Aus Las Vegas berichtet Michail Hengstenberg
Viele Autofahrerinnen und Autofahrer werden eine der folgenden Situationen schon erlebt haben: Man tippt auf dem Handy rum, stellt einen Radiosender ein oder eine neue Zieladresse im Navigationsgerät, will etwas aus dem Beifahrerfußraum fischen, was herunter gefallen ist oder weist die Kinder auf der Rückbank zurecht. Dann richtet man den Blick wieder auf die Straße - und befindet sich halb auf der Gegenfahrbahn. Oder kann einen Auffahrunfall nur mit einer Vollbremsung verhindern.
Ablenkung ist eine der Hauptursachen für Autounfälle. Laut einer Statistik des US-Verkehrsministeriums verlieren in den USA jeden Tag zehn Menschen allein bei durch Ablenkung verursachten Unfällen ihr Leben, 1100 werden verletzt. Um diesen Trend zu stoppen, hat der Automobilzulieferer Continental eine Technologie entwickelt, die der Konzern auf der Autoshow in Chicago am Mittwoch erstmals präsentiert - und die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorab auf der CES in Las Vegas testen durfte.
Dort stand, etwas abseits vom Betrieb, ein kleines, weißes Zelt. Darin: ein handelsüblicher Cadillac vor einem gigantischen Bildschirm. An Bord des Prototypen: die sogenannte Driver-Focus-Technologie. Auch die ist auf den ersten Blick wenig spektakulär, eine kleine Infrarotkamera auf der Lenksäule, ein im gesamten Innenraum auf Höhe der Fensterunterkanten umlaufendes LED-Band - das war's.
Disco!
Als hätte er diese Gedanken erraten, tippt Zachary Bolton auf seinem Touch-Pad herum. Plötzlich fängt das LED-Band im Prototypen an, in allen Farben zu blinken und in eine wilde Lichtpunktanimation zu verfallen. Es sieht aus, wie in einer Disco. Bolton, der bei Continental einer der Verantwortlichen für das Driver-Focus-Projekt ist, lacht. "Keine Angst, das war jetzt nur Spielerei. Ich wollte zeigen, was mit den LEDs alles Möglich ist". Wenn die Driver-Focus-Technologie in Serie geht, übernimmt der Bordcomputer im Zusammenspiel mit der Infrarotkamera die Steuerung des Farbenspiels.
Infrarotkameras werden bereits heute vielfach in Autos verbaut. Sie sind meist in Rückspiegeln installiert, und registrieren, zum Beispiel für die Müdigkeitserkennung, wie oft ein Fahrer blinzelt. Doch die im "Driver Focus"-Prototypen installierte Kamera kann mehr. Sie scannt, wohin der Blick des Fahrers gerichtet ist - und orchestriert entsprechend die Fahrsicherheitssysteme des Autos und die Animation des LED-Bandes.
Das sieht dann zum Beispiel so aus: Auf dem Bildschirm vor dem Cadillac im Zelt ist eine ganz normale Autobahnsituation simuliert, der Verkehr läuft ruhig und flüssig. "Dreh mal den Kopf nach hinten, so, als würdest du deinem Kind auf der Rückbank den Schnuller wieder einsetzen", sagt Bolton. Plötzlich läuft ein weißer Lichtpunkt über das LED-Leuchtband nach vorne. Fast automatisch dreht man den Kopf zurück. "Wenn du jetzt weiter nach hinten geschaut hättest, färbt sich er Lichtpunkt erst gelb, dann rot", erklärt Bolton.
Das Auto wird klüger
Und Tatsache: Bleibt der Blick nach hinten gerichtet, verändert sich die Farbe. Und plötzlich blinkt das ganze Leuchtband in tiefem Rot - beim Blick nach vorne auf den Bildschirm zeigt sich auch, warum: Der virtuelle Vordermann bremst, der Abstand hat sich dramatisch verringert.
"Wir kombinieren hier die Informationen des Abstandsregeltempomaten mit denen der Infrarotkamera im Innenraum", erklärt Bolton. "Das gleiche können wir auch mit den Informationen des Spurhalteassistenten machen". Schaut man nach hinten, auf das Handy oder in den Beifahrerfußraum, während die Frontkameras registrieren, dass das Fahrzeug die eigene Spur verlässt, wird der Blick des Fahrers durch einen animierten Leuchtpunkt wieder zurück auf die Fahrbahn gelenkt.
Doch das ist nicht alles - die Informationen der Infrarotkamera können auch dazu genutzt werden, die bereits existierenden Assistenzsysteme klüger zu machen. Und das ist dringend nötig, glaubt Bolton. "Wir wissen aus Umfragen, dass viele Autofahrer die Assistenzsysteme deaktivieren, weil sie genervt davon sind."
Mehr Entscheidungsfreiheit für den Fahrer
Die meisten Autofahrer, die in ihrem Auto einen Spurhalteassistenten installiert haben, werden das wohl bestätigen. Wenn auf einer langen Autobahnfahrt bei vergleichsweise leerer Fahrbahn jeder Spurwechsel ohne Blinkereinsatz mit Vibrationen im Lenkrad oder wildem Gepiepse quittiert wird, ist die Verlockung, den Assistenten abzuschalten, groß. Wenn dann aber vielleicht eine Stunde später tatsächlich der Sekundenschlaf einsetzt und der Assistent gebraucht würde, ist er außer Betrieb.
Gleiches gilt für den Notbremsassistenten, der nicht unterscheiden kann, ob man bewusst auf ein stehendes Hindernis auffährt, wie zum Beispiel auf ein auf der Fahrbahn parkendes Auto, an dem man dann eher spät vorbeizieht, oder ob man tatsächlich auf den Vordermann aufzufahren droht. Hier helfen die Daten der Infrarotkamera, glaubt Bolton: "Die Kamera registriert, ob man auf die Straße schaut, oder vor dem Spurwechsel in den Seiten-, und Rückspiegel. Wenn ich dann keinen Blinker setze, kann der Bordcomputer das als bewusste Entscheidung bewerten und den Assistenten deaktivieren". Das Nervpotential des Assistenten sinkt dadurch deutlich, er bleibt dann eher eingeschaltet.
Ob, wann und wo Driver Focus in Serie geht, steht aktuell noch nicht fest. Die Hürden für eine Serieneinführung sind allerdings gering. Wie viele andere Innovationen, die zuletzt präsentiert wurden, basiert auch die Driver-Focus-Technologie in erster Linie auf Software, die lediglich bereits vorhandene Systeme neu kombiniert: Infrarotkameras sind ein alter Hut, das LED-Band könnte schon in die nächste Modelleinführung eines Herstellers integriert werden.
Ratsam wäre es wohl allemal. Viele Fahrer empfinden Assistenzsysteme, nicht ganz zu Unrecht, als Bevormundung - und ordern sie deswegen nicht, oder schalten sie irgendwann ab. Doch wenn das Auto klüger wird, lernt, den Fahrer zu lesen und ihm mehr Freiheit zu eigenen Entscheidungen lässt, könnte sich das ändern.
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