Auto-Tuning 2.0 PS aus der Blackbox

Steuergeräte und Sensoren, Kilometerlange Kabelstränge, Hunderttausende Zeilen Programmcode - Autos sind inzwischen zu rollenden Computern geworden. Schrauben ist passé, ohne Diagnosegerät läuft nichts. Jetzt ist die nötige Hardware für jeden zu haben - und billiger als ein Satz Schraubenzieher.

Rollenprüfstand: Goldene Zeiten für Bastler und Tuner

Rollenprüfstand: Goldene Zeiten für Bastler und Tuner

Von Matthias Penzel


Auf dem Information-Highway ist die Hölle los. Man muss nur ein Kürzel eingeben, schon wird man als Auto-Freak fürstlich belohnt, schon erhält man den Eindruck, endlich wieder Herr über sein eigenes Gefährt zu werden. Alles, wonach man googeln muss, ist die Abkürzung OBD. Diverse Online-Shops bieten dazu Equipment an, und neben einer Gebrauchsanweisung erhält man dazu das Versprechen, endlich wieder selbst Hand anlegen zu können, wenn beim Auto etwas nicht funktioniert. Was früher gang und gäbe war - dass man in Eigenregie einen Keilriemen, oder das Öl wechselt - ist ja eigentlich kaum noch möglich, seit der Motorraum einen Container für Tupperware gleicht. Statt ölverschmierten Schläuchen und Zylinderköpfen überall Plastikkistchen.

Schrauben ist out, mitdenken auch, denn noch bevor ein Motor stockt, leuchtet zwischen den Armaturen das Icon Motor-mit-Propeller-zur-Kühlung. Die Bedeutung versteht sogar, wer den Behälter für Kühlflüssigkeit von dem für Scheibenwischerflüssigkeit nicht unterscheiden kann. Kindern nennen sie die "U-Boot-Lampe" und wissen, dass der Wagen in die Werkstatt muss, wenn sie leuchtet. Zum Vertragshändler, denn der hat die nötige IT-Infrastruktur, um festzustellen, was verkehrt läuft.

Okay, der Reihe nach. Das magische Kürzel lautet OBD wie "on-board diagnosis". Der breite, kompliziert aussehende Stecker für die On-board Diagnose ist die Schnittstelle zwischen Ottomotor und Computer, die mehr Möglichkeiten bietet, als man zunächst denkt. Glaubt man den Online-Anbietern, so brechen für Bastler und Tuner sogar goldene Zeiten an. Denn die von Autoherstellern und deren Vertragshändlern lange unter Verschluss gehaltene Steuerungssoftware - eine Art DNA des Autos - kann jetzt jeder einsehen, der einen Computer besitzt.

Diagnose-Geräte für die im Auto versteckte Blackbox waren bisher nur für horrendes Geld zu bekommen, inzwischen kann man ein Gerät, das schon deutlich mehr prüft als nur die wichtigsten Funktionen, für knapp 30 Euro plus zugehörigem Adapter bei jedem größeren Onlinehändler erstehen. Möglich gemacht hat den Preisverfall die ISO Norm 15031-6, die eine einheitliche Codierung der Bordelektronik vorschreibt.

Neue Spielwiese für Frickler

Wer die Sprache versteht, kann sich dank des Lesegeräts wieder einen umfangreichen Einblick in sein Auto verschaffen. Wie ein Buchhalter listet des OBD die Daten von einigen tausend Parametern aus, die die im Auto verteilten Sensoren erfassen: Geschwindigkeit, Temperaturen und Umdrehungen, die Festplatte im Auto überträgt diese und viele weitere Parameter nicht nur in Echtzeit - an Warnlämpchen, oder Piepser -, sie hat auch einen Speicher, der die Geschichte des Autos protokolliert. Die entscheidende Hürde stellt allerdings die Interpretation der Daten dar. Denn viele sind voneinander abhängig, und schwierig zu deuten.

Wer raffiniert ist - und gewillt, sich durch Tausende Zeilen Code zu lesen - kann nun möglicherweise diagnostizieren, wie es um ein Auto steht, wie ordentlich die Werkstatt bei ihrer Diagnose war.

Möglicherweise wird die geliebte Maschine auch wieder zur Spielwiese für Frickler. Denn das war ja die Kehrseite der Perfektionierung von Autos: Der Verschleiß von wesentlichen Teilen wurde minimiert, 100.000 Kilometer hinterlassen kaum noch sichtbare Spuren, und auch von Rost ist nicht mehr die Rede. Das einzige, ein relativ neues Refugium nach über hundert Jahren Automobil, an dem sich Werkstätten austoben können wie Voodoo-Zauberer, ist seither die Motorsteuerung. Zwar dürfen Fahrzeughalter noch die Motorhaube öffnen, doch - degradiert und entmündigt - wissen sie dann auch nicht mehr als beim Blick auf die Warnleuchten im Fahrzeuginneren. Fast wie eine Verschwörung.

Arbeitet man sich ein wenig ein in die Materie, bei Hacker-Foren, Auto-Tuning-Sites und Anbietern, erhält man schnell den Eindruck, von der Diagnose zum Aufpeppen des Motors ist man nur noch einen Mausklick entfernt. Das stimmt natürlich nicht. Zwar kann der Fachmann hier Fahrleistung und Verbrauch beeinflussen, doch das ist illegal und obendrein gefährlich. Je schneller ein Fahrzeug unterwegs ist, desto besser müssen neben Fahrwerk auch seine Bremsen sein. Außerdem: Strapaziert man Komponenten wie in der Formel 1, so hält der Motor keine 10.000 Kilometer. Davon ist in den Online-Foren (häufigster Kommentar: "Wo kann man das kaufen?") seltener die Rede - und auch nicht davon, dass einige ungeschickte Änderungen den Wagen komplett stilllegen können.

Theoretisch ist Aufmotzen möglich

OBD steht für Diagnose, nicht für Aufmotzen - wiewohl das theoretisch möglich ist. Die OBD-II unterteilt ihre Fehlerdiagnose in vier Kapitel: Das erste beginnt mit den Buchstaben P (Powertrain/Antriebsstrang), dann folgen B (Body/Karosserie), C (Chassis) und U (Bussystem/Network). So ist in der Zeile für P0008 beispielsweise ablesbar, wie es um "Motorsteuerzeiten, Zylinderreihe 1 - Motorleistung" steht, unter B00DF, was der Sensor des Beifahrer-Sicherheitsgurtschlosses meldet, unter P so ziemlich alles von "Abgas-sensor, Zylinderreihe 2 Sensor 1 (Signal zu niedrig): P0548" bis hin zur Fehlzündung von "Zylinder 12: P0312".

Bevor man solch ein Kit kauft und anschließt, um seine olle Möhre zum Rennwagen umzuprogrammieren, noch einmal der Hinweis, wofür "Diagnose" steht: für das Erkennen von möglichen Fehlfunktionen, nicht zu verwechseln mit deren tatsächlicher Beseitigung. Eigentlich logisch: auch wenn online alles geht, braucht man für einen zwölften Zylinder mehr als eine neue Programmzeile in der DNA.

Aus einem Polo macht man so also keinen Ferrari. Wer trotzdem von dem Virus befallen ist, geht hin und sucht und findet möglicherweise jemanden. Alle Codierungen, also auch Code-Knacker, beziehen sich auf gängige in den USA vertretene Hersteller. Einem Tuner, der die Motorsteuerung umprogrammiert, schickt man seine Daten plus 500 Dollar, und er schickt einem die modifizierten Daten zurück. Wenn er gut ist, gibt noch eine Garantie frei Haus dazu: Wenn etwas schief geht, bei einem Defekt, oder wenn man mit dem Wagen zu Werkstatt oder TÜV muss, darf von diesen Maßnahmen nichts zu sehen sein, keine Spur, selbst die weggewischten Spuren dürfen nicht sichtbar sein, alles muss aussehen, als wäre nix gewesen - also schafft der unbekannt bleibende Hacker oder Tuner in Amerika die Voraussetzungen dafür, dass der komplette originale Datensatz in solch einem Fall wieder ins Auto geladen werden kann.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.