Autohersteller auf der CES: Auf zu neuen Usern
Zu Gast bei den Nerds: Eher unauffällig finden sich auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas inzwischen fast alle großen Autohersteller ein - denn bei den Autos der Zukunft ist Rechenleistung wohl wichtiger als Motorleistung.
Vom Auto hatte Gary Shapiro bislang keine hohe Meinung. Shapiro ist Präsident der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas und damit Hausherr bei der größten Elektronikmesse der Welt. Er braucht sein Auto eigentlich nur, "um damit möglichst viel elektronisches Gerät herumzufahren". Ihm gegenüber steht Dieter Zetsche. Als Chef des Autobauers Daimler sieht er das natürlich ein bisschen anders. Zetsche hält auch das Auto für ein Wunder der Elektronik und blickt eher stirnrunzelnd auf die vielen Accessoires der Generation Internet herab.
Der inszenierte Zwist auf einer Bühne in Las Vegas lässt die Gräben erahnen, die es zwischen den beiden Boombranchen einmal gab - und vielleicht noch gibt. Doch Auto- und Elektronikindustrie kommen sich näher. So nah sogar, dass ein Automanager wie Zetsche bei der CES um eine Keynote gebeten wird - also eine Grundsatzrede, in der Konzernbosse üblicherweise Strategien und Visionen für ganze Branchen ausbreiten.
Getrieben wird die Annäherung der Auto- an die Elektronikbranche von mehreren Faktoren. Einer davon ist der Wertewandel in der Gesellschaft. "Der digitale Lifestyle führt zu einem digitalen Drivestyle", sagt Zetsche. Die Autofahrer von morgen wollen immer und überall online und vernetzt sein. "Wenn ich offline bin, bin ich tot", bringt Mercedes-Forscher Bharat Balasubramanian den Zwang zur mobilen Vernetzung auf den Punkt.
Der zweite wichtige Faktor ist der Erfolg des Autos selbst: Je mehr Menschen nach automobiler Mobilität streben, desto schneller endet sie im Dauerstau. Wer in Los Angeles, Peking oder São Paulo lebt, weiß das längst. Die Elektronik könne dieses Paradox lösen, sagt Zetsche und ruft: "Connectivity schafft Freiheit!" Wenn Autos Daten generieren und diese dann ausgewertet und wieder zurück in die Fahrzeuge übertragen würden, ließe sich die Verkehrssicherheit und der Verkehrsfluss verbessern.
Der demonstrative Kuschelkurs der beiden Branchen auf der CES ist jedoch nicht ganz reibungsfrei. Problematisch sind zum Beispiel die unterschiedlichen Entwicklungszyklen. "Wir arbeiten mit sieben Jahren Vorlauf, die Elektronik nur mit sieben Monaten", sagt Zetsche. "Ein zehn Jahre altes Auto ist noch immer ein Gebrauchsgegenstand und wird vielleicht mal ein Sammlerstück. Aber ein zehn Jahre altes Handy gehört in den Müll."
Ständige Updates für die Elektronik-Komponenten im Auto
Um mit den atemberaubenden Entwicklungszyklen Schritt zu halten, hat Audi auf der CES einen modularen Infotainment-Baukausten vorgestellt, in dem während Entwicklung und Produktion Einzelteile einfach ausgetauscht werden können. Auch andere Hersteller setzen auf Infotainment-Plattformen mit offenen Programmierstrukturen. Die lassen sich dann mit kleinen Hilfsprogrammen, sogenannten Apps, individualisieren und vor allem aktualisieren. Damit bleibe auch ein Gebrauchtwagen auf der Höhe der Zeit, hofft Zetsche.
Vor diesem Hintergrund schmieden die Autobosse neue Allianzen mit Chipherstellern, Software-Firmen oder Dienstleistern wie Google. Mit letzterem hat Mercedes auf der CES eine weitergehende Partnerschaft vereinbart. Stets geht es darum, näher an die Quellcodes zu kommen, früher informiert zu werden und neue Systeme schneller zu integrieren.
Das Engagement lohnt sich: In Zeiten, in denen jungen Autokäufern die Rechenleistung des Infotainment-Systems wichtiger wird als die Kraft des Motors, ist Hightech-Elektronik fürs Auto ein gewaltiges Geschäft. Auch deshalb tummeln sich derzeit in Las Vegas die Autobosse. Ford-Chef Alan Mulally ließ im vergangenen Jahr sogar den Genfer Autosalon sausen, weil es ihn zur deutschen Computermesse Cebit zog.
Sprachsteuerung ist modern, Gestensteuerung ist die Zukunft
Ford versucht nämlich ebenfalls, sich einen Vorsprung im digitalen Wettrennen zu verschaffen - und hat gemeinsam mit Microsoft die Elektronik-Architektur SYNC entwickelt. Das sprachbasierte Telematik-System vereinfacht die Bedienung sowie die Anbindung externer Geräte. Zudem greift das System auch auf Wetter-, Nachrichten- und Verkehrsinformationen zu, die in der sogenannten Cloud, einer virtuellen Datenwolke, zwischengespeichert sind. Schon jetzt hat Ford vier Millionen SYNC-Modelle verkauft, bis 2015 sollen weitere neun Millionen Kunden hinzukommen.
Die Vernetzung schreitet also voran, nur gebremst von der oftmals umständlichen Bedienung der Systeme. Wie sich das verbessern ließe, zeigt Audi mit einem neuartigen Head-up-Display mit Gestensteuerung: Eine Wischbewegung mit der Hand reicht aus, um die Informationen zwischen den drei Projektionsflächen in der Frontscheibe hin- und herzuschieben. Ohne den Fahrer abzulenken, kann der Beifahrer so zum Beispiel Videos zu Sonderzielen anschauen. Und ein kurzes Winken genügt, um auf der Projektionsfläche vor dem Fahrer die Navigation zum Ziel zu starten.
Noch einen Schritt weiter geht Mercedes mit der Designinstallation Dice. Der weiße Würfel simuliert ein futuristisches Cockpit, in dem das Armaturenbrett ein riesiges iPad ist und die Frontscheibe als Bildschirm dient. Gesteuert wird mit Fingerbewegungen - berührungsfrei. "Kameras und Infrarotsensoren machen das möglich", sagt Designer Hartmut Sinkwitz.
Auto-Neuheiten werden nicht in Autos, sondern in Sitzkisten präsentiert
Wie nebensächlich bei solchen Innovationen - zumindest auf der CES - andere Qualitäten eines Autos werden, lässt sich in Las Vegas auch studieren: Die Elektronik-Neuheiten präsentieren die Hersteller nicht in spektakulären Autostudien, sondern in mehr oder minder schlichten Sitzkisten, die nicht einmal Räder haben.
Natürlich sind die Autohersteller auf der riesigen Messe in der Minderheit. Und selbst wenn Audi einen imposanten Stand aufschlug, nimmt der Durchschnittsbesucher die PS-Branche wohl nur am Rande wahr. Doch ganz so gestrig, wie Nerds die Gearheads gerne darstellen, seien die Autobauer dann doch nicht, verteidigt Daimler-Chef Zetsche seine Branche. "Wir hatten schon Büros im Silicon Valley, als es Google noch gar nicht gab", sagt der Schnauzbartträger trotzig und ruft der CES-Gemeinde noch einmal die Dimensionen der PS-Welt in Erinnerung: "Nach wie vor gibt es auf der Welt mehr Autos als Facebook-Accounts."
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