Open-Source-Auto Tabby Das Mitmach-Mobil

Autobauen in 60 Minuten: Das Unternehmen OSVehicle will die Branche mit einem Wagen aufmischen, der nach dem Open-Source-Prinzip entwickelt wird. Den Anfang macht es mit einem verlockend einfachen Angebot.

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Die Bauanleitung für Tabby wirkt so simpel wie der Beipackzettel aus einem Überraschungsei. Tabby ist ein Fahrzeugchassis und laut dem Hersteller OSVehicle innerhalb einer Stunde zusammengesetzt. Ein paar Stangen und Platten verschraubt, Lenkstange drauf und Räder dran - schon ist der fahrbare Untersatz, wahlweise mit vier oder zwei Sitzplätzen, fertig. Klingt eigentlich nach einem tollen Weihnachtsgeschenk für ambitionierte Hobbybastler - doch OSVehicle hat mit Tabby größere Pläne: Der Bausatz soll die Autoindustrie revolutionieren.

Es ist eine Revolution von unten, jeder kann mitmachen. Denn Tabby ist ein sogenanntes Open-Source-Projekt: Die Konstruktionspläne kann man im Internet herunterladen und nach Belieben weiterentwickeln - so wie Programmierer gemeinsam an einer Software basteln. Sie stehen unter einer Lizenz der gemeinnützigen Organisation Creative Commons, das heißt, dass jede daraus resultierende Erfindung ein Gemeingut bleiben muss.

Drei Zielgruppen hat OSVehicle im Visier: "Schöpfer, Designer und Hersteller", sagt Unternehmenssprecher Carlo De Micheli. Sie sollen die Idee weiterspinnen, rund um das Chassis passende Karosserien entwerfen und Tabby am besten gleich als Grundstein für die Schaffung einer eigenen Fahrzeugproduktion nutzen. "Für diese Leute sehen wir uns als Wegbereiter", sagt De Micheli.

In der IT-Welt hat das Open-Source-Prinzip für viele Erfolgsgeschichten gesorgt. Bestes Beispiel ist das Betriebssystem Linux, das Millionen von Menschen als Alternative zu Windows nutzen. Aber was kommt dabei heraus, wenn die Idee auf eine so komplexe Hardware wie das Auto übertragen wird?

Dann entsteht zum Beispiel ein Fahrzeug wie der Urban Tabby.

Straßentauglich, aber ohne Dach

Der Urban Tabby ist ein Zweisitzer mit einer zungenförmigen Motorhaube, mit Lichtern und Seitenspiegel - aber ohne Dach und Scheiben. Das Wägelchen wirkt noch ziemlich unfertig, es ist erst ein Zwischenschritt im Entstehungsprozess eines richtigen Autos. Motorisiert ist es aber bereits, zur Wahl stehen ein Elektro- und ein Verbrennungsaggregat. Das wichtigste Ziel ist für De Micheli erfüllt: "Wird der Urban Tabby ordnungsgemäß zusammengebaut, ist er straßentauglich."

Entwickelt wurde dieser Ableger des Tabby von einem italienischen Designer und Ingenieur, der mittlerweile als Partner bei OSVehicle eingestiegen ist. Jetzt warten er und das fünfköpfige Gründungsteam des Unternehmens darauf, dass sich weitere Tüftler und Entrepreneure dem Projekt anschließen. Der Urban Tabby soll im nächsten Jahr auf den Markt kommen und rund 6000 Euro kosten. "Das ist ein preiswertes Auto, das sich nach Belieben umrüsten lässt", findet De Micheli. Man könnte aber auch sagen, dass diese Summe für ein halbfertiges Produkt ziemlich hoch ist.

Genau da liegt der große Unterschied zwischen der Entwicklung eines Softwareprogramms und einem Auto über Open-Source: Während sich eine App oder ein Betriebssystem spielerisch weiterentwickeln lasen und es dazu, neben den entsprechenden Fertigkeiten beim Programmieren, nur eines Laptops bedarf, ist die Gestaltung eines Fahrzeugs immer noch eine immens aufwendige Angelegenheit.

Wer vertraut der Rudelkonstruktion?

Hinzu kommt der Standard, an dem sich Autos wie der Urban Tabby - sollte er fertigentwickelt werden - messen lassen müssen. Preiswerte Kleinwagen mit einer vernünftigen Ausstattung haben schließlich einige Hersteller im Programm. Das Design des Open-Source-Mobils aus Italien ist obendrein Geschmackssache, und nicht jeder Käufer wird es wertschätzen, dass das Chassis in 60 Minuten von Hand zusammengeschraubt ist. "Wer Geld für ein Auto ausgibt, will dem Produkt vertrauen können", sagt der Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Bratzel kennt sich in der Branche gut aus, aber ein Erfolgsbeispiel für ein Open-Source-Vehikel fällt ihm nicht ein.

Dabei haben schon andere Mutige auf die Internet-Community als Entwicklungslabor geschworen. Zum Beispiel Local Motors (LM) aus den USA. LM-Gründer Jay Rogers veranstaltete Designwettbewerbe und sammelte in Foren Technik- und Produktionstipps von Tausenden Teilnehmern. Er wählte die wertvollsten Vorschläge aus, zeichnete Pläne und stellte diese wieder online. Vor etwa drei Jahren entstand auf diese Weise das spektakuläre SUV-Modell Rally Fighter. Rogers sprach von angeblich Hunderten Vorbestellungen. In einem Interview mit dem Magazin "Playboy" räumte er kürzlich jedoch ein, bislang nur 60 Exemplare losgeworden zu sein.

Ob es OSVehicle gelingt, durch das Rudelkonstruieren den Markt zu erobern, wird sich erst zeigen, wenn sich genügend Mistreiter finden und die 60-Minuten-Plattform zum richtigen Auto wächst. Laut Carlo De Micheli wirtschaftet OSVehicle profitabel, wenn "einige tausend" Tabby-Chassis verkauft werden.

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