Dieselkrise Autoindustrie verlangt laschere Klimaziele wegen Abgasskandal

Europas Autohersteller wollen aus dem Abgasskandal Kapital schlagen. Weil sich Dieselautos schlecht verkaufen, seien die CO2-Sparziele für 2021 in Gefahr. Die EU müsse mehr Milde walten lassen. Experten widersprechen.

Luftballons bei einer Greenpeace-Demonstration gegen lasche Klimaziele
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Luftballons bei einer Greenpeace-Demonstration gegen lasche Klimaziele


Der massive Absatzeinbruch bei Dieselautos lässt die europäischen Autohersteller zunehmend zweifeln, dass sie die EU-Klimavorgaben für die kommenden Jahre erfüllen. "In unserer Branche herrscht große Sorge, ob wir das Ziel für 2021 erreichen, denn das wird natürlich schon kniffelig", sagte der Generalsekretär des europäischen Automobilindustrie-Verbands Acea, Erik Jonnaert, der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel.

Jonnaert sprach sich auch für eine Senkung der geplanten Vorgaben für die Jahre bis 2030 aus. Die längerfristigen Ziele müssten "realistisch" bleiben. Die Vollversammlung des EU-Parlaments wird Anfang Oktober darüber abstimmen. Zudem warnte Acea vor massiven Jobverlusten durch eine forcierte Umstellung auf Elektroautos als Folge schärferen CO2-Grenzwerten.

CO2-Emissionen steigen erstmals wieder

Seit 2009 reguliert die Europäischen Union den CO2-Ausstoß von Autos. Im Jahr 2021 dürfen Neuwagen eines Herstellers im Durchschnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Tatsächlich lag der Wert 2017 im Schnitt bei 118,5 Gramm - mit leicht steigender Tendenz.

"Trotz der Anstrengungen, die wir als Hersteller unternommen haben, steigen die CO2-Emissionen nun zum ersten Mal", bestätigte Jonnaert. Grund sei der Abstieg des Diesels, der weniger verbraucht als Benziner. Trotzdem versuchten die Hersteller alles, die Vorgaben noch zu erreichen, zumal sonst hohe Strafen fällig würden, betonte Jonnaert.

Ziele laut Fachleuten erreichbar - aber es wird teuer

Fachleuten zufolge lassen sich die Klimaziele für die Industrie noch erreichen. "Es wird für manche Hersteller eine Zitterpartie", sagt Michael Schweikl, Automobilexperte bei der Unternehmensberatung PA Consulting. Technisch sei das kurzfristige Sparpotenzial der Fahrzeuge in der Entwicklung weitgehend ausgereizt. "Es kommt jetzt darauf an, zu welchem Preis die Hersteller effiziente Autos anbieten, wie sie sie vermarkten und ob sie genügend davon produzieren können."

Mit anderen Worten: Notfalls müssten Hersteller hohe Rabatte auf sparsame Autos gewähren, um hohe, imageschädigende Strafzahlungen zu vermeiden.

Schon einmal gab es Zugeständnisse

Aus Sicht des industriekritischen International Council on Clean Transportation (ICCT) übertreiben die Unternehmen mit ihren Sorgen. "Die meisten Hersteller befinden sich auf einem guten Weg ihre 2021er-Zielwerte zu erreichen, auch da sie in den Vorjahren ihren Zielwert übererfüllt haben", sagt ICCT-Geschäftsführer Peter Mock.

Die Firmen hätten auch noch nicht alle technischen Potenziale ausgereizt. Diesel-Autos verstärken laut ICCT zudem den Trend zu schweren Autos - was Spareffekte konterkariere.

Erst 2013 hatte die Autoindustrie bereits Zugeständnisse für die aktuellen Klimaziele herausgehandelt. So dürfen sich die Hersteller Elektroautos großzügig als emissionsfreie Fahrzeuge anrechnen lassen. Zudem erhielten die Unternehmen einen Aufschub von einem Jahr.

Verband will lasche Ziele bis 2030

Für die Jahre 2021 bis 2030 lehnte der Acea-Manager Pläne der EU-Kommission erneut ab, eine weitere Senkung der CO2-Werte um 30 Prozent vorzuschreiben. Und er warnte das Europaparlament dringend davor, dieses Ziel sogar auf 50 Prozent zu erhöhen. Dafür hatte sich unter anderen Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ausgesprochen. Umweltverbände forderten am Dienstag gar 60 bis 70 Prozent CO2-Minderung bis 2030.

Realistisch seien nur 20 Prozent, meinte Jonnaert. "Natürlich fühlt sich das gut an, auf dem Papier ein hohes Reduktionsziel zu haben, aber wir wollen sicherstellen, dass das, was aufgeschrieben wird, zumindest in unserer Branche auch erfüllt wird."

nis/dpa-afx/afp



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
hansulrich47 04.09.2018
1. Wie wäre es mit weniger SUVs?
Da wird natürlich weniger verdient, aber kleinere Autos haben nun mal 'nen geringeren Verbrauch! Abgasskandal ist im übrigen ein doofes Wort. Es war jedem bewusst, dass die publizierten Verbrauchswerte nicht realistisch sind. Glauben die Manager der Autoindustrie immer noch, sie könnten sich die Welt machen, wie sie ihnen gefällt? Vielleicht mit Minister Scheuer, aber nicht mit der EU. In der EU gibt es genug Hersteller von kleineren Autos, die sehen es sicher nicht ungern, wenn den SUV-Herstellern am Zeug geflickt wird!
dr2jh 04.09.2018
2. Nicht das Problem der Gesellschaft
Wenn die Autoindustrie die rechtlichen Vorgaben nicht erfüllen, dann können sie ihre Produkte halt nicht verkaufen. Wenn die Preise steigen, dann wird vielleicht mal klar, was Mobilität eigentlich kostet.
jasper366 04.09.2018
3.
Zitat von hansulrich47Da wird natürlich weniger verdient, aber kleinere Autos haben nun mal 'nen geringeren Verbrauch! Abgasskandal ist im übrigen ein doofes Wort. Es war jedem bewusst, dass die publizierten Verbrauchswerte nicht realistisch sind. Glauben die Manager der Autoindustrie immer noch, sie könnten sich die Welt machen, wie sie ihnen gefällt? Vielleicht mit Minister Scheuer, aber nicht mit der EU. In der EU gibt es genug Hersteller von kleineren Autos, die sehen es sicher nicht ungern, wenn den SUV-Herstellern am Zeug geflickt wird!
Ach, die Käufer von SUV werden also anscheinend mit vorgehaltener Waffe gezwungen einen zu kaufen, oder wie? Jeder Hersteller von SUV in den diversesten Größen hat auch kleine Fahrzeuge im Programm - an Alternativen mangelt es also definitiv nicht. Auch das immer wieder herbeigeredete 3-Liter Auto gab es schon vor fast 20 Jahren, hat aber auch damals schon so gut wie keiner gekauft und auch heute stehen diese Fahrzeuge sich die Reifen platt.
j.ogniewski 04.09.2018
4. Über was wir wirklich sprechen müssten...
...wäre ähnlich harte Steuern/Regeln/Maßnahmen wie gegen Autos gegen alle Schadstoffverursacher einzuführen, nicht die gegen Autos aufzuweichen.
longtawan 04.09.2018
5. Irre...
... erst provozieren die Hersteller durch Betrug diese Situation und dann fordern sie eine Aufweichung der Regeln... Das nennt man in der Juristerei - glaube ich - Abstraktionsprinzip... In der Psychologie wäre das wohl eine gespaltene Persönlichkeit... Ich komme mir von Tag zu Tag mehr vor wie in einem Hieronymus Bosch-Gemälde...
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