Fernverkehr: Im Land der leeren Autohäuser

Aus Buchara berichtet

Die Zeiten sozialistischer Mangelwirtschaft sind in Usbekistan eigentlich vorbei. In den Autohäusern sieht es dennoch aus wie in einem Konsum-Laden der DDR um 1980 - nämlich gähnend leer. Trotzdem floriert das Geschäft.

Fernverkehr Usbekistan: "Autos kauft man unbesehen" Fotos
Tom Grünweg

Akbar ist ein stolzer junger Mann. Er ist noch nicht 30 und schon Verkaufschef im größten Autohaus von Buchara. Die Stadt in Usbekistan gehört wegen ihrer vielen Moscheen und muslimischen Schulen seit 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe. Akbar also sitzt aufrecht hinter einem dunkelblauen Tresen und verkauft im Schnitt jeden Tag zwei Autos. Im Prinzip wäre sein Job in Bad Berleburg oder Birmingham nicht anders.

Dass es dennoch ganz anders ist, erkennt man, wenn man Zoom weiter aufzieht und den Blick durchs Autohaus schweifen lässt. Der Chevrolet-Showroom ist gähnend leer. An den Wänden hängen ein paar bunte, großformatige Fotos von Automodellen, darunter ist die aktuelle Preisliste befestigt und an der Wand aufgereiht sind ein paar Aufsteller mit den Namen von Chevrolet-Fabrikaten. Doch sonst gibt es - von einer grünen Sitzgruppe in der Ecke abgesehen - nichts. Vor allem gibt es kein einziges Auto hier in diesem rund 300 Quadratmeter großen Ausstellungsraum.

Es gibt noch eine zweite Halle, weiter hinten. In der parken ein paar weiße Neuwagen, die für die Auslieferung vorbereitet werden. Und draußen auf dem Hof herrscht das übliche Werkstattgeschäft. Nur der Showroom des Chevrolet-Händlers ist wie leergefegt. Und das ist in Usbekistan kein Einzelfall. Überall wo man Stützpunkte der US-Marke sieht, zeigt sich das gleiche Bild: Blitzblanke Fensterfronten, polierte Böden, bunte Bilder - und ansonsten völlige Leere.

Dass sich die Besucher aus Europa darüber wundern, kann Akbar, der Verkaufschef aus Buchara, nicht verstehen. Denn von Autohäusern voller Autos und einer Flotte von Vorführwagen hat er noch nie etwas gehört. In Usbekistan ist das anders, und das ist keine Mangelerscheinung, denn schließlich produziert Chevrolet hier sogar Autos und hat vor kurzem erst das zweite Werk in der zentralasiatischen Republik südwestlich des Aralsees eröffnet.

Der Grund für die leeren Autohäuser ist ein anderer. "Autos kauft man in Usbekistan unbesehen", erklärt Akbar. Ein paar Fotos und die Information, was welcher Typ kostet, reichen völlig aus, damit die Kunden ihre Entscheidung fällen können. Repräsentativ soll der Auftritt des Unternehmens aber dennoch sein. "Wir sind eine große Firma und wollen das mit unserem großen Gebäude auch zeigen", sagt Akbar. Auch die Frage, ob den nie ein Kunde eine Probefahrt unternehmen möchte, bringt ihn nicht aus der Ruhe. "Die", sagt Akbar, "machen wir ganz einfach bei der Übergabe des Neuwagens."

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Gebrauchsgegenstand vs. Autokult
DgaDM 08.04.2012
Ein so sachliches, emotionsloses Verhältnis zum Automobil mag für westeuropäer und insbesondere „uns“ Deutsche befremdlich wirken, aber eigentlich sollte das doch der Normalzustand sein. Ich habe meine Autos auch immer ohne Probefahrt gekauft, denn welcher Erkenntnisgewinn soll dabei schon herauskommen?
2.
waloitz 08.04.2012
Zitat von sysopDie Zeiten sozialistischer Mangelwirtschaft sind in Usbekistan eigentlich vorbei. In den Autohäusern sieht es dennoch aus wie in einem Konsum-Laden der DDR um 1980 - nämlich gähnend leer. Trotzdem floriert das Geschäft. Fernverkehr: Im Land der leeren Autohäuser - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,825738,00.html)
in den autohäusern bzw. verkaufstätten wird es sicher nur sehr eingeschränkt vorzeigeexemplare gegeben haben. ein konsum aber war m. E. immer irgendwie gefüllt, wenn man nach einem spezifischen produkt gesucht hat konnte es schon sein, dass man nicht fündig wurde.
3. Konsum-Läden
stephan@mcsteph.com 08.04.2012
was hat denn dieser Schreiberling (ich habe seinen Namen schon wieder vergessen) überhaupt für eine Ahnung, wie es in den Konsum-Läden der DDR um 1980 ausah? >wie in einem Konsum-Laden der DDR um 1980 - nämlich gähnend leer< Ich frage mich nur, wie meine Mutter um anno 1980 es fertig gebracht hat, mit mir als kleinem Jungen an der Hand aus so einem "gähnend leeren Konsum-Laden" (den dieser Schreiberling hier herbei lügen will) mit einer vollen Einkaufstasche heraus zu kommen..... Sicher, Bananen gab es wahrscheinlich eher selten, auch waren nur 2-4 Sorten Schokolade zu holen anstelle von 40 oder 50 Sorten wie im kapitalistischen Westen. Aber "gähnend leer" waren diese Läden niemals. Das ist und bleibt Spinnerei!
4. hmmm...
snickerman 08.04.2012
Zitat von DgaDMEin so sachliches, emotionsloses Verhältnis zum Automobil mag für westeuropäer und insbesondere „uns“ Deutsche befremdlich wirken, aber eigentlich sollte das doch der Normalzustand sein. Ich habe meine Autos auch immer ohne Probefahrt gekauft, denn welcher Erkenntnisgewinn soll dabei schon herauskommen?
Ich glaube nicht, dass man dort ein Auto nur als Fortbewegungsmittel sieht, sonst würde hier kein Chevrolet-Autohaus erwähnt werden und alle Lada oder ähnliches fahren. Eine Probefahrt muss ich auch nicht haben, aber beim letzten Autokauf hat das Probesitzen und die Ausstattung zum Kauf geführt- übrigens ein Kleinwagen von 10.000€, mit dem ich seitdem zufrieden durch die Gegend fahre... Gerade in solche Länder werden besonders viele Luxusautos exportiert, warum wohl?
5. Probefahrt
Wasnun 08.04.2012
Zitat von DgaDMEin so sachliches, emotionsloses Verhältnis zum Automobil mag für westeuropäer und insbesondere „uns“ Deutsche befremdlich wirken, aber eigentlich sollte das doch der Normalzustand sein. Ich habe meine Autos auch immer ohne Probefahrt gekauft, denn welcher Erkenntnisgewinn soll dabei schon herauskommen?
das haben mich händler oft gefragt!. Da mußte ich sagen, ich habe schon öfter ein Auto gefahren. Welchen Erkenntnisgewinn bringt es? Wenig. Aber ein Auto zum ansehen ist immer notwendig. Wie gut kann man ein- und aussteigen. Kann man im Kofferraum bzw. Fond alles unterbringen, was man so mitnehmen will. Ist die Ladekante niedrig genug usw. Aber das kann man alles im Verkaufsraum sehen. Aber wo es kaum Autos zu kaufengibt, funktioniert das usbekische Modell eben auch.
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