Neue Mobilitätskonzepte: Im Schwarm durch die Stadt

Aus Genf berichtet

Neue Mobilitätskonzepte: Flüssiger vorwärts Fotos
Toyota

Das Privatauto als urbanes Fortbewegungsmittel hat bald ausgedient, Staus und Parkplatznot zehren an den Nerven der Fahrer. Auf dem Genfer Autosalon zeigen Hersteller ihre Konzepte für die Mobilität von Morgen. Meist geht es dabei um Carsharing - sogar Tuning-Experten wollen von dem Boom profitieren.

Das Verkehrschaos bricht täglich aus, mit Ansage, in fast jeder größeren Stadt. Die Straßen sind verstopft, freie Parkplätze eine Seltenheit. Als Konsequenz verzichten mittlerweile viele Stadtbewohner auf den eigenen Pkw, steigen in Busse und Bahnen um oder teilen sich Autos. Einige große Fahrzeughersteller wie Daimler, BMW oder Ford investieren deshalb in Carsharing-Flotten. Auch ein paar kleine Unternehmen wittern hier ihre Chance - und gehen dabei noch einen Schritt weiter: Auf dem Genfer Autosalon zeigen sie nicht nur neue Mobilitätskonzepte, sondern auch gleich die dazu passenden Autos.

Der interessanteste Ansatz stammt ausgerechnet von der Firma Rinspeed, einem Schweizer Unternehmen, das eigentlich auf Tuning spezialisiert ist. Statt Autos aufzumotzen will Rinspeed-Chef Frank Rinderknecht nun den Stadtverkehr revolutionieren. Der Paradies-Vogel der PS-Branche hat dazu den Micromax entwickelt - eine Art Aquarium auf Rädern, das mit dem Motor eines Elektrostaplers durch die City surrt.

Das Gefährt ist fast so hoch wie ein Stadtbus und bietet Platz für einen Fahrer und drei Passagiere. Die sitzen festgeschnallt auf bequemen Hochstühlen, die wie futuristische Barhocker aussehen und wenig Platz brauchen. Deshalb fährt man im Micromax bequemer als in einer Mercedes S-Klasse, obwohl das Auto mit 3,70 Metern kürzer ist als ein VW Polo. Sogar für den Luxus eines integrierten Kaffeeautomaten ist genügend Raum.

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Rinderknecht hat sich zu der originellen Karosserie ein passendes Konzept ausgedacht: Die Mircromax-Fahrzeuge sind untereinander vernetzt, eine App errechnet Auslastung, Fahrtzeit und Route in Echtzeit. So sollen spontane Fahrgemeinschaften entstehen und Möglichkeiten zum Umsteigen geboten werden. Der Schweizer schwört auf die sogenannte Schwarmintelligenz. Und wer den Wagen allein nutzen will, kann einen Privat-Modus aktivieren.

Carsharing ohne Fahrer

Auf Funktionalität setzt auch das Fuldaer Ingenieurbüro Edag mit seinem Lightcar. Das Auto ist für die Zwecke einer urbanen Carsharing-Flotte optimiert, es zeigt mit riesigen Leuchtflächen seinen Status als vermietet oder frei an, ist geräumig, einfach zu bedienen und mit einem Elektroantrieb für 150 Kilometer Reichweite ausgestattet. Eine spartanische Einrichtung soll niedrige Betreiberkosten und Mietpreise gewährleisten. Wie robust das Fahrzeug wirklich ist, wird bei der Reinigung deutlich - sowohl Außen als auch Innen lässt es sich mit einem Dampfstrahler abspritzen.

Die Konzepte hinter Projekten wie dem Micromax oder dem Lightcar klingen zwar clever, ihre Alltagtauglichkeit ist aber noch nicht erprobt. Edag ist sogar schon zum zweiten Mal lediglich mit einer Studie in Genf vertreten. Carsharing boomt, soviel steht fest - aber spontane Mitfahrgelegenheiten für Kurzstrecken haben sich bislang noch nicht durchgesetzt, und gegenüber E-Mobilen sind Fahrzeuge mit herkömmlichem Antrieb verlässlicher, was die schnelle Verfügbarkeit angeht: Stromer müssen schließlich zu festen Ladestationen gebracht werden.

Immerhin: Die Technologie für Konzepte wie jene von Rinspeed und Edag ist bereits serienfertig. Ehe die Studie Link&Go des französischen Technologiekonzerns Akka dagegen in die Tat umgesetzt wird, muss erst noch das autonome Fahren ausgereift sein. Denn in dem stylischen Elektrokonzept mit fünf Plätzen wird der Fahrer verzichtbar. Sein Sitz kann für die entspannte Unterhaltung mit den Passagieren gedreht werden, das Lenkrad lässt sich wegklappen. Die Steuerung übernehmen dann Kameras, Laser- und Radarsensoren.

Deutsche Hersteller zögern, Toyota handelt

Der einzige Branchenriese, der auf dem Autosalon in Genf ein innovatives Stadtmobil zeigt, ist übrigens Toyota. Die Japaner präsentieren mit dem i-Road einen ultraschlanken Zweisitzer mir Elektroantrieb, der auf dem Messestand mit aberwitzig engen Radien und imposanter Kurvengeschwindigkeiten begeisterte. Wo andere im Stau stecken bleiben, surft man damit förmlich durch den Feierabendverkehr, so die Botschaft von Toyota.

Mit ähnlichen Studien wollten in den vergangenen Jahren auch deutsche Hersteller auf Automessen Eindruck schinden: Audi Urban Concept, VW Nils und Opel Rak-E heißen die Beispiele. Auf die Straße haben es diese kleinen Revoluzzer aber nie geschafft. Der Toyota i-Road geht dagegen schon bald in Serie: "Ab 2014 fährt er im Flottenversuch durch Grenoble", sagte ein Unternehmenssprecher.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Wird nichts.
meinmein 15.03.2013
Unsere künftige Bevölkerungsmehrheit findet solche Autos eher uncool. Wo ein Mann noch ein Mann ist, muss es mindestens ein BMW sein, Alter egal. Verkehrsregeln sind dabei auch unnötig.
2. Ansatz
rennflosse 15.03.2013
Zitat von sysopToyotaDas Privatauto als urbanes Fortbewegungsmittel hat bald ausgedient, Staus und Parkplatznot zehren an den Nerven der Fahrer. Auf dem Genfer Autosalon zeigen Hersteller ihre Konzepte für die Mobilität von Morgen. Meist geht es dabei um Carsharing - sogar Tuning-Experten wollen von dem Boom profitieren. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/autofahren-der-zukunft-hersteller-zeigen-in-genf-mobilitaetskonzepte-a-887530.html
Der interessante Ansatz dabei ist, spezielle Fahrzeuge für Carsharing zu bauen. Bisher bekommt man dort nur normale Autos. Für Großstädte mag das Konzept erfolgversprechend sein. Weil es eben auch einen wirksamen Wetterschutz beeinhaltet, den man hierzulande braucht. Dagegen sind alle Versuche, das Fahrrad zum Hipstermobil aufzujazzen, zum Scheitern verurteilt.
3. Oh gosh nur mal so
vipix 15.03.2013
Den Einkauf mach ich auch mit ner App? Auf dem Weg zum Einheits Food.....Wir brauchen Erdgas, Hybrid Busse ein Netz von Tram und Zug, Vereinheitlichte Tarife damit das benutzen einfach wird. In UK hat die Privatisierung das fast unmoeglich gemacht.
4. Auto egal.
antopus 15.03.2013
Zitat von meinmeinUnsere künftige Bevölkerungsmehrheit findet solche Autos eher uncool. Wo ein Mann noch ein Mann ist, muss es mindestens ein BMW sein, Alter egal. Verkehrsregeln sind dabei auch unnötig.
Falls mit Bevölkerungsmehrheit die Rentner gemeint sind könnten Sie Recht haben. Die Jungen dagegen finden das Auto an sich eher uncool. Model egal.
5.
nemesis001 15.03.2013
Zitat von antopusFalls mit Bevölkerungsmehrheit die Rentner gemeint sind könnten Sie Recht haben. Die Jungen dagegen finden das Auto an sich eher uncool. Model egal.
Echt? Welche? Hier, und hier kann überall sein, machen die Jungen ihren F-Schein schon mit 17 um endlich auf die Strasse zu können. Aber gut, in Köln, Frankfurt, Hamburg oder München mag das anders sein... Zum Glück besteht Deutschland nicht nur aus den paar Großstädten. Die Freiheit mit eigenem Auto ist durch nichts zu ersetzten! Ob das unsere Ökofaschisten nun wollen oder nicht...
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