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Auto-Enttäuschungen 2015: Die Spaßbremsen

Zu viele SUVs, zu viel Lärm, zu wenig Carsharing: Die Mitarbeiter des Auto-Ressorts von SPIEGEL ONLINE berichten, was für sie der verkehrstechnische Reinfall des Jahres war.

Sportauspuff: Was soll der Krach beim Starten? Zur Großansicht
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Sportauspuff: Was soll der Krach beim Starten?

Soundtuning: Das akustische Anlassinferno

Irgendwann in den vergangenen Jahren haben Hersteller von Sportwagen damit angefangen, den Anlassvorgang ihrer Fahrzeuge besonders zu inszenieren. Und leider scheint dieser Trend immer wildere Auswüchse zu treiben. Diesen Eindruck zumindest gewannen wir bei dem einen oder anderen Testwagen dieses Jahr. Beim Druck auf den Startknopf werden die Schallklappen im Auspuff aufgerissen, und kaum hat der Anlasser das Triebwerk angekurbelt, orgelt die Motorsteuerung die Drehzahl nach oben, bis das kalte Triebwerk (vielleicht vor Schmerzen) kreischt.

Cool? Maximal einmal. Danach müsste dieser vollkommen künstliche und überflüssige Krach jedem normalen Menschen eigentlich peinlich sein. Denn: Das Spektakel findet ja nicht irgendwo auf der Autobahn statt oder auf der Rennstrecke, sondern zumindest in nicht wenigen Fällen (von den beheizten In-House-Garagen abgesehen) in Wohnvierteln. Spätestens wenn man die erste Mutter samt Kinderwagen, die in diesem Moment zufällig hinter dem Auto vorbeigeht, beim Anlassen akustisch an die Wand geschmettert hat, oder wenn die Nachbarn bei der morgendlichen Abreise ins Büro im Pyjama an den Fenstern zur Straße Spalier stehen, wünscht man sich, diese Funktion ließe sich abschalten. Leider Fehlanzeige.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin kein dogmatischer Phonophobiker, im Gegenteil. Als bekennender Fahrer von Oldtimern mag ich es, wenn Autos klingen, das Elektroauto ist für mich keine akustische Offenbarung. Doch selbst das amerikanische Muscle-Car, das ich etliche Jahre besaß und das man durchaus schon aus der Ferne vernommen hat, veranstaltete kein solches Getöse beim Anlassen. Ganz einfach, weil kein Mensch bei gesundem Verstand den kalten Motor so hochjagen würde, wie es die modernen Kontrollcomputer tun.

von Michail Hengstenberg


Carsharing: Es wird an den falschen Stellen gefahren Zur Großansicht
DPA

Carsharing: Es wird an den falschen Stellen gefahren

Car2Go: Plötzlich draußen

Car2Go hat das Geschäftsgebiet verkleinert - und mich trifft es persönlich! Seit Mitte August parkt kein Smart mehr vor der Haustür. Zwar bin ich bekennende Fahrrad- und S-Bahnfahrerin, doch bei der typischen Hamburger Wettermischung aus Wind und Regen wurde ich manchmal schwach und stieg ins Auto. Das ist jetzt vorbei.

Das Geschäft mit den kleinen Kurzzeit-Mietwagen boomt ausgerechnet im Zentrum - also gerade dort, wo die Bus-, U- und S-Bahnverbindungen besonders gut sind. "Im Stadtkern ist die Nachfrage oftmals höher als das Angebot", sagt Car2Go-Sprecher Andreas Leo. Deshalb hat Car2Go das Geschäftsgebiet verkleinert, um das Angebot im Zentrum zu verdichten. Da fallen Bezirke, die eher am Rand von Hamburg liegen, einfach hinten über.

So wie mein Bezirk, obwohl er "Mitte" heißt. Betroffen von der Verkleinerung des Geschäftsgebietes seien drei bis fünf Prozent der Nutzer, so Leo, während 95 bis 97 Prozent der Kunden profitieren. Okay, ich gebe mich geschlagen und heule ein wenig in den Wind, wenn ich bei Regen zu Fuß von der S-Bahn nach Hause gehe.

von Margret Hucko


Das neue Fahren: Total gestresst, total vernetzt Zur Großansicht
Getty Images

Das neue Fahren: Total gestresst, total vernetzt

Connected Car: Schalt doch mal ab!

Vernetzung ist das große Ding der Autoindustrie. Die Unternehmensberatung McKinsey sagt, dass bis 2020 rund 170 Milliarden Euro mit Connectivity-Diensten im Auto umgesetzt werden. So weit die Theorie aus den Vorstandsetagen der Autohersteller und Internetkonzerne. Die Praxis auf der Straße ist aber eine andere.

Denn jeden Morgen sehe ich auf dem Fußweg zur S-Bahn Autofahrer, die auf ihre Smartphones glotzen, über Bildschirme wischen oder an Knöpfen herumfummeln. Sie tun dies ohne die Straße im Blick zu behalten, sie tun dies oft viele Sekunden lang, sie tun dies sogar beim Abbiegen. Die Strecke, für die allermeisten der tägliche Arbeitsweg, kennen sie im Schlaf. Und so fahren sie dann auch: voll vernetzt und am Mails checken, posten, twittern oder whatsappen. Und zwangsläufig: vollends unaufmerksam dahinrauschend.

Und das ist erst der Anfang. Die kommenden Autos werden noch mehr Kommunikations- und Ablenkungsangebote bieten als die aktuellen. Und Sprach- oder Gestensteuerung wird es nur noch schlimmer machen, man muss sich dann ja auch auf die richtige Wortwahl konzentrieren oder ebenfalls eine Hand vom Steuer nehmen.

Regelmäßig ergeben Umfragen, dass Autofahrer die Situation auf den Straßen als komplexer und stressiger wahrnehmen als noch vor ein paar Jahren. Mit anderen Worten: Wer ein Auto steuert, sollte sich auch aufs Autofahren konzentrieren. Wer sich unterwegs lieber mit etwas anderem als Lenken, Gasgeben oder Bremsen beschäftigen möchte, sollte Bus oder Bahn fahren.

Manuel Fangio, Formel-1-Held und fünfmaliger Weltmeister, hat einmal gesagt: "Das beste Mittel gegen das Älterwerden ist das Dösen am Steuer eines fahrenden Autos." Er ahnte nicht, dass da noch sehr viel mehr kommen würde als Müdigkeit.

Von Jürgen Pander


Passt nicht: Unten die wunderschöne Borgward Isabella, oben der neue BX7 Zur Großansicht
Borgward

Passt nicht: Unten die wunderschöne Borgward Isabella, oben der neue BX7

Borgward: Kommando Größenwahn

Borgward ist zurück. Mit deutschem Know-how, chinesischem Geld und dem Segen des Gründerenkels Christian Borgward hat die mittlerweile in Stuttgart ansässige Firma - die zwischenzeitlich mehr als 50 Jahre vom Markt verschwunden war - in diesem Jahr ihr Comeback gefeiert. Auf der IAA präsentierte das Unternehmen einen großen Geländewagen, um den herum es eine neue Modellpalette bauen und sich als neue Marke für "erschwinglichen Luxus im Preisgefüge zwischen VW und Mercedes" etablieren will. Am Ende der Dekade will man pro Jahr 800.000 Autos produzieren.

Aber wie soll das, bitte schön, gehen?

Borgward ist allenfalls noch Rentnern und Oldtimerfans ein Begriff. In China und Südamerika, wo die Marke als Erstes aufgebaut werden soll, dürfte der Bekanntheitsgrad sogar noch geringer sein. Davon mal abgesehen, hat der neue SUV mit alten Borgward-Modellen wie zum Beispiel dem traumhaften Coupé Isabella überhaupt nichts gemeinsam.

Borgward betreibt aber nicht nur Etikettenschwindel, sondern pappt dieses vergilbte Etikett auch noch an ein wenig überzeugendes Produkt. Der BX7 jedenfalls, mit dem die Wiedergänger ihr Comeback in Frankfurt inszenierten, ist kein stilistischer Geniestreich, sondern ein Designverschnitt aus fremden Vorlagen. Er vereint den kleinsten gemeinsamen Nenner des SUV-Segments: Vorn Jaguar F-Pace, hinten Porsche Cayenne, von der Seite BMW X3 und unter der Haube ein 2,0-Liter-Benziner oder ein Plug-in-Hybrid.

Natürlich kann man damit nicht viel falsch machen. Aber eigene Akzente setzt man so eben auch nicht. Doch genau die braucht es, damit man in einem weitgehend gesättigten Markt wahrgenommen wird und überhaupt eine Chance hat.

Mag sein, dass es mir einfach nur an Optimismus fehlt oder an der nötigen Vorstellungskraft. Vielleicht sind ja zumindest die Chinesen ganz heiß auf einen neuen Geländewagen mit einem alten Namen, in dessen Design-Mischmasch jeder seinen persönlichen Favoriten hineininterpretieren kann. Wenn das so ist, lasse ich mich gern eines Besseren belehren - und mache den Borgward BX7 in zwölf Monaten zu meinem Top des Jahres 2016.

von Tom Grünweg


Der Jaguar F-Pace beim Looping-Weltrekord in Frankfurt Zur Großansicht
REUTERS

Der Jaguar F-Pace beim Looping-Weltrekord in Frankfurt

SUV-Schwemme: Rundum selbstzufrieden

Zum Start ein Spektakel, so gehört sich das natürlich für eine Veranstaltung, die als "Leitmesse der Automobilbranche" betitelt wird. Insofern war es passend, dass der Hersteller Jaguar gleich zum Auftakt der IAA 2015 mit einem neuen Modell durch eine 19 Meter hohe Spezialkonstruktion raste. Die Aktion schaffte es ins Guinnessbuch der Rekorde, einen höheren Looping hat kein anderes Auto jemals zuvor durchrundet.

Sie ließ sich aber auch anders deuten: Als Symbolbild dafür, wie sich eine Branche im Kreis dreht. Denn die irrwitzige Fahrt wurde mit einem SUV mit Verbrennungsmotor bestritten.

Das Geschäft mit den Geländewagen ist eine sichere Nummer. Einerseits verständlich, dass fast alle Hersteller in unsicheren Zeiten darauf setzen. Andererseits schieben sie damit ein Problem vor sich her. Die Verkaufsschlager sind Spritfresser, die jede Emissionsbilanz verhageln. Wenn in wenigen Jahren die Regeln für strengere CO2-Grenzwerte greifen, müssen diese Autos noch dringender als heute durch effizientere Fahrzeuge kompensiert werden.

Auf der IAA waren zwar jede Menge Prototypen mit elektrischen Antrieben zu sehen. Sogar Porsche hatte ein Elektroauto im Programm. Sagenhafte Werte haben diese Studien, Reichweiten von mehr als 400 Kilometern sollen möglich sein. Entsprechend selbstzufrieden war die Haltung der Aussteller. Aber in den Modellen, die heute verfügbar sind, reicht es meist nicht mal für die Hälfte der Strecke. Und ihre Plug-in-Hybride sind Ladenhüter. An Konzeptautos mangelt es nicht - aber an konkreten Konzepten, die die Verkaufsmisere der Autos mit alternativen Antrieben ändern könnten.

Auf der IAA hat der Weltrekord mit dem SUV-Looping geklappt; und für einige Autohersteller war das zurückliegende Geschäftsjahr das erfolgreichste ihrer Geschichte. Doch von dem Spektakel sollte man sich nicht blenden lassen: Es läuft längst nicht so rund, wie es scheint.

von Christoph Stockburger

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1.
Big_Lebowski 27.12.2015
@ Michail Hengstenberg Zustimmung! Habe ebenfalls ein altes Musclecar mit offenen Sidepipes und niemand würde einen V8 auch nur ansatzweise im kalten Zustand hochdrehen. Und mit einem einfachen Seilzug kann man den Dämpfer (je nach Fußgänger und Anwesenheit der Cops) im Auspuff schließen (oder aufmachen, wenn's an der Ampel ökologisch grün wird) . Warum das bei der heutigen Digitaltechnik nicht möglich sein soll...schleierhaft! @ Christoph Stockburger Gibt einen einfachen Grund, warum ich mir einen kleinen SUV für den Alltag gekauft habe: ich sehe nichts mehr! Wer im normalen PKW sitzt, kommt sich wie im tiefergelegten Sportwagen vor. Man guckt oft nur noch auf die Heckklappen der Prosecco-Panzer und kann nicht mehr durch die Fenster den vorausfahrenden Verkehr sehen. Und andauernd versetzt in der Spur ist echt stressig. Der steigende SUV-Umsatz ist reine Anpassung!
2. Das akustische Anlassinferno...
akalvin 27.12.2015
...ist in der Tat ausgesprochen dämlich, völlig überflüssig und unbedingt peinlich. Schon oft habe ich mir gewünscht diese Funktion abschalten zu können, was sicher möglich ist: schliesslich macht der Motor beim Ampelneustart auch keine Drehzahlorgie. Die Nachfrage beim Hersteller: Fehlanzeige. Wenn also jemand die Adresse eines Chiptuners kennt, der sowas macht, ich wäre interessiert.
3. Hallo Herr Stockburger,
nachtmacher 27.12.2015
dass die SUV´s so stark am Markt vertreten sind liegt nicht daran, dass sich die Branche im Kreis dreht. Das ist eher ein Symptom von "Wasser predigen und Wein saufen". Viele, auch unter Ihren Journalistenkollegen fordern viel von den Autoherstelllern, aber beim Kauf eines Fahrzeuges halten sie sich selber nicht dran. Die SUV´s werden angeboten, weil eine große Nachfrage besteht. Kaum ein Autohersteller kann es sich leisten kein SUV im Programm zu haben. Und das, weil der Kunde solche Autos immer mehr haben will! Kauft der Kunde kein SUV, dann verschwinden die ganz schnell von selbst. Bisher siehts allerdings mehr danach aus, als ob die Elektroautos bisher die Rolle des Ladenhüters innehaben.... Richten Sie ihren Apell und Ihre Kritik an die Kunden, nicht an die Hersteller! Und auch der von Ihnen bedauerte "Verlust" des smart 2GO vor Ihrer Tüt liegt wohl an der mangelnden Wirtschaftlichkeit für den Anbieter und es wollen wohl nicht genug Menschen auf das eigene Auto verzichten. Die "alternativen" Antriebskonzepte bieten den Kunden wohl nicht genug Alternative....
4.
jasper366 27.12.2015
Zitat von Big_Lebowski@ Michail Hengstenberg Zustimmung! Habe ebenfalls ein altes Musclecar mit offenen Sidepipes und niemand würde einen V8 auch nur ansatzweise im kalten Zustand hochdrehen. Und mit einem einfachen Seilzug kann man den Dämpfer (je nach Fußgänger und Anwesenheit der Cops) im Auspuff schließen (oder aufmachen, wenn's an der Ampel ökologisch grün wird) . Warum das bei der heutigen Digitaltechnik nicht möglich sein soll...schleierhaft! @ Christoph Stockburger Gibt einen einfachen Grund, warum ich mir einen kleinen SUV für den Alltag gekauft habe: ich sehe nichts mehr! Wer im normalen PKW sitzt, kommt sich wie im tiefergelegten Sportwagen vor. Man guckt oft nur noch auf die Heckklappen der Prosecco-Panzer und kann nicht mehr durch die Fenster den vorausfahrenden Verkehr sehen. Und andauernd versetzt in der Spur ist echt stressig. Der steigende SUV-Umsatz ist reine Anpassung!
Und was ändert sich für Sie?? Nix, denn mindestens 90% aller SUV haben stark abgedunkelte Scheiben, da schauen Sie auch in einem SUV sitzend nicht hindurch. Wenn das wirklich der Hauptgrund war ein SUV zu kaufen, war es eine Fehlinvestition erster Güte.
5.
moritz1989 27.12.2015
Jaguar hat ein Auto auf die Beine gestellt welches Emotionen weckt. Kein Elektroschrott dieser Welt wird das jemals schaffen. Elektroautos sind Fortbewegungsmittel denen jegliche Attraktivität abhanden gekommen ist. Und das liegt nicht unbedingt am Design sondern am fehlen eines Motors - ein Mustang V8 lässt immer noch die Herzen höher schlagen während man einem Tesla gerne mal von der linken Spur schubst weil der mal wieder Energie sparen muss
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