Auto-Gesichter Schau mir in die Scheinwerfer

Das Wort "Emotionalität" gehört zu den Lieblingsvokabeln der Marketingleute. Autos sollen Gefühle auslösen, Begierden wecken, Bestätigung vermitteln. Wie sie das machen? Vor allem mit ihren Gesichtern. SPIEGEL ONLINE hat neuen Autos tief in die Scheinwerferaugen geschaut.

Von Jürgen Pander


Es ist natürlich kein Zufall, dass man von einem Autogesicht sprechen kann. Dass es links und rechts Scheinwerfer gibt, die wie Augen wirken, dass dazwischen die Öffnung des Kühlergrills platziert ist, die wie ein Mund aussieht. Dass es mitunter dicke Stoßfänger gibt, die an Lippen erinnern. Oder eine Art vorgeschobenen Erker, der quasi die Nase bildet. Autodesigner spielen mit diesen Elementen und setzen sie so ein, dass einerseits der Wiedererkennungswert der Marke gewährleistet ist, andererseits aber auch das ganze Auto einen Charakter bekommt.

Ist zum Beispiel Sportlichkeit gefragt, werden die Scheinwerfer oben angeschnitten, so dass es aussieht, als würde der Wagen seine Augen leicht zukneifen: verwegen, draufgängerisch, zu Allem entschlossen. Oder die Scheinwerfer treten scheinbar hervor wie kugelrunde Kulleraugen: zutraulich, niedlich, freundlich. Ein Trick, den viele Kleinwagen anweden, um beim Betrachter und besonders bei der Betrachterin die Reaktion "Ach, ist der süß" auszulösen. Oder die Scheinwerfer hängen leicht nach unten durch. Das wirkt seriös und generös, kann aber auch ins triefäugig-tränensäckige abgleiten, und sieht dann plump und träge aus. Und das sind nur die wichtigsten Varianten für die Scheinwerfer - von deren Grundform noch ganz abgesehen.

Single-Frame oder Doppelniere?

Mit dem Kühlergrill verhält es sich ähnlich. In den 1980er Jahren war er beinahe verschwunden. VW Passat, Fiat Punto und manche Citroen-Modelle kamen zeitweise ganz ohne "Mund" aus. Doch wirkten diese Autos seltsam neutral und merkwürdig unnahbar. Heute stattdessen haben sämtliche Designabteilungen die Bedeutung des technisch an sich überflüssigen Kühlergrills erkannt und geben sich ganz besondere Mühe, ihn zu gestalten. Audi zettelte eine große Kampagne an, um sein sogenanntes Single-Frame-Kühlermaul auf dem Markt zu etablieren und als Erkennungsmerkmal durchzusetzen. VW bastelte lange am "Wappen-Kühlergrill", der nun zum Wahrzeichen werden soll. BMW hat die "Doppelniere", und Mercedes spielt mit horizontalen Öffnungen und reichlich Chromzierat.

Wie Scheinwerfer, Kühlergrill, Spoiler, Markenemblem, Chromleisten, Stoßfänger und Kühlluftöffnungen zusammenwirken und bei jedem Auto einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck ergeben, haben wir uns auf dem Autosalon in Paris genauer angesehen. Denn gerade weil Designer und Marketingleute so viel Wert auf Emotionalität und Unverwechselbarkeit legen, werden Autos zumindest von vorne immer unterschiedlicher. Die Bildergalerie zu diesem Text soll das belegen.



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