Durchfallerquote bei der Führerscheinprüfung: Autoclub wirft Fahrlehrern Abzocke vor

Der ACE kritisiert Fahrlehrer: "Sie spekulieren auf eine hohe Durchfallerquote" Zur Großansicht
DPA

Der ACE kritisiert Fahrlehrer: "Sie spekulieren auf eine hohe Durchfallerquote"

Fast jeder dritte Fahrschüler fällt laut einer Studie des Autoclub Europa beim ersten Versuch durch die Führerscheinprüfung. Schuld daran sind nach Ansicht des ACE aber nicht allein die Prüflinge, sondern auch die geldgierigen Ausbilder.

Goslar - Jedes Jahr fallen in Deutschland Hunderttausende durch die Führerscheinprüfung. Der Autoclub Europa ACE macht dafür eine mangelhafte Vorbereitung in den Fahrschulen verantwortlich. Die Durchfallerquote von rund 30 Prozent sei jedenfalls kein Zeichen für eine hochqualifizierte Ausbildung, heißt es in einer Studie des ACE.

ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner erhebt schwere Vorwürfe: Es komme der Verdacht auf, dass es einen Zusammenhang zwischen der hohen Durchfallerquote und der schlechten Ertragslage gebe, unter der viele Fahrschulen angesichts der demografischen Entwicklung leiden. "Sie spekulieren auf eine hohe Durchfallerquote, um anschließend zusätzliche Fahrstunden abrechnen zu können."

Dem widersprach die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Hauptursache für Fehler in der Fahrprüfung sei die hohe Nervosität der Prüflinge, sagte der Vorsitzende Gerhard von Bressensdorf. Die Folge: "Sie fahren zu schnell, missachten Vorfahrtsregelungen oder machen Fehler beim Einparken." Häufig gäben Fahrlehrer auch dem Drängen von Fahrschülern nach und meldeten sie zu früh zur Prüfung an.

In seiner Studie beruft sich der ACE auf Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes. Demnach sind im Jahr 2011 bundesweit knapp 28 Prozent der Fahrschüler mindestens einmal durch die Führerscheinprüfung gefallen.

Dabei gibt es der Untersuchung zufolge große regionale Unterschiede. Die niedrigste Durchfallerquote bei Führerscheinprüfungen hatte Hessen (22,14 Prozent) gefolgt von Niedersachsen (24,87) und Schleswig-Holstein (25,13 Prozent). In Thüringen und Sachsen dagegen fielen mehr als 36 Prozent der Aspiranten durch die Prüfung, in Sachsen-Anhalt sogar gut 38 Prozent.

Der ACE rät Führerscheinaspiranten, Fahrschulen nicht unbedingt nach vermeintlichen Billigpreisen auszusuchen. Entscheidend sei eher eine hohe Quote bestandener Prüfungen, sagt Sprecher Hillgärtner.

Fahranfänger sollen mehr lernen

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie ist kein Zufall, denn am Mittwoch wird in Goslar der Verkehrsgerichtstag eröffnet. Bei der Tagung, zu der rund 1900 Verkehrsexperten zusammenkommen, ist eine Verbesserung der Fahrausbildung ein zentrales Thema.

Im Vorfeld der Veranstaltung fordert der Autoclub ADAC, dass ein mehrstufiges Modell der Fahrausbildung eingeführt wird. "Wir brauchen eine gesetzlich vorgeschriebene Ausweitung der Lernphase", sagt ADAC-Verkehrspsychologe Ulrich Chiellino. Denn Fahranfänger seien weiterhin die am stärksten unfallgefährdete Gruppe von Verkehrsteilnehmern.

"Viele Fahranfänger überschätzen ihr Können", sagt Chiellino. Dieses "trügerische Sicherheitsgefühl" sei die Ursache dafür, dass sie in den ersten Monaten nach der bestandenen Fahrprüfung überdurchschnittlich viele schwere Unfälle verursachen.

Auch der Automobilclub von Deutschland (AvD) setzt sich für eine zweiphasige Ausbildung der Fahranfänger ein. Zur zweiten Phase sollten neben dem verbindlichen Fahrsicherheitstraining sogenannte Feedback-Fahrten gehören. Dabei sollen junge Fahrer von erfahrenen Begleitern Rückmeldungen über das erhalten, was sie können - und vor allem über das, was sie nicht beherrschen.

Als Vorbild könne Österreich dienen, sagt Verkehrspsychologe Chiellino. "Dort werden junge Fahrer auch nach Erhalt der Fahrerlaubnis weiter gezielt unterstützt". Sie müssen unter Aufsicht ihr fahrerisches Können vorführen und an Fahrsicherheitstrainings teilnehmen. "Die Anfänger sollen dabei lernen, ihr Können richtig einzuschätzen, und erkennen, wo Grenzen liegen."

ACE sorgt sich über drohende Kosten

Der deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) plädiert ebenfalls für eine "obligatorische Lernzeitverlängerung". Es müsse ein umfassendes Konzept zur Ausbildung und Betreuung von Fahranfängern erarbeitet werden, sagte DVR-Präsident Walter Eichendorf.

Der ACE steht den Mehrphasenmodellen dagegen skeptisch gegenüber. Schon jetzt seien für theoretische und praktische Pkw-Prüfung zusammen bis zu 1800 Euro fällig, gibt Sprecher Hillgärtner zu bedenken. Für die vielen Führerschein-Aspiranten, die durch die Prüfung rasseln, werde es vielfach deutlich teurer. "Statt Fahrschülern weitere gebührenpflichtige Ausbildungsstufen aufzuerlegen, sollten zuerst die pädagogischen Misserfolge im herrschenden System beseitigt werden", sagt Hillgärtner.

ADAC-Experte Chiellino verweist dagegen auf das österreichische Vorbild. Dort verteuere sich die Fahrausbildung durch die verbindliche zweite Stufe insgesamt nur um etwa 150 bis 200 Euro. Dafür seien die Unfallzahlen bei Fahranfängern deutlich rückläufig.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Führerschein
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Facebook


Aktuelles zu