor 20.02.2015
1. In Deutschland
hat die Regierung auch tolle und kluge Ideen, lässt aber allein den Bürger bezahlen, doppelt und dreifach. So wird das nix mit der grünen Revolution. Schuld ist aber allein natürlich wieder... der Bürger.
charly schorr 20.02.2015
2. Akku-Autos machen auch in Austin keinen Sinn
...weil es nicht der physikalischen Eigenschaft von Strom entspricht. Stromverbrauch und dessen Erzeugung sind zeitgleiche Vorgänge innerhalb von Millisekunden. Beim ICE der von München nach Hamburg fährt, wird der Strom der z.B. gebraucht wird, um mit an die 300 Sachen von Ingolstadt nach Nürnberg zu kommen, "just in time" erzeugt und verbraucht. Dieses Prinzip überträgt "Power Net" auf die Straße. Aus Induktionsschleifen in den obersten 3 cm der Fahrbahn wird über 20 cm Luftspalt der Strom auf die darüber fahrenden PKW, LKW oder Busse übertragen. angesagt sind Hybridfahrzeuge, die auf diesen Fahrbahnen am Netz hängen und dort wo nicht vorhanden, mit einem Verbrennungsmotor und Generator an Bord den Strom erzeugen, der für Radantrieb, Beleuchtung usw. gebraucht wird. Eingespart wird der teuere Akku was z.B. beim Ampera mehr als die halben Anschaffungskosten ausmacht.
wolfi7777 20.02.2015
3. Meine Lieblingsstadt in den USA!
Ich kam vor zehn Jahren wegen eines Rock-Konzertes nach Austin und war sofort von der Stadt begeistert. Noch ein Highlight: Die Million Fledermäuse, die unter der Congress Bridge nisten und jeden Abend sich auf die Jagd nach Insekten machen - phantastisch! Ganz anders als der "Rest" von Texas ...
RobMcKenna 20.02.2015
4.
Ausgerechnet das Foto eines Fiat 500*L* -in meinen Augen eine völlig verfettete Missgeburt - mit "Kleinwagen..." zu untertiteln, hat schon 'was. OK, zugegeben, im Vergleich zu den ganzen Chevy Suburbans, Ford Fs usw., die im Rest von Texas so rumgondeln, ist ein 500L ein Kleinwagen...
H-Vollmilch 20.02.2015
5. Seltsam
Eine Stadt in der Elektromobilität funktioniert. So ganz ohne die Reichweitendoskussion mit ihren eingestaubten Contra-Argumenten? Wirklich seltsam...
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