Auto-Spitznamen Da fällt einem nichts mehr ein

Hundeknochen, Badewanne oder Froschauge - wenn man diese Auto-Spitznamen hört, formt sich sofort ein Bild. Moderne Wagen besitzen keine Kosenamen mehr. Warum eigentlich nicht?

Volkswagen

Von Martin Wittler


PV 444 - hinter diesem Kürzel könnte vieles stecken: eine Bohrmaschine, ein Heizlüfter oder auch die neueste Trockenhaube. Tatsächlich stand PV 444 aber für "Personvagn", vier Sitze und das Jahr 1944, damals präsentierte Volvo das Pkw-Modell erstmals der Öffentlichkeit. Mit dem Kürzel wissen allerdings nur Kenner etwas anzufangen. In Erinnerung geblieben ist der Wagen aber sehr wohl, und das lag an einer Design-Besonderheit: Die Dachlinie des Autos geht nahtlos ins Heck über. Was dem PV 444 wiederum zu seinem Spitznamen verhalf - Buckelvolvo.

Unter diesem Kosewort wurde das Auto berühmt, und legte nach Ende des zweiten Weltkrieges den Grundstein für Volvos Ruf als Hersteller robuster und sicherer Autos.

Auch hinter dem Kürzel Taunus P3 steckt kein weit entfernter Planet, sondern eine 1960 vorgestellte Limousine von Ford. Das Design wurde damals als "Linie der Vernunft" vermarktet, der Volksmund nannte das gerundete Auto etwas spöttisch Badewanne.

Moderne Autos haben keine Spitznamen mehr

Der Sprite Mark I - ein Name wie für ein Erfrischungsgetränk - des ehemaligen britischen Autohersteller Austin-Healey wiederum fiel durch einen scheinbar sympathisch lächelnden Kühlergrill auf und zwei wie Augen aussehende Scheinwerfer. Prompt bekam der Wagen den Spitznamen Froschauge (Frogeye) verpasst - und jeder wusste sofort, was gemeint war. Gebaut wurde der Sprite Mark I von 1958 bis 1961.

Es fällt auf, dass die genannten Autos allesamt Oldies sind. Auch der wohl bekannteste Spitznamen-Wagen, der Käfer, läuft in Deutschland schon seit 1978 nicht mehr vom Band. Was in diesem Zusammenhang aber vor allem deutlich wird: Moderne Autos haben keine Spitznamen mehr.

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Auto-Spitznamen: Der sieht ja aus wie...

Woran das liegt? Professor Sebastian Kürschner, Sprachwissenschaftler an der Universität Ingolstadt-Eichstädt, der seit fünf Jahren zum Thema Spitznamen forscht, sagt: "Spitznamen sind immer ein Ausdruck von Individualität." Und an Individualität mangelte es den Autos der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre nicht. Der erste Ford Escort (1967 bis 1974) trat mit einem Chromrahmen im Kühlergrill an, der ihm den Spitznamen "Hundeknochen" einbrachte. Der Volvo P1800 ES (1971 bis 1973) bestach durch eine großzügig verglaste Heckpartie, die ihm den Spitznamen Schneewittchensarg einbrachte. Unvergessen auch das Erdbeerkörbchen: So wurde das Golf I Cabriolet (1979 bis 1993) wegen des auffallenden Sicherheitsbügels genannt, der sich quer über das Auto wölbte.

VW Golf Cabriolet - auch Erdbeerkörbchen genannt
Volkswagen

VW Golf Cabriolet - auch Erdbeerkörbchen genannt

Dass heute ein Auto neu auf den Markt kommt und derart hervorsticht - eigentlich undenkbar. Dazu spielen inzwischen einfach zu viele unternehmenspolitische Überlegungen in das Design eines neuen Modells hinein. Besonders die Frontansicht eines Autos ist für Marketingleute sakrosankt. Das sogenannte Markengesicht darf höchstens in Nuancen verändert werden. Beispiel Audi: Der Kühlergrill, die schmalen Frontscheinwerfer, das Markenlogo und die Verhältnisse dieser Details zueinander erscheinen stets nahezu gleich. Mit dem Ergebnis, dass Audi-Typen von vorn praktisch kaum noch zu unterscheiden sind.

Keine Auffälligkeiten, also auch kein Spitzname

Die größte Angst der meisten Autohersteller scheint die vor der Veränderung zu sein. Ein Fehler - zumindest aus der Perspektive des Spitznamenpotenzials. "Wenn Gegenstände einen Spitznamen haben, ist das ein Zeichen der besonderen Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand, in dem Fall zwischen Mensch und Auto", sagt Kürschner. Eine besondere Beziehung setzt jedoch besondere Charaktere voraus. Vermutlich kühlt die Beziehung zwischen Mensch und Auto auch deshalb ab, weil modernen Pkw individuelle Charakteristika fehlen.

Die Seriennamen vieler Modelle sind zumindest nach wie vor sprachlich eher substanzlos. Ob Audi A8, BMW i3 oder Mazda CX-5. Das klingt höchst nüchtern und schreit eigentlich nach einem passenden Spitznamen. "Unsere Alltagssprache wird immer informeller. Dass Autos heutzutage weniger Spitznamen tragen, ist deshalb zusätzlich interessant", sagt Kürschner.

Es gibt nämlich offenbar einen Unterschied zwischen individuell vergebenen Spitznamen und solchen, die allgemein genutzt werden. Kürschner: "Viele Menschen geben ihrem Auto einen persönlichen Spitznamen, genau wie sie ihren Haustieren einen Namen geben." Doch wenn der Wagen ähnlich behandelt wird wie ein Haustier, kann die Beziehung zwischen ihm und dem Fahrer eigentlich nicht abgekühlt sein.

Sebastian Vettel gibt seinen Rennautos Frauennamen

Ein besonderes Verhältnis zu seinen Autos hat beispielsweise Sebastian Vettel. Der viermalige Formel-1-Weltmeister gibt seinen Rennautos immer wieder neue Spitznamen, genauer gesagt: Frauennamen. Seinen ersten Formel-1-Renner nannte Vettel Julie. Den Wagen der aktuell laufenden Saison nennt er Gina. In Insider- oder Fankreisen durchgesetzt haben sich diese Spitznamen aber nicht. Das gibt es auch in anderen Bereichen, weitab der Autowelt.

Etwa im Fußball. Die letzten prominenten Kicker mit allgemein geläufigen Spitznamen waren Lukas "Poldi" Podolski und Bastian "Schweini" Schweinsteiger. Kürschner weist jedoch auf den Unterschied zu früheren Fußballer-Spitznamen wie etwa "Kaiser" Franz Beckenbauer hin: "'Schweini' und 'Poldi' sind beides keine beschreibenden Spitznamen. Sie können auf den eigentlichen Namen zurückgeführt werden, und das hat nicht dieselbe Aussagekraft wie der Spitzname 'Kaiser'", sagt der Sprachwissenschaftler.

Noch weiter zurück als die Zeit des "Kaisers" liegt übrigens die Zeit der "Göttin". Die war ein Citroën, hieß eigentlich DS und hat in der Automobilbranche eine Art Beckenbauer-Status. Aus dem Klang des Modelnamens DS, französisch ausgesprochen wie "Déesse", und damit wie das französische Wort für Göttin, entsprang ihr Spitzname. Aber auch das ist lange her, und von einem Spitznamen für einen aktuellen Citroën ist nichts bekannt.



insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
1435mm 28.05.2018
1. Na ja, stimmt nicht ganz
Den BMW 1er der ersten Serie nannte man zum Beispiel Hängebauchschwein.
Max Super-Powers 28.05.2018
2.
"Warum eigentlich nicht?" 1. Die Gesetze der Physik gelten nun mal für jeden Autohersteller gleichermaßen. Das bedeutet also, dass wenn alle in die gleiche Richtung von Verbrauchsreduktion, Aufprallschutz etc. entwickeln, irgendwann nach vielen Jahrzehnten Kfz-Entwicklung zwangsläufig der Punkt kommt, an dem sich Autos herstellerübergreifend stark ähneln, sprich: jetzt. 2. Heute diktieren die BWL'er in den Herstellerfirmen letzten Endes das Design. Denn Ziel muss es sein, Autos zu konstruieren, die optisch eine möglichst breite Masse ansprechen. Auch das führt dazu, dass sich die Fahrzeuge heute immens stark ähneln und designtechnische Querschüsse unterbunden werden. Ich könnte jetzt noch Zeitgeist anführen, schnelle Modellwechsel und eine sehr viel höhere Modellvielfalt auf dem Markt, aber die Marschrichtung dürfte auch so klar sein. Unsere Autos ähneln sich einfach "because reasons" sehr, was dazu führt, dass es praktisch keine designtechnischen Alleinstellungsmerkmale mehr gibt, die einen Spitznamen rechtfertigen würden.
Überfünfzig, 28.05.2018
3. Nachdem die westlichen Gesellschaften....
....angeführt durch ihre wirtschaftlich/politisch/medialen Eliten, angefangen haben ales und jeden eine Ratio anzuhängen und die sogenannte Weltbürgergesellschaft auszurufen schreitet die Uniformität Hand in Hand weiter. Überall auf der Welt gleichen sich die Wirtschafts- und Handelsgesetze und in deren Fahrwasser auch die Umweltgesetzgebung an. Rundgelutschte Karossen die wie ein Stück nasse Seife durch den Wind gleiten, selbst in Länder mit strengsten Tempolimits, und Gebäude nach irgendwelchen XY-Dämmungsnormen mit Windblowertest lassen jede Kreativität hinter sich und sind eine Beleidigung für das Auge! Aber nun, wir Deutschen, die sich ihre Neuwagen am liebsten in Silber, Grau oder Schwarz bestellen, sind da ja nicht umsonst die Vorreiter und es ist sowas der äußerer Ausdruck der Merkelkratie! So wie unsere fast perfekten Autos designed werden, so dressieren wir auch unsere Sportler und andere Kreative. Der Nagel der.........
keiler70 28.05.2018
4. vergessen
habt Ihr den "Turnschuh": den BMW Z3 Coupé.
hellocapetown 28.05.2018
5. Ooch ...
... der Messerschmitt war ja gar nicht drin. Mein Vater hatte einen. Wegen der Glaskuppel war doch der Kabinenroller eher als Schneewittchensarg bekannt?! Oder der dreirädrige (hinten eins) auch Schlaglochsuchgerät. Für den Karmann Ghia kenne ich ein noch böseren Spitz(porschen)namen... will ich hier aber nicht sagen.
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