Autodesign "Genialität reicht nicht"

Manche Designer der Autobranche sind so begehrt wie Ballack oder Podolski in der Fußballwelt. Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim, erklärt, woran das liegt - obwohl die meisten Chefdesigner keinen einzigen Strich mehr selbst zeichnen.


SPIEGEL ONLINE: Vom Mercedes-Chefdesigner Peter Pfeiffer stammt der Ausspruch, dass Autodesigner heute wie Fußballstars gehandelt würden. Ist die schicke Schale denn mittlerweile so viel wichtiger als das technische Innenleben von Autos?

Designer Lutz Fügener: Übereinstimmung von Design und Technik
Jürgen Pander

Designer Lutz Fügener: Übereinstimmung von Design und Technik

Fügener: Wenn die Schale nicht schick ist, bekomme ich den Kunden gar nicht so weit, sich überhaupt für das Auto zu interessieren. Für die Vermarktung ist Design also eminent wichtig. Aber natürlich überzeugt Design nicht allein: Wenn Inneres und Äußeres nicht übereinstimmen, verkaufe ich vielleicht am Anfang ein paar Modelle, aber der Ruf ist dann ganz schnell ruiniert. Wenn der Kunde sich betrogen fühlt, weil ein Auto zwar sportlich aussieht, es aber nicht ist, schaffe ich keine Markenentwicklung. Das lohnt sich höchstens für einen Autohersteller aus der zweiten Reihe, der mal nach vorne fahren und ein optisches Ausrufezeichen setzen will.

SPIEGEL ONLINE: Was macht einen Designer so erfolgreich und begehrenswert, dass jeder Autohersteller ihn verpflichten will?

Fügener: Ein wirklich guter Autodesigner muss innovativ sein. Dazu gehört mehr, als nur irgendeine geniale Eingebung zu haben. Man muss Innovationen in unendlicher Vielfalt erzeugen können. Vor allem in der konzeptionellen Stufe muss ein guter Designer innovativ an ein Auto herangehen können. Er muss sich in den Kunden hineinversetzen können. Im Prinzip muss er wie ein Architekt denken, der im Idealfall ein Haus von innen nach außen baut und damit den künftigen Nutzen des Gebäudes berücksichtigt.

SPIEGEL ONLINE: Also muss sich ein Designer von persönlichen Vorlieben verabschieden.

Fügener: Ein Autodesigner muss so professionell sein können, dass ein von ihm entworfenes Auto nicht ihm selbst entspricht. Er muss sich aus dem eigenen Standpunkt herausbewegen können und sich selbst als Kunde sehen. Denn kein Designer deckt mit seinen persönlichen Präferenzen die Kundengruppe des Fahrzeugherstellers ab, für die er Autos entwirft. Gute Designer müssen ein Gefühl dafür haben, was eine moderne Form ist, was geht und was nicht. Das ist nicht leicht, ein Auto ist ein komplexes Gebilde, keine Vase oder Zitronenpresse. Aus technischer und gestalterischer Sicht hat man unendlich viele Aspekte zu beachten. Und dabei alle Bälle in der Luft zu halten ist die Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist überhaupt die persönliche Handschrift des Designers im Kräftefeld zwischen Marketing, Konzernphilosophie und Markenidentität?

Fügener: Designer sind im Prinzip ausführende Organe. Es kommt eine Vorgabe von oben, wie stark etwa mit einem neuen Modell eine Markenidentität erzeugt werden muss, und der Designer setzt das dann um. Das ist sein Handwerk. Natürlich darf der Designer auch Vorschläge machen, wie er die Sache anpacken würde. Das hat sich in den vergangen Jahren tatsächlich geändert: Man lässt Designer heute Vorschläge machen, bevor die Marketingabteilung überhaupt zu Wort gekommen ist. Aber ob das Auto dann so oder überhaupt gebaut wird, entscheidet am Ende natürlich der Vorstand.

SPIEGEL ONLINE: Aber Topdesigner werden doch nicht nur wegen ihrer handwerklichen Fertigkeit eingekauft, sondern auch wegen ihrer Handschrift. Walter de Silva zum Beispiel hat bei Audi den markanten Single-Frame-Kühlergrill eingeführt.

Fügener: Ich weiß nicht, wie es bei Audi gelaufen ist. Wollten die eine markante Kühlerfront, und Walter de Silva hat unter dieser Vorgabe das Ergebnis geliefert? Oder hat Walter de Silva gesagt, lasst uns doch eine Front an alle Audi-Modelle machen, die man sofort wiedererkennt. Ich bezweifle, dass der Vorschlag tatsächlich von ihm kam. De Silva ist ein sehr guter Handwerker, bei dem man sich darauf verlassen kann, dass er eine sehr schöne Lösung findet. Aber klar, er gilt schon als Ausnahme unter den Designern, weil er den Ruf hat, tatsächlich noch selbst zu zeichnen. Das machen sonst die wenigsten.

SPIEGEL ONLINE: Die Designer zeichnen nicht mehr?

Fügener: Designer, die wirklich gutes Geld kosten, sind heute viel mehr Manager. Die zeichnen nicht mehr selbst. Wenn Sie einen Herrn Günak neben einem neuen Volkswagen-Modell stehen sehen, hat er daran keinen Strich gemalt.

SPIEGEL ONLINE: Was genau macht denn dann ein Designer?

Fügener: Er ist mehr für den Überbau verantwortlich, dafür, seine Designabteilung optimal zu managen und die Ergebnisse gegenüber den höheren Ebenen zu vermitteln. Insofern hat er das Design eines Autos natürlich maßgeblich beeinflusst. Außerdem sind teure Designer, die sich einen Namen gemacht haben, auch als Person vermarktbar, sie sind Teil der Marke geworden. Ein Chris Bangle hat sich schon in das Gedächtnis der Kunden eingegraben und ist allein schon deshalb wertvoll für die Marke BMW. Aber das Fußvolk der Designer, das sitzt da und zeichnet Türklinken und wird eben nicht für viel Geld gehandelt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Designer den Arbeitgeber wechseln, wie schwierig ist es dann für sie, sich auf eine neue Marke mit vollkommen anderen Philosophien, Werten und Formensprachen einzulassen? Wenn ein Fußballer wie Ballack von Bayern zu Chelsea wechselt, muss das Spielsystem ja auch neu eingestellt werden – und Erfolg ist nicht immer garantiert.

Fügener: Die Frage ist, wer sich da auf wen einspielen muss. Beim Autodesign gilt, ein guter Handwerker kann sich schnell auf eine neue Marke einspielen. Das fordert ihn ja auch, und er umgeht die Gefahr, sich festzufahren. Denn irgendwann ist die kreative Tür zu, und es fällt dem Designer immer schwerer, Grenzen zu versetzen und das Visionäre aus einer Marke herauszukitzeln. Man kennt die Probleme mit den Technologen oder mit dem Marketing im Schlaf und weiß schon im Voraus, wenn ich jetzt das zeichne, kommt wieder dieser oder jener angelaufen – und dann lässt man es gleich. Ein neuer Designer aber kennt diese Probleme nicht und reißt mit viel größerer Leichtigkeit unsichtbare Wände ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das zum Beispiel mit Michael Mauer, der von Saab zu Porsche wechselte? Viel einreißen durfte er in Zuffenhausen vermutlich nicht.

Fügener: Michael Mauer hat sich ganz klar auf Porsche eingestellt. Er ist ja eher so ein sanfter und freundlicher Typ, er hat jetzt die Porsche-Philosophie aufgesogen und nichts radikal verändert. Das kann aber auch anders sein. Ein Hersteller kann sagen, wir kippen jetzt alles um mit einem neuen Designer. So haben BMW und Chris Bangle es gemacht. Bangle hat es geschafft, in diesem Riesengebilde BMW eine völlig neue Richtung einzuschlagen, wie immer man das Ergebnis auch bewerten mag. Das passiert bei Premiumherstellern sonst ja eher nicht, dass sie ihre Identität komplett auf den Kopf stellen.

Das Interview führte Philip Wesselhöft



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DJ Doena 16.10.2006
1.
a) Design sollte nicht den Spritverbrauch unmäßig erhöhen. b) Design sollte nicht bei allen gleich aussehen.
fritze meier, 16.10.2006
2. wie das?
wieso sollte die gestaltung eines autos nicht wichtig sein? verstehe ich nicht. ein gegenstand ist immer irgendwie entworfen oder gestaltet worden, deswegen kann man um dessen design nicht herumkommen. vermutlich meinen sie eine aussergewöhnliche gestaltung oder eine unverwechselbar entworfene form. bei autos ist das ja wohl ziemlich erheblich. selten kann man unterstellen, dass ein auto wegen seiner funktionalität besticht. selbst solche un-autos wie nissan micra oder dacia logan sehen nicht aus versehen wie dunstabzugshauben aus, nur, weil sie "vernünftig" sein sollen. und nicht alle bundesbürger fahren einen lupo 3l, das einzige auto, bei dem die form konseuent der funktion gefolgt ist. autos sind ein absolutes phänomen der menschlichen seele: je absurder das autohaben und -fahren wird, desto mehr scheint es von den karren zu geben. daran hat die gestaltung einen erheblichen anteil. für mich sinnbild dieser verführung ist das "böse-gesicht-design": die schüsseln von bmw haben es jetzt sogar am gesäß! und der liebe junge von nebenan klebt sich die entsprechenden im zubehörmarkt käuflichen klebefolien auf die lampen seines golf 3. endlich mal erschrecken! spätestens mit dem kläglich scheiternden burnout der 75 ps ist es aus mit der boshaftigkeit...
Muffin Man, 16.10.2006
3.
Design kann dazu beitragen, Funktionalität und Ergonomie zu erhöhen. Leider dient Design aber vor allem dazu, das Automobil (bzw. Konsumgüter überhaupt) zu emotionalisieren. Ein gelungenes Design stellt die Eleganz des Gegenstandes heraus, es sollte nicht zu verspielt sein, und es sollte den NUTZWERT nicht schmälern... Bei den meisten Fahrzeugen der letzten rund 20 Jahre ist die Karosserie unübersichtlich geworden, man kann zumeist kaum abschätzen, bis in welchen nicht einsehbaren Bereich der vordere oder der hintere Stoßfänger hineinragen... Unübertroffen hierin ist und bleibt also der von Alec Issigonis entworfene Ur-Mini. Natürlich verlangene andere Fahrzeugkategorien eine andere Linienführung: Die Repräsentationslimousine muß "unerschütterlich" wirken, wie ein Rolls Royce Phantom V also - oder ein Mercedes 600 Pullmann, wogegen beispielsweise die schwülstigen Wölbungen eines Tatra, eines ZIL oder eines Hong-Qi nur bemüht wirken, die Dimensionen amerikanischer Straßenkreuzer nachzuahmen. Ein Sportcoupé, ein GT, muß aussehen, als würde gerade zum Sprung angesetzt werden: Der Lamborghini Miura, der Ferrari 375, der Iso Grifo, der Maserati Ghibli, auch der Alfa Romeo Montreal sind perfekte Vertreter dieser Art! Auch heute ist es wieder Alfa, deren GT, so sehr er in den Proportionen dem 147er ähnelt, den größten Fahrspaß verspricht. Da jedoch die Anforderungen an Zuladung und Variabilität gestiegen sind, verwundert es kaum, daß das Gros der Fahrzeugzulassungen im Bereich der Kompaktklasse zu vermuten ist - und das Bedürfnis nach Exklusivität sich eher im Kauf eines SUV ausdrückt. Der Urahn der "Golfklasse" ist sicher der Renault 16 - und der heutige Peugeot 307 der eleganteste Wagen seiner Klasse. Jüngeren Zielgruppen steht mit dem aktuellen Fiat Panda ein Auto ähnlichen Platzangebotes zur Verfügung, dessen Form gewissermaßen "die Infantilisierung der Gesellschaft" aufgreift und ironisiert. Gelungen war auch der "Grand Cherokee" von Jeep - nicht für's Gelände (da ist jeder Pinzgauer überlegen!), der bzw. dessen Urahn (Jeep Wagoneer) ja auch auf den Mercedes G-Klasse mit langem Radstand abgefärbt hat. Letzterer ist wirklich schon ein Traumwagen - wogegen ein VW Touareg, ein Porsche Cayenne usw. als Karikaturen eines All-Terrain-Vehicle anmuten.
Muffin Man, 16.10.2006
4. Oje!
Heute kam nun doch wieder ein Schock: Mercedes kopiert bei der neuen S-Klasse den "Bangle-Buckel" des 7er BMW! Als ich heute nachmittag zufällig am Verlagsgebäude Axel Springer (in Hamburg) vorbeikam, stand auf dem Gehweg (= VIP-Parkzone...) ein nagelneuer S-Klasse mit Stuttgarter Kennzeichen. Livrierter Chauffeur, Bodyguard, und offensichtlich irgendein DAX-Mafioso waren anwesend. Anhand der Seitenlinie des Wagens war jedoch nicht mehr erkennbar, ob das Auto aus Stuttgart oder aus München kam. Lediglich die Frontpartie verriet, daß der Falschparker seiner Zulassung gemäß aus dem Schwäbischen stammte... Damit dürfte das Renommée der Untertürkheimer ihren Tiefpunkt erreicht haben.
Heinrich20, 16.10.2006
5. Unabhängig von der Fahrzeugklasse: form follows function!
Der Grundsatz gilt in meinen Augen für jeden Gebrauchsgegenstand. Die Funktion *unterscheidet* ihn ja vom Kunstgegenstand. Das spricht natürlich überhaupt nicht gegen die aufregende Form eines Jaguar E, Peugeot 504 Cabrio oder meinetwegen auch Ford Capri. Grundsätzlich sollte ein Sportwagen ebenso Emotionen wecken wie ein VAN und genau darin liegt die Schwierigkeit! Das Ziel ist doch entscheidend: Wofür wird das Auto gebaut, was erwartet der Kunde? Soll ein Sportwagen agil und schnell fahrbar sein, so sollte ein VAN komfortabel für die Familie sein und trotzdem die Chance bieten zur schneller und ermüdungsarmer Überbrückung von Strecken. Interessiert das dreijährige Kind in einem VAN, ob der VAN von außen schnittig aussieht oder ob der Innenraum familienfreundlich, kindgerecht gestaltet ist? Da werden ebenso Emotionen geweckt und hohe Anforderungen an das Design gestellt! Es ist natürlich viel leichter, ein schönes Coupé zu bauen als einen schönen Kompaktvan, darüber sollte sich jeder im Klaren sein, der über die Form, z.B. eines Fiat Multipla lacht. Ich fahre inzwischen meinen vierten Saab 900, jetzt als Cabiolet ein echter Kompromiss zwischen Funktionalität und Fahrfreude. Sicher, ein echter Roadster wäre auch nicht schlecht aber dennoch ziehe ich den hohen Nutzwert dieses Autos dem reinen Spaßfaktor vor. Gerade hier zeigt sich, dass beides vereint werden kann, denn ich kann problemlos zu viert in Urlaub fahren und friere auch im Winter nicht. (Auffallen tue ich mit meinem 17 Jahre alten Auto allemal! ;) ) So stelle ich mir Design vor! Gruß Martin
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