Fahrtenbuch

Auto-Blog "Fahrtenbuch"  Schraube nie vor einer Kita

Jens Tanz

Von Jens Tanz


Eine Panne ist immer ärgerlich. Eine Panne an der falschen Stelle kann aber schnell nervenzehrend werden. Neulich lässt mich mein alter Audi 100 Typ 43 im Stich und beschert mir damit ein ganz besonderes Erlebnis.

Ich hatte den betagten Registervergaser des Wagens überholt und wieder eingebaut. Leider sprang die Kiste danach nicht an. Und leider hatte ich, fest davon überzeugt, es handele sich um eine schnelle Bordsteinreparatur, vor einer Kita geparkt. Ein Fehler. Oder so ähnlich.

Gerade habe ich mich schwitzend im Motorraum verkantet, um dem schmollenden Vergaser wieder Leben einzuhauchen, da höre ich hinter mir eine helle Stimme: "Was machst du daaaaaa?"

Auto-Blog "Fahrtenbuch"
  • Joy Kroeger
    Wir bewegen Autos und das bewegt uns. Unser Leben auf Rädern ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, viele nichtig, andere wichtig und erzählenswert. Jens Tanz haben diese besonderen Momente im Mobil schon immer so fasziniert wie die Autos selbst. Von seinen liebsten Episoden, seinen Beobachtungen des Autoalltags erzählt Tanz künftig in diesem Blog.

Am Zaun der Kita haben sich Schaulustige versammelt, keiner von ihnen älter als sechs Jahre.

"Ich,… äh,… mach mein Auto heile!" sage ich in der Annahme, damit sei alles erklärt.

"Sind das beides deine Autos?", fragt einer der Knirpse.

Neben dem Audi 100 habe ich meinen Daimler, ein ehemaliges Taxi, mit offener Haube geparkt. Er soll der durch mehrere erfolglose Startversuche leergeorgelten Batterie des Audi Strom spenden.

"Ja", sage ich bewusst einsilbig in den Motorraum.

"Der andere gelbe da auch?", hakt ein anderer Knirps nach.

"Ja", widerhole ich.

"Darfst du den nehmen?", fragt ein Dritter.

"Ja, das ist doch meiner!", rufe ich, schon leicht verzweifelt.

Ich schicke meiner Freundin eine SMS, dass sie sich mit dem Nachhause kommen nicht beeilen müsse. Wie bei einem Unfall auf der Autobahn stauen sich hinter dem Kita-Zaun die sensationsgeilen Gaffer.

Kind: "Was hat denn dein Auto?"

Ich: "Das weiß ich noch nicht so richtig, das versuche ich gerade herauszubekommen"

Kind: "Weißt du das nicht?"

Ich: "Nein."

Kind: "Ist das Auto kaputt?"

Ich weiß nicht, ob in dieser Kita zukünftige Verhörexperten für den BND ausgebildet werden, aber ich bin angesichts dieser diabolisch-präzisen Fragetechnik im Zusammenspiel mit dem störrischen Vergaser dem Nervenzusammenbruch nahe.

"Wo ist denn euer Erzieher?", frage ich in der Hoffnung, das würde die Horde zum Schweigen bringen.

"Da hinten. Aber hier ist es viel spannender. Warum ist das andere Auto ein Taxi?", geht es munter weiter.

"Das ist kein Taxi, das war mal ein Taxi" antwortete ich.

"Bist du Taxifahrer?"

"Äh… nein, das ist ja kein Taxi mehr, das sieht nur noch so aus, wisst ihr…?"

"Ist das kein Taxi?"

"Nein."

"Warum nicht?"

Es ist vollkommen klar, dass ich in diesem Debattierclub unterzugehen drohe. Ich überlege kurz, ob ich den Nachwuchs mit einem kleinen Vortrag über Drosselklappen, Vollast-Anreicherungsventile und Vergaserfußdichtungen so langweile, dass sie sich lieber wieder fröhlich Sand in den Mund stecken oder die Gummistiefel in die Bäume schmeißen. Ich habe aber Angst, dass ich damit Schlimmeres anrichte.

Schon der Luftfilter, den ich zwischendurch auf den Bürgersteig lege, lässt eine Kaskade an Fragen über mich hereinbrechen, gegen die Waterboarding eine wohlige Dusche ist.

"Darfst du das Ding da auf den Boden legen?"

"Öh…, ja klar, warum denn nicht?"

"Warum darfst du das?"

Ich beschließe, einfach nicht mehr zu antworten. Aber das macht die Sache auch nicht besser.

"Was machst du da?", erklingt es glockenhell durch den Zaun. Der Kreis schließt sich, wir sind wieder am Anfang des Verhörs.

Einerseits freut es mich innerlich zumindest für die deutsche Fahrzeugindustrie, dass sich offenbar doch noch ein paar Kinder für Autos interessieren - einige von ihnen erkennen sogar, dass es sich dabei um einen Audi handelt. Aber warum muss ausgerechnet ich die Fackel der Autoleidenschaft weitergeben?

Wenn ich Ihnen einen gut gemeinten Rat geben darf - parken Sie Ihr Auto nur vor einer Kita, wenn Sie sicher sind, dass Sie den Wagen da auch wieder wegkriegen. In meiner totalen Verzweiflung erzähle ich den Kindern, dass es in dem Motor schon bald eine riesige Explosion geben wird, die alles bekannte Leben mit sich reißt und Tod und Verderben über diesen Stadtteil bringen wird.

Die Antwort der Schar, wie aus einem Mund: "Cool, das wollen wir sehen!"



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59 Leserkommentare
nicht_schon_wieder 23.09.2017
anselmwuestegern 23.09.2017
andreasclevert 23.09.2017
1+1=3 23.09.2017
thelix 23.09.2017
thelix 23.09.2017
d45gts 23.09.2017
Jens Tanz 23.09.2017
Jens Tanz 23.09.2017
arbeite_und_bete 23.09.2017
diehoelle 23.09.2017
sebtur 23.09.2017
n8f4ll 23.09.2017
Siegmund Marx 23.09.2017
thelix 23.09.2017
jufo 23.09.2017
familienvater_2_kids 23.09.2017
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mikaiser 23.09.2017
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Illya_Kuryakin 23.09.2017
Jens Tanz 23.09.2017
RealSatiriker 23.09.2017
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Thomas Schröter 23.09.2017
palef 23.09.2017
--Bob-- 23.09.2017
Teile1977 23.09.2017
Teile1977 23.09.2017
schlauchschelle 23.09.2017
desertman 24.09.2017
Lankoron 24.09.2017
frenchie3 24.09.2017
frenchie3 24.09.2017
cobaea 24.09.2017
cobaea 24.09.2017
thelix 24.09.2017
m.w.r. 24.09.2017
interessierter10 24.09.2017
Dr.Krümelmonster 24.09.2017
aljusch 24.09.2017
Gleichstrom 24.09.2017
leser008 24.09.2017
multimusicman 24.09.2017
ripley99 24.09.2017
Yves Martin 24.09.2017
chronoc 25.09.2017
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Jens Tanz 26.09.2017
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