Autos aus China: Schluss mit Schrott
Miese Technik, Sicherheitsmängel, schlecht kopiert - chinesische Autos haben einen miserablen Ruf. Doch die aktuelle Automesse in Shanghai zeigt: Damit ist jetzt Schluss. Die Hersteller zeigen starke Produkte, haben eigene Ideen und sind ihrer westlichen Konkurrenz in manchen Dingen sogar voraus.
Noch vor kurzem waren Automessen in China Kabinette der kuriosen Karossen, auf denen westliche Aussteller mit einem überlegenen Lächeln nach Doppelgängern ihrer Autos fahndeten. Doch inzwischen hat der Kopierladen im Osten dichtgemacht. Stattdessen präsentieren die meisten der mehr als 100 Marken aus China überraschend attraktive Serienmodelle oder spektakuläre Studien mit betont eigenständigem Charakter.
Das liegt auch an der Vorgabe aus Peking: Bis zum Jahr 2015, so legt es der zwölfte Fünfjahresplan für den Automobilsektor fest, sollen die heimischen Marken einen Verkaufsanteil von mehr als 50 Prozent erreichen. Derzeit sind es allerdings erst 40 Prozent, und weil die Zeit allmählich knapp wird, drücken die heimischen Hersteller jetzt aufs Tempo.
Natürlich ist nicht jedes neue China-Auto ein Volltreffer, und manchen Studien wie zum Beispiel dem Geländewagen Changan CS 95 steht man kopfschüttelnd gegenüber. Doch das ist auf den Messen in Tokio, Frankfurt am Main, Genf oder Detroit mit Neuheiten aus Japan, Deutschland oder den USA manchmal auch nicht anders.
Insgesamt zeigen sich die chinesischen Hersteller auf der Autoshow in Shanghai durchweg in guter Form. Es gibt erkennbare Markengesichter und eine durchgängige Designsprache, auf jedem zweiten Stand steht eine ebenso elegante wie sportliche Limousine (das wichtigste Segment in China) im Rampenlicht, es gibt pfiffige Geländewagen und Cross-over-Konzepte ohne Ende. Der "Husch husch, billig billig"-Eindruck jedenfalls ist verflogen.
Kaufen statt kopieren
Außerdem zeigen die einheimischen Hersteller mehrere Dutzend Hybrid- oder Elektrofahrzeuge sowie einige durchaus wegweisende Studien, die darauf angelegt sind, dem drohenden Verkehrsinfarkt in den Megacitys entgegenzuwirken. Elektrisch angetriebene Winz-Mobile wie der Chery @ant 2.0 oder ein zweisitziges Schmalspurmobil von Great Wall sehen nicht nur mindestens genauso gut aus wie der europäische Renault Twizy, sie sind obendrein intelligenter vernetzt, nehmen dem Fahrer mehr Arbeit ab und haben ein moderneres Interieur.
Statt die Erfolgsmodelle aus dem Westen zu kopieren, werben Autohersteller aus China inzwischen gezielt Designer oder Entwickler von dort ab. Die Modellpalette der neu gegründeten Marke Qoros beispielsweise stammt aus der Feder des ehemaligen Mini-Designchefs Gert Hildebrand. Auch hinter dem rassig roten Sportwagen Icona stehen fast ausnahmslos Europäer, die in China Ingenieurs-, Design- und Entwicklungsdienstleistungen anbieten.
Und als auf der Messe in Shanghai die chinesische Marke Cherry ihre beiden Studien Alpha Fünf und Beta Sieben enthüllte, ging es erst einmal nicht um die Autos. Es ging auch nicht um deren technisches Konzept, das stark an einen modularen Baukasten erinnert. Vor allem hob das Cherry-Management die Macher des Projekts hervor: den ehemaligen Porsche-Designer Hakan Saracoglu, der zuletzt am Cayman gearbeitet hatte, und den Ex-General-Motors-Kreativen James Hope, der maßgeblich am Opel Zafira beteiligt war.
Offen wie nie zuvor
Noch sind die schönen neuen Automodelle aus China reine Schaustücke auf der Messe. Wie sie sich auf der Straße verhalten und ob sie sich bei den Crashtests bewähren, kann derzeit kein Beobachter beurteilen. In dieser Hinsicht gilt es, Vertrauen aufzubauen, denn natürlich denkt man bei Autos aus China noch immer an die katastrophalen Crash-Ergebnisse einiger Modelle der Marken Brillance und Landwind.
Vielleicht ist deshalb mittlerweile bei den meisten Ausstellungsautos auch drin, was draufsteht; deshalb lassen sich zum ersten Mal bei einer solchen Gelegenheit die Türen und Motorhauben öffnen. So viel Offenheit gab es bislang nicht, man durfte allenfalls gucken, nicht aber anfassen. Auch diese Veränderung zeugt vom neuen Selbstverständnis der chinesischen Autobauer.
Dass es in Shanghai trotz allem noch ein paar vermeintliche Doppelgänger zu sehen gibt, liegt übrigens nicht an der Einfallslosigkeit der chinesischen Macher. Vielmehr wirken hier die oft ebenso verzwickten wie verzweigten Geschäftsbeziehungen. Denn vieles, was auf den ersten Blick wie eine Kopie aussieht, ist in Wahrheit eine westliche Karteileiche, für die jetzt ganz einfach die Rechte im Fernen Osten liegen.
Das gilt für den gelben Geländewagen im Stil des legendären US-Allradlers Hummer ebenso wie für die schwarze Limousine mit der frappierenden Ähnlichkeit zum Saab 9-5. Diese Autos aber sind keine Fakes, sondern Weiterentwicklungen. Statt sie zu kopieren, wurden die Modelle von chinesischen Firmen einfach aufgekauft - oft sogar mitsamt den Produktionsanlagen. Und nun starten sie in China in ihr zweites Leben.
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