Auto Shanghai 2013: Im Land der lächelnden Autobosse

Aus Shanghai berichtet

Anderswo plagen sich die Autohersteller mit CO2-Regularien und Absatzeinbußen herum, doch in China verkaufen sie Autos wie im Rausch - Klimaschutz ist kein Top-Thema. Auf der Motorshow in Shanghai wirken die Auto-Manager deswegen, als hätten sie Ecstasy eingeworfen. Ein Messerundgang.

Auto Shanghai 2013: China hat die Absatzrakete Fotos
Tom Grünweg

Würde es auf der Motorshow in Shanghai für jeden ausgesprochenen Superlativ nur einen Euro geben, könnte man am Ende locker eine Luxuslimousine anzahlen. Wohl auf keiner Automesse auf der Welt schwingen die Vorstände solche Reden wie in China. Lauscht man ihren Prognosen, erscheint die Volksrepublik wie das gelobte Land, zumindest das der Autobranche.

Immerhin, im letzten Jahr wurden dort mehr als 13 Millionen Autos abgesetzt. In diesem Jahr sollen es noch mal rund 1,7 Millionen mehr werden. Laut Daimler-Chef Dieter Zetsche wird spätestens 2020 jedes dritte Auto weltweit in China verkauft.

"Die Autoshow in Shanghai ist deswegen mittlerweile die wichtigste Messe der PS-Branche", sagt Thomas McGuckin von der Unternehmensberatung Price Waterhouse: "Keine hat mehr Aussteller und keine mehr Weltpremieren", unterstreicht er mit Blick auf 111 Neuheiten, die direkt in Serie gehen, und noch einmal 69 Studien, die es bislang noch nirgends zu sehen gab.

Absatzrakete China

Die deutschen Hersteller sind bei dem Riesenrummel ganz vorne mit dabei. Denn China hat nicht nur das Zeug zum größten Automarkt der Welt. Analysten etwa bei McKinsey sehen das Riesenreich auch als größten Absatzmarkt für die Oberklasse. Bis 2020 werde der Absatz im sogenannten Premiumsegment um rund 12 Prozent pro Jahr zulegen und etwa drei Millionen Fahrzeuge erreichen. "Nirgends ist das Wachstum so stark wie in China", schreiben die Analysten.

"Premium" bedeute zum einen satte Profite. Vor allem aber sichert es den deutschen Herstellern eine solide Alleinstellung. Während VW, Opel oder Ford mit ihrem Produktangebot immer mehr Gegenwind von Marken mit lokaler Fertigung bekommen, die längst keine rollenden Katastrophen mehr sind, ist die automobile Oberklasse in China immer noch fest in deutscher Hand. Weder der Honqui H7 noch der Changan Raeton, der sich phonetisch dreist an das VW-Flaggschiff Phaeton anlehnt, sind schon so weit, dass sie mit Mercedes S-Klasse, Audi A8 oder BMW-Siebener konkurrieren können.

Allerdings rücken Mercedes, Audi oder BMW diesmal nicht die großen Limousinen ins Rampenlicht. Obwohl nirgends mehr S-Klassen verkauft werden als in China, zeigt Mercedes zum Beispiel sein neues Flaggschiff erst Mitte nächsten Monats in Deutschland. Und während die chinesischen Hersteller ihre Elektrofahrzeuge feiern, spielen die bei den Deutschen nur eine Nebenrolle, dabei ist der Smart der erste westliche Stromer, der jetzt im fernen Osten verkauft werden darf.

Schmeicheleien für den chinesischen Geschmack

Stattdessen wollen sie den Kunden vor allem Geländewagen unterschiedlicher Form schmackhaft machen. Mercedes enthüllt deshalb hier den kleinen Geländewagen GLA und kündigt gleich auch schon die lokale Produktion an. BMW zeigt den X4 als Lifestyle-Ableger des X3, und VW fährt als wichtigste Neuheit das CrossBlue-Coupé auf die Bühne einer spektakulären Konzern-Show.

Die Studie gehört zwar wie der VW Golf in den Modularen Querbaukasten, hat aber mit 4,90 Meter fast das Format des Touareg und ernsthafte Chancen auf eine Produktionsfreigabe. Sie orientiert sich klar an den Vorlieben der Chinesen: Viel Platz im Innenraum, eine auffällige Form und Infotainment wie die iPads an den Kopfstützen - das ist es, was Maos Erben mögen. Dem trägt mittlerweile selbst die Konzerntochter Porsche Rechnung. Sie zeigt den überarbeiteten Panamera deshalb nicht nur als ersten Plug-in-Hybriden aus Deutschland - sondern auch in einer Langversion.

Auch bei anderen Marken nimmt der chinesische Geschmack offenbar entscheidenden Einfluss auf die Produktpalette. Ford zum Beispiel lockt die Chinesen mit einem Comeback des Escort, der in Shanghai als schmucke Stufenheck-Limousine steht und ruck, zuck in Serie gehen könnte. Und Citroën zeigt mit dem Wild Rubis den ausgesprochen gelungenen Entwurf für einen Geländewagen in der DS-Familie, der sogar ausschließlich für China gedacht ist; gebaut wird er vor Ort und ein Export ist nicht geplant.

Milliarden für neue Werke

Es sind Schmeicheleien, aus denen in der Branche niemand einen Hehl macht. Ein gutes Verhältnis zu den Chinesen ist wichtig. VW-Chef Martin Winterkorn hat deswegen in Shanghai Ausgaben von knapp zehn Milliarden Euro angekündigt, mit denen er unter anderem sieben neue Werke aus dem Boden stampfen will - zu dem runden Dutzend Fabriken, die der Konzern in China bereits am Laufen hat. "Damit starten wir das größte Investitionsprogramm der chinesischen Automobilgeschichte," so Winterkorn. Superlativ, Euro, danke! Statt bislang 2,6 will er hier dann mehr als vier Millionen Autos im Jahr bauen - 40 Prozent der Gesamtflotte von zehn Millionen Autos, mit der VW bis 2018 zur Nummer Eins der Autohersteller werden will.

Aber nicht nur die Niedersachsen lassen die Bagger anrollen. Auch für Mercedes-Chef Zetsche ist China "die größte Baustelle bei Daimler". Der Vorstandschef meint das zwar erst einmal wörtlich und denkt dabei an die Fabrik vor den Toren Pekings, die mehr als doppelt so groß ist wie das Stammwerk Sindelfingen, bald als erstes Auslandswerk von Mercedes auch Motoren baut und jetzt für den Start neuer Kompaktklasse-Modelle vorbereitet wird. So will Mercedes bis 2015 zwei von drei Autos für den chinesischen Markt auch in China bauen.

Doch man kann die Aussage mit der Baustelle auch im übertragenen Sinn verstehen. Denn Daimler hat gegenüber VW, Audi und BMW in China den Anschluss verloren. Statt mehr als 300.000 Autos wie BMW haben die Schwaben im letzten Jahr nur etwa 190.000 verkauft. "Aber wir wollen bald wieder auf Augenhöhe sein", verspricht Daimlers China-Bevollmächtigter Hubertus Troska.

Dieter Zetsche wird noch deutlicher: "Ohne China werden wir unser Ziel, bis 2020 wieder die Nummer Eins unter den Premium-Herstellern zu sein, nicht erreichen können," sagt der Vorstandsvorsitzende und hält es mit Frank Sinatra, nur dass er Shanghai und New York austauscht: "If you can make it there, you make it anywhere - wenn du es da schaffst, dann schaffst du es überall."

Und schon wieder ein Superlativ; und noch einen Euro, bitte.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. für sich selbst
schon,aber 21.04.2013
Zitat von sysopAnderswo plagen sich die Autohersteller mit CO2-Regularien und Absatzeinbußen herum, doch in China verkaufen sie Autos wie im Rausch - Klimaschutz ist kein Top-Thema.
Dieser kurze Eingangstext spricht für sich selbst. Keine weiteren Fragen.
2. Wer fordert eigentlich von VW, weltweit die
zh1006 21.04.2013
zu werden? Steigen dann die Managerboni oder ist es die rein chauvinistische Sichtweise der deutschen Automobillobby? Der Platz Nr.1 ist doch nicht von langer Dauer, das ist unsympathische Gigantomanie, die doch allenfalls die Voraussetzung für ruinösen Wettbewerb mit chinesischen und japanischen Konkurrenten schafft. Ich bezweifele auch sehr, dass die Anleger von dieser potentiell ungesunden Entwicklung in irgendeiner Weise profitieren.
3. Feiglinge?
blowup 21.04.2013
Sind ja schöne Autos dabei. Wmit haben wir in Deutschalnd bloß diese langweiligen Autos verdient? Sind die Manager zu feige oder sind wir doch eher Autospießer nach dem Motto "Hauptsache nicht auffallen"? Generation Golf im negativen Sinne?
4. Nicht einlullen lassen
MarkWürdig 21.04.2013
Nun ja, in der chinesischen Politik sind Klinaschutz und Luftreinhaltung schon Top-Themen. Da sollten sich die deutschen Autobosse nicht vom Rausch des momentanen Erfolges einlullen lassen. Die Tatsache, dass Motorroller mit Verbrennungsmotor vielerorts inzwischen verboten sind, nur als kleiner Hinweis.
5. Na denn ...
eichekontakt 21.04.2013
ade´ Klimaschutz. Trotzdem: die Designer sollten z.T. nicht so viel Schrott verschlimmbessern wollen.
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