Autokinos in Deutschland Hollywood auf dem Parkplatz

Ihre Blütezeit ist schon dreißig Jahre vorüber. Doch allen Filmpalästen und dem Siegeszug der DVD zum Trotz halten vor den Toren einiger deutscher Großstädte eine Hand voll Autokinos dem cineastischen Erlebnis im echten Breitwandformat die Treue.


Zum großen Kino gehört immer auch Romantik – und zwar nicht nur im Film, sondern auch beim ganzen Drumherum. Schließlich sind plüschige Klappsessel im edel ausgeschlagenen Saal doch etwas anderes als das Sofa daheim im Wohnzimmer. Doch wirklich prickelnd ist die cineastische Unterhaltung aller Multiplex- und Imax-Technologie zum Trotz nicht in den großen Filmpalästen, sondern – zumindest für die wahren Fans - im Autokino. Denn dort, wo Filmstars auf zugigen Industriebrachen vor den Toren der Großstadt unterm Sternenhimmel spielen, wird allein die Atmosphäre zum Erlebnis. Und gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten bleibt jeder in seinem automobilen Lebensraum doch für sich – mit allen Chancen und Risiken. Kein Wunder also, dass sich Cineasten der Faszination fürs Open-Air-Kino nicht entziehen können, und in Deutschland noch knapp zwei Dutzend Lichtspiel-Theater allabendlich Hollywood auf dem Parkplatz inszenieren.

Autokino: Das ganz spezielle Filmerlebnis
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Autokino: Das ganz spezielle Filmerlebnis

Die Idee für das Autokino kommt – exactly – aus den USA. Zwar gibt es nur wenige verlässliche Angaben, doch wer lange genug im Internet stöbert, stößt irgendwann auf Richard Milton Hollingshead, der an einem lauschigen Maiabend des Jahres 1928, 1929 oder 1930 einen Projektor auf das Dach seines Wagens stellte, ihn auf das Garagentor ausrichtete und einen Film vom Fahrersitz aus ansah. Im Sommer 1933 eröffnet er angeblich das erste Autokino der Welt. Innerhalb weniger Jahre schossen die riesigen Leinwände überall in den USA wie Pilze aus dem Boden. Bis 1960 die Grundstücksmieten in den urbanen Ballungsräumen derart stiegen, dass zahlreiche der fast 5000 Autokinos nach und nach ihren Betrieb einstellen mussten.

In Mitteleuropa beginnt die Geschichte des Autokinos nach Angaben von Kino-Manager Walter Jann erst am 29. März 1960 in Gravenbruch vor den Toren von Frankfurt. Zwischen Neu-Isenburg und Offenbach gab es an diesem Tag erstmals Hollywood auf dem Parkplatz. Das neue Kino hatte 1200 Stellplätze, und Yul Brunner flimmerte bei der Premiere von "Der König und ich" über eine Leinwand, die 36 Meter breit und 15 Meter hoch war. Der Eintritt kostete damals 2,75 Mark pro Person, heute nimmt das Autokino locker den doppelten Betrag – und zwar in Euro.

In Deutschland gibt es gut zwei Dutzend Autokinos

Die Frankfurter Kino-Pioniere fanden schnell Nachahmer, so dass in Deutschland 1969 bereits 17 Open-Air-Leinwände in den Himmel ragten. 1980 wies die Statistik 24 Autokinos aus, bevor die Zahlen in den neunziger Jahren wieder deutlich nach unter gingen. In den Hochzeiten zog ein Autokino laut Jann bis zu 500.000 Besucher im Jahr an – allerdings mit nicht immer neuen und schon gar nicht jugendfreien Filmen. Weil nun aber die Nackedeis auch im Fernsehen tanzen, haben die Kinobetreiber laut Jann diese Art von Filmen längst wieder aus dem Programm genommen - gespielt werden stattdessen aktuelle Blockbuster.

Erst nach der Deutschen Einheit erlebten die Kinos mit Lümmelgarantie wieder einen kleinen Boom - während im Westen immer mehr Unternehmen die Parkplätze schließen mussten, entstanden in den neuen Ländern eine Reihe neuer Aufführungsorte, so dass zum Ende des Jahres 1999 wieder 27 Autokinos registriert wurden. Heute gibt es Jann zufolge in den alten Ländern sechs und in den neuen etwas mehr als doppelt so viele Autokinos, die allerdings deutlich kleiner seien.

Die Zuschauerzahlen allerdings sind mit denen von früher nicht mehr vergleichbar: Während ein großes Kinocenter in der Innenstadt mit oft bis zu 15 Sälen im Jahr 500.000 bis eine Million Besucher anzieht, kommen die Autokinos in Aschheim bei München und Gravenbruch als größte ihrer Art auf etwa 60.000 Besucher im Jahr. "Nur vom Film allein könnten wir nicht überleben", sagt Jann. Deshalb verdienen die Filmpaläste mit Parkplatzgarantie ihr Geld längst nicht mehr nur nach Einbruch der Dunkelheit mit großen Hollywood-Streifen und alten B-Movies, sondern stellen ihre Fläche auch tagsüber für Flohmärkte oder Gebrauchtwagenbörsen zur Verfügung. Auf diese Weise ist das Überleben laut Jann gesichert. Zwar werde sich bei den aktuellen Grundstückspreisen und den strengen Umweltauflagen kaum jemand mehr ein neues Auto-Kino leisten können. "Doch als Dinosaurier mit Kultstatus ist der heutige Bestand auch in der Zukunft sicher", verspricht Jann.

Zweisamkeit trotz Mittelkonsole in der "Love Lane"

Natürlich können nur die wenigsten Autokinos beim cineastischen Wettrüsten von Imax, Multiplex & Co mithalten. Doch auch wenn die Bildqualität nicht ganz so brillant sein mag, bietet das Autokino dem Filmfreund eine ungeahnte Chance, großes Kino auf kleinem Raum zu erleben. Denn während er das Erlebnis im Vorführsaal mit vielen Fremden teilen muss, genießt er es auf vier Rädern so privat wie daheim in seinen vier Wänden, nur dass das Bildformat ein paar Nummern größer ist. Und über raschelnde Chipstüten, pubertäres Gekicher oder lästiges Niesen muss man sich im Auto auch nicht ärgern.

Wenn dann noch der Mond durchs Schiebedach scheint und die Begleitung auf dem Beifahrersitz bei der romantischen Schlussszene kuschelige Nähe sucht, steht einem Happy End nichts mehr im Wege – weder auf der Leinwand noch im richtigen Leben. Nicht umsonst haben die Kinobesitzer in den USA die Stellplätze in der sogenannten Love Lane, der letzten Wagenreihe ohne störende Hintermänner, früher sogar gegen Aufpreis verkauft.



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