Automatisiertes Fahren: Kein Mensch am Steuer? Ungeheuer!

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Autonomes Fahren: Computer, übernehmen Sie! Fotos
Continental

Weniger Staus, weniger Emissionen, weniger Unfälle. Wenn Computer unsere Autos steuern würden, wären viele Probleme gelöst. Das könnte schon bald der Fall sein, die dafür nötige Hardware wird bereits in viele Autos eingebaut. Dann hieße es endlich: Einsteigen, losfahren - Zeitung lesen.

Kennen Sie das? Sie sind mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit. Mühsam arbeiten Sie sich im Stop-and-Go-Verkehr an eine Ampel heran. Dann irgendwann stehen Sie vorne, nur ein paar Autos sind vor Ihnen, und die Ampel springt auf Grün. Doch der erste Fahrer pennt. Der zweite auch. Der dritte hupt, fuchtelt wütend mit der Hand hinter der Scheibe herum und würgt dann vor Aufregung den Motor ab. Er hoppelt gerade noch so bei Gelb-Rot über die Linie. Sie - stehen noch mal.

Oder auf der Autobahn. Plötzlich ist da ein Stau. Drei, vier Kilometer quälen Sie sich in Schrittgeschwindigkeit voran, irgendwann gelangen Sie dorthin, wo der Stau entsteht. Aber es ist keine Massenkarambolage, kein umgestürzter Tanklaster, es ist einfach eine Baustelle, vor der sich die Fahrbahn von drei auf zwei Spuren verengt. Die Leute sind einfach überfordert vom Reißverschlusssystem, und Sie fragen sich zu Recht: Warum, warum, warum?

Die Antwort ist ganz einfach, aber nicht besonders schmeichelhaft: Wir Menschen sind keine besonders guten Autofahrer. Computer wären viel besser.

Fehlerquelle Mensch

Würden Computer unsere Autos steuern, gäbe es weniger Staus, damit weniger Abgasausstoß, aber vor allem wäre Autofahren deutlich sicherer: "Menschliches Versagen ist an 75 Prozent aller Unfälle beteiligt", sagt Alfred Eckert. Er leitet die Zukunftsentwicklung Fahrtzeugsicherheit beim Autozulieferer Continental. Er arbeitet also genaugenommen daran, dass Computer möglichst bald das Steuer in unseren Autos übernehmen. "Mit der Automatisierung des Fahrzeugs werden die Opferzahlen im Straßenverkehr deutlich sinken", ist er überzeugt.

Beim Stichwort automatisiertes oder autonomes Fahren dachte man bisher vor allem an das Projekt von Google: Ein Toyota Prius, auf dessen Dach eine monströse Apparatur festgeschnallt war und in dem sich ein Haufen fanatischer Technik-Geeks durch die Gegend kutschieren ließ. Nichts also, wovon man sich vorstellen konnte, dass man es in den nächsten Jahren selber erleben kann - oder möchte.

Doch tatsächlich wird das, was irgendwie nach Science-Fiction aussieht, und zwar nach verrückter Science-Fiction, schon sehr bald Realität werden. Bei Continental zumindest hat man einen ganz konkreten Fahrplan, eine sogenannte Roadmap, auf dem Weg zum autonomen Auto: Teilautomatisierung bis 2016. Hochautomatisierung bis 2020. Und Vollautomatisierung bis 2025.

Schon heute haben Auto ihren eigenen Willen

In der Teilautomatisierung stecken wir schon mittendrin. Heute können bereits Fahrzeuge der Kompaktklasse (vorausgesetzt, der Käufer hat in der Extraliste die entsprechenden Kreuzchen gemacht) mithilfe verschiedener Assistenzprogramme selbstständig sehen, bremsen, lenken. Die Krönung der Teilautomatisierung werden wohl Systeme wie das bei Mercedes-Benz gerade in Erprobung befindliche Stau-Folge-Fahren, bei dem das Auto in Stop-and-Go-Situationen bis zu einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern selbstständig anfährt, bremst und die Spur hält.

Doch erst danach, in der Phase der Hochautomatisierung, wird es richtig interessant. "Dann muss der Fahrer das Auto nicht mehr überwachen, sondern kann die Kontrolle, zumindest für eine bestimmte Zeit, vollständig an das System übergeben", sagt Eckert. Zur Freiheit, jederzeit ohne Abhängigkeit von Fahrplänen überallhin aufbrechen zu können, kommt dann auch die Freiheit, das zu tun, was man sonst nur in Bus, Bahn oder Flugzeug kann: nämlich lesen, schreiben, arbeiten.

Dass das keine ferne Zukunftsmusik mehr ist, hat Continental jüngst bewiesen: 6000 Meilen haben die Entwickler auf den Straßen von Nevada in einem autonom fahrenden Auto absolviert. Der große Unterschied zum Google-Projekt: "In unserem Auto war überwiegend seriennahe Hardware verbaut", sagt Eckert stolz. Will heißen: kein skurriles Hightech-Monster auf dem Wagendach, sondern die gleichen Kameras, Sensoren und Radargeräte, die heute bereits in Serienfahrzeugen verbaut werden.

Feilen am perfekten Übergang

"Natürlich hat noch nicht alles geklappt, sonst würden wir ja nicht 2025 als Ziel für vollautomatisiertes Fahren anpeilen", so Eckert. "Wenn beispielsweise die Fahrbahnmarkierung fehlt oder aber eine Baustelle auftaucht, gerät das System aktuell noch an seine Grenzen". Vor ähnlichen Problemen stand kürzlich Mercedes. Das Unternehmen hatte einen S-Klasse-Prototypen mit einem Spurwechselassistent zeigen wollen, der beim Antippen des Blinkers automatisch überholt. Doch die Testfahrt musste abgesagt werden - weil es geschneit hatte und die Fahrbahnmarkierungen nicht mehr zu erkennen waren.

Doch in Wahrheit sind das nur kleine Stolpersteine auf dem Weg zum selbstständig fahrenden Auto. Bereits heute können die Stereokameras bis zu einer Entfernung von 50 Metern dreidimensional sehen - und Gegenstände bis zu einer Entfernung von 500 Metern zweidimensional erfassen. Es ist also nur eine Frage der Zeit und der hinter der Kamera agierenden Algorithmen, bis sie keine Markierungsstreifen mehr zur Orientierung brauchen - zumal ja zusätzlich auch andere Systeme zur Positionsbestimmung, wie beispielsweise hochpräzise Satellitennavigation, parallel entwickelt werden.

Die größte Herausforderung liegt für die Entwickler zurzeit darin, die Übergabe des Autos durch das System an den Fahrer zu definieren. "Wie lange kann und darf das dauern? Was passiert, wenn der Fahrer nicht übernimmt? Auf diese Fragen müssen wir Antworten finden", sagt Eckart. Wenn in einem hochautomatisierten Fahrzeug der Fahrer beispielsweise beim Heranfahren an die definierte Autobahnausfahrt nicht wieder ins Geschehen eingreift, muss das Auto selbstständig auf dem Seitenstreifen anhalten.

Das vollautomatisierte Auto unterscheidet sich im Übrigen dadurch vom hochautomatisierten Auto, das es nicht nur auf der Autobahn allein fährt, sondern auch im Stadtverkehr. Dann heißt es wirklich: reinsetzen, losfahren, Zeitung lesen.

Dafür muss natürlich vor allem ein System geschaffen werden, das nicht einfach ausfallen kann. "Wir brauchen eine Architektur, die diese Übergabephase von circa 15 Sekunden unter allen Umständen gewährleistet, auch wenn Teile des Systems ausfallen", so Eckert. Dann wird autonomes Fahren wohl auch erst erlaubt werden - denn bislang ist der Fahrer laut Gesetz dazu verpflichtet, sein Fahrzeug permanent zu überwachen.

Dass er dieser Aufgabe nur wirklich selten gerne nachkommt, darauf basiert die ganze Entwicklung mindestens genauso wie auf dem Argument der gesteigerten Sicherheit. Weil nämlich in den meisten Städten inzwischen "Aus Frust am Fahren" das Motto ist, gehen die Strategen bei den Firmen davon aus, dass die Kunden nur allzu gern das Steuer aus der Hand geben werden. Und dass es ihnen auch vollkommen egal ist, wenn sich dadurch bestätigt, was insgeheim ohnehin schon alle wissen: dass Computer die besseren Autofahrer sind.

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insgesamt 145 Beiträge
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1. Einsteigen und Zeitunglesen? Das ist schon erfunden!
weihnachtzmann 19.12.2012
Gibt's bereits in unterschiedlichen Ausprägungen: Bus, Bahn, Flugzeug, ... W.
2.
volker.haering 19.12.2012
Ich mag diese Theorie: Wenn sich die "Fahrbahn von zwei auf drei Spuren verengt" gibt es Stau ;)
3. optional
fisschfreund 19.12.2012
Einsteigen, Zeitung lesen? Sowas gibts schon - es heisst Zug. Oder Bus. Oder Strassenbahn. Ich möchte mir jedenfalls nicht von einem Computer das Fahren abnehmen lassen.
4. Für mich die Erfüllung eines Traums
caligus 19.12.2012
Individuelle Mobilität ohne Stress. Ein Wunsch wird Wirklichkeit. Bei Einsatz solcher Systeme wäre es dann aber sogar einfach möglich Fahrgemeinschaften zu bilden, die auch wirklich funktionieren, weil auch dies über den Computer optimiert werden könnte. Für mich ein klares Signal, dass der ÖPNV ein Auslaufmodell sein wird.
5. Fehlerquelle Mensch ...
eine-Meinung-unter-Vielen 19.12.2012
... aber was ist mit der Fehlerquelle Computer? Es ist zwar etwas hintersinnig argumentiert, aber die Fehlerquelle Mensch stellt den Computer her und programmiert ihn auch. Damit kann der Computer per se nicht wesentlich zuverlässiger sein, als der Mensch selbst. Ein Computer ermüdet nicht, er kann z.B. Sensoren zur exakten Abstandsbestimmung besitzen die zuverlässige Werte geben, er kann sogar fehlertolerant aufgebaut sein, aber im Fall von Entscheidungen hat ein fehlerhafter Mensch etwas einprogrammiert, das in vielen Fällen sogar sinnvoll funktionieren, aber in Sonderfällen zu fatalen Fehlentscheidungen führen kann. Man kann nicht alles berücksichtigen. Eine echte KI, die verantwortungsvolle Entscheidungen trifft, gibt es noch nicht und so lange wird es eins zumindest nicht geben dürfen, Einsteigen und Zeitung lesen.
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