Autolobby-Brief an Merkel: Lieber Herr Wissmann, das ist Quatsch!

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VDA-Präsident Matthias Wissmann: Ohne strenge Vorgaben nur ein Vor-sich-hin-Wurschteln

Im Streit über Klimaschutzregeln hat Auto-Cheflobbyist Matthias Wissmann einen Bittbrief an Angela Merkel geschrieben. Sie solle zum Schutz vor Arbeitsplatzverlust die Emissionsvorgaben der EU aufweichen. Tatsächlich wäre dies das Schlimmste, was der Autoindustrie passieren könnte.

Lieber Herr Wissmann,

Sie haben einen Brief an unsere Bundeskanzlerin geschrieben, der mich dazu bringt, Ihnen zu antworten (auch wenn wir uns nicht kennen).

"Liebe Angela", haben Sie, so schreibt es die "FAZ", Ihren Brief begonnen. Und dann sollen Sie um Unterstützung gebeten haben im Kampf gegen diese fiese EU, die mit ihren vorgeschlagenen CO2-Grenzwerten ab 2025 die deutschen Oberklasse-Hersteller "kaputt regulieren" will. Der Subtext ihres Bettelbriefs: Wenn die Emissionen weiter gedrosselt werden, gehen Arbeitsplätze in Deutschland verloren.

Lieber Herr Wissmann, das ist Quatsch. Denn strengere CO2-Grenzwerte sind keine Bedrohung, sondern eine Chance für die deutsche Automobilindustrie.

Ich war neulich zu Besuch bei Ferrari in Maranello. Die Italiener wollten mit viel Brimborium der internationalen Presse erklären, wie fortschrittlich und vor allem grün die Marke inzwischen ist. Davon war natürlich vieles Show, allem voran die Bäume, die überall drapiert worden waren. Eine Sache aber hat mich fasziniert, und davon möchte ich Ihnen gerne erzählen: Es ist der Formel-1-Antrieb der kommenden Saison. Ein 1,6-Liter-V6-Motor mit Turboaufladung, der zusammen mit einem KERS-Hybridsystem in Zukunft die roten Renner nach vorne schießt.

Auflagen der FIA

Dieser Antrieb ist die Folge neuer Regularien der FIA. Weil auch Autorennen irgendwie umweltverträglicher werden müssen, hat die oberste Motorsportbehörde neue Regeln erlassen. Neben der Hubraumverkleinerung und der Zylinderreduzierung wird unter anderem die Durchflussmenge des Benzins auf 100 Kilo pro Stunde und die Drehzahl von 18.000 auf 15.000 Umdrehungen pro Minute begrenzt. Im Vergleich zu den Möglichkeiten vergangener Triebwerke ist das in etwa so, als würde man einem 100-Meter-Läufer die Luft abdrücken und trotzdem erwarten, dass er Bestzeit läuft.

Der Witz ist: Dieses vermeintlich strangulierte Triebwerk bringt in Verbund mit dem Hybridsystem genau die gleiche Leistung wie der alte Spritschlucker der aktuellen Saison. Darauf waren die Ferrari-Ingenieure sichtlich stolz, und das zu Recht.

Hätten Sie freiwillig, ohne Druck der FIA so eine Hybrid-Granate konstruiert? Wohl kaum.

Sie sehen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und ohne strenge Vorgaben gibt es nur ein uninspiriertes Vor-sich-hin-Wurschteln.

Und dass sie anders kann, lieber Herr Wissmann, hat die Automobilindustrie in den vergangenen Jahren selbst bewiesen. So wurden durch neue Technologien wie Start-Stopp-Automatik, Downsizing, Leichtbau oder Zylinderabschaltung sowie optimierte Motoren in den vergangenen fünf Jahren so drastische Einsparungen beim Spritverbrauch erzielt, wie sonst in kaum einem anderen Jahrzehnt der Automobilgeschichte. Freiwillig? Natürlich nicht - auch diese Innovationen gehen nur zurück auf die aktuellen Flottenverbrauchsvorgaben der EU.

Toyota hat die Deutschen abgehängt

Und genau deshalb ist Ihr Brief an Angela Merkel so ein großer Irrtum. Sicher, für den Moment mögen die neuen Grenzwerte vor allem für BMW und Mercedes unbequem sein. Deren Geschäftsmodell beruht vor allem auf den Wachstumsmärkten in Fernost, wo Emissionen eine Beifallsbekundung beim Essen sind und man selbst veraltete Motoren bestens an den Mann bringen kann, Hauptsache, sie sind möglichst groß.

Doch genau diese Faulheit und Arroganz, die aus dem wirtschaftlichen Erfolg in China, Russland und Co. rührt, müssten Sie als Interessenvertreter der Industrie zu deren eigenem Wohle bekämpfen. Stattdessen schreiben Sie einen Brief an unsere Kanzlerin, der im Kern nichts anderes ist als ein jämmerliches "Weiter so". Doch wohin dieses "Weiter so" führt, haben wir zuletzt beim Thema Hybrid gesehen. Da machte Toyota das Rennen - die Deutschen fahren hinterher.

Zu guter Letzt möchte ich Ihrem Brief noch hinzufügen, dass Sie in Ihrer Angst vor der guten Sache nicht für alle Deutschen Hersteller sprechen. Volkswagen hat sich ausdrücklich zu den neuen Zielen der EU bekannt. Und das, obwohl zum VW Konzern auch die Marken Audi und Porsche gehören. Deren Produkte erfreuen sich in Fernost ebenso großer Popularität wie die von BMW und Mercedes und gelten in Sachen Sprit als absolut trinkfest - doch deren Durst wird durch die anderen Marken im Konzern kompensiert.

Insofern frage ich mich: Wenn man offensichtlich gleichzeitig Märkte mit Spritschluckern befriedigen und die Klimaziele der EU erreichen kann - ist das nicht ein Zeichen cleveren Managements? Und ist es nicht ein Zeichen schlechteren Managements, wenn man das nicht schafft? Und wenn das zutrifft - wäre dann die von Ihnen geforderte Hilfe nicht die einseitige Unterstützung von Firmen, die offensichtlich nicht so optimal aufgestellt sind wie andere - und damit ein unzulässiger Eingriff in die freie Marktwirtschaft?

Vielleicht merken Sie jetzt selbst, dass Ihr Brief an Frau Merkel an einigen Stellen etwas zu kurz gedacht war. Vielleicht sehen Sie auch, dass Sie die neuen Grenzwerte nicht bekämpfen, sondern begrüßen sollten.

Weil wir darauf vertrauen sollten, dass die deutschen Hersteller auf die Herausforderung neuer CO2-Grenzwerte die besten Antworten finden. Und sie dabei mit allen Mitteln motivieren - auch wenn es CO2-Grenzwerte sind, die schmerzhaft sind und unerreichbar scheinen. Damit die deutschen Hersteller und die immer wichtiger werdende Zulieferbranche Technologien entwickeln, die Exportschlager werden. Damit für die deutschen Hersteller der Leitsatz vom Vorsprung durch Technik wieder uneingeschränkt gilt - auch für die Sprit-Spartechnologie. Dann klappt es auch mit den Arbeitsplätzen.

Herzlichst,

Ihr Michail Hengstenberg

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insgesamt 279 Beiträge
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1. da war doch mal was
AugustQ 21.05.2013
Anfang der 90er gab es mal diese Situation: Matthias Wissmann (Verkehrsminister) und Angela Merkel (Umweltministerin) legen eine Selbstverpflichtung der Automobilindustrie vor.. U.a. enthielt diese Aussagen zu Verbrauchswerten und Strafen bei Nichteinhaltung. 15 Jahre späte (oder so ähnlich): die Ziele wurden nicht eingehalten, die Strafen drohten. Matthias Wissmann (Verband der Automobilindustrie) und Angela Merkel (Bundeskanzlerin) haben dieses Ungemach von der deutschen Automobilindustrie abgewendet. So wird es auch jetzt wieder kommen.
2. Danke
chefrationalist 21.05.2013
...für diesen Artikel! Wenn dem eines hinzuzufügen ist, dann Herrn Wissmann einen angenehmen Ruhestand zu wünschen. In selbigen sollte er sich nämlich besser verabschieden, denn mit seinem rückwärts gewandten Ansinnen, ist er ganz offensichtlich nicht im 21. Jahrhundert mit seinen Erfordernissen angekommen.
3. Angebot und Nachfrage,
pace335 21.05.2013
an alle die sich hier so aufspielen und beklagen, allen voran Herrn Hengstenberg, FAHREN SIE DENN EINEN HYBRID? Es gibt genug Möglichkeiten um CO2 einzusparen, aber wer will das schon? Kaum einer! Siehe die wenigen Hybridfahrzeuge und Elektrofahrzeuge auf unseren Straßen. Die Möglichkeit auf solch ein Fahrzeug gäbe es schon, aber keiner möchte eins kaufen. An alle die hier nörgeln und auf unsere Autoindustrie schimpfen. "Fahrt ihr schon einen Hybrid"? Ich meine abgesehen davon das Elektro und Hybrid absoluter Blödsinn ist, will den Ökomisst auch keiner. Mich macht es wütend, wenn diese Ökos und "Grünen Wähler" sich aufspielen wenn es um unsere Autoindustrie geht und dann selber mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen!
4. Der Unterschied
a.weishaupt 21.05.2013
Der Unterschied zwischen Formel 1 und Serienprodukten ist, dass diese günstig und langlebig sein sollen. Ich als Kunde möchte für die Klimarettungsillusionen der Politiker nicht mit unzuverlässigeren und aufwendiger gebauten Produkten zu kämpfen haben. Ich fahre weiter meinen 1999er A8 mit 14 Litern Verbrauch. Die alten V8-Motoren sind fast unverwüstlich und lassen sich auch auf Gasbetrieb umbauen. Für ein Wochenendfahrzeug ist der Verbrauch kein Problem. Für die Woche habe ich das Rad (leider sehr schlecht bzw. gefährlich zu fahren ohne Radspuren auf der Fahrbahn) und ein sparsames Motorrad. Mit einem A1-Führerschein in Klasse B enthalten würde man sicher mehr für die Umwelt tun als durch den hilflosen Versuch, 1,5T Blech möglichst spritsparend durch die Gegend zu wuchten.
5. Leute Leute
pace335 21.05.2013
kauft euch euren Prius aber lasst mir meinen V8
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CO2-Emissionen

Bei Neuzulassungen 2012 in Deutschland (Flotten-Durchschnitt in g/km):

 

 

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt

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CO2-Ausstoß - Die Fakten
2009 hat die EU einen CO2-Grenzwert für Pkw festgelegt. Nach der gültigen Richtlinie darf der CO2-Ausstoß der Neuwagen-Flotte eines Herstellers ab 2020 durchschnittlich 95 Gramm je Kilometer nicht überschreiten. 2012 lag dieser Durchschnittswert in Europa bei 136,1 g/km, in Deutschland bei 141,8 g/km. Die EU-Regelung sieht Strafen vor, wenn die Autos ab 2020 mehr als 95 g/km ausstößen - und zwar 95 Euro je Gramm und Fahrzeug. Läge dann der durchschnittliche CO2-Ausstoß aller Autos eines Herstellers bei 105 g/km, würden pro verkauftem Auto 950 Euro fällig.

Nicht nur in Europa, auch für andere Weltregionen wurden CO2-Grenzwerte ab 2020 festgelegt. In den USA etwa 121 g/km (ab 2025 dann 93 g/km), in China 117 g/km und in Japan 105 g/km. Die deutsche Autoindustrie erklärte, der europäische Richtwert sei "sehr ambitioniert" und nur durch "erhebliche Mehrkosten" erreichbar.


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