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Razzia auf der Automechanika: Auspuff, Stoßdämpfer, Scheibenwischer - alles wird gefälscht

Aus Frankfurt berichtet Heimo Fischer

Razzia auf der Automechanika: Original und Fälschung Fotos
DPA

Auf der weltgrößten Ausstellung für Automobilteile tummeln sich zahlreiche Fälscher. Ihre Plagiate schaden der Wirtschaft und gefährden die Verkehrssicherheit. Ein Messerundgang mit Zollbeamten.

Die zwölf Zöllner fallen auf in Halle 4.1 des Frankfurter Messegeländes. Sie tragen grüne Uniformen, haben Pistolen am Koppel und schieben einen Rollcontainer durch die Gänge der Autozulieferermesse Automechanika. Am Stand eines brasilianischen Anbieters stoppen sie. Nach einigen Minuten haben die Beamten 15 Paar Wischblätter aus den Vitrinen geholt und auf einem Tisch sauber aufgeschichtet. Viele davon landen kurze Zeit später in dem Rollcontainer, der sich im Lauf des Tages mit immer mehr nachgeahmten Autoteilen füllt.

Der deutsche Zoll hat Produktpiraten aus aller Welt den Kampf angesagt. Mit vier Teams sind die Beamten unterwegs, gehen die Hallen auf verschiedenen Routen ab.Es ist die dritte Razzia auf einer Automechanika, wo internationale Anbieter Luftfilter, Scheibenwischer, Scheinwerfer oder Stoßdämpfer ausstellen, um mit Händlern und Werkstätten ins Geschäft zu kommen. "Besonders die Anbieter aus Asien nehmen es mit dem Schutz von Marken und Patenten aber oft nicht so genau", sagt Kirsten Jung vom Hauptzollamt Darmstadt. "Die Zahl der Verdachtsfälle steigt von Jahr zu Jahr."

Der Schaden durch Plagiate ist enorm. Nach einer OECD-Studie liegt er weltweit bei rund 250 Milliarden Euro. Die Verluste der deutschen Wirtschaft allein schätzt das Bundeswirtschaftsministerium auf bis zu 50 Milliarden Euro. Nach Angaben des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie lag die Zahl der Zollaufgriffe 2012 bei 23.883. Damit haben sich die Fallzahlen gegenüber 2009 verdoppelt.

Es geht um viel Geld - und Sicherheit

Die Autozulieferindustrie gilt als besonders betroffen. Den ehrlichen Unternehmen drohen Verluste beim Absatz. Aber es geht auch um Fragen der Sicherheit. Fangen nachgemachte Bremsbeläge Feuer, sind sogar Menschenleben in Gefahr. Die Hersteller der Originalteile bekommen ebenfalls Ärger. "Sie müssen nachweisen, dass die gefälschten Teile nicht von ihnen stammen", sagt Zöllnerin Jung. Das ist aufwendig und teuer.

Aus diesem Grund unterstützen alle großen Hersteller die Aktion des Zolls. Der Stuttgarter Patentanwalt Martin Steinmetz arbeitet für einen großen Autozulieferer und ist bei der Razzia dabei. Bereits am Vortag ging er die Messestände ab und schaute sich unter anderem nach Wischblättern um, die denen seines Mandanten auffällig ähnlich sahen.

Die Informationen gab er an den Zoll weiter. Genauso machten es Abgesandte des französischen Zulieferers Valeo. Sie deckten nach eigenen Worten acht Verdachtsfälle auf, zum Beispiel nachgemachte Luftfilter für Klimaanlagen im Auto. Besonders dreiste Fälscher kennzeichneten Produkte sogar mit dem Logo von Valeo. Insgesamt kamen 184 Verdachtsfälle zusammen.

Nicht alle gefälschten Teile lassen sich leicht erkennen

Bei Weitem nicht alle gefälschten Teile lassen sich so einfach erkennen wie die eingangs erwähnten Wischblätter. Es sind eher einfache mechanische Konstruktionen, die sich auf Messen aufspüren lassen. "Die Materialzusammensetzung zu analysieren, ist hier natürlich nicht möglich", sagt Patentexperte Steinmetz.

Werden die Zöllner fündig, dann stellen sie Beweismittel sicher. Das sind zunächst die verdächtigen Teile, aber auch Plakate oder Kataloge, in denen die Produkte abgebildet sind. Auch CDs werden beschlagnahmt. Dies alles soll Grundlage für ein Ermittlungsverfahren bilden - das jedoch meist im Sande verläuft. Denn nach dem Ende der Messe kehren die Aussteller in ihre Heimatländer zurück, zum Beispiel nach China. "Dort sind die Behörden nicht gerade kooperativ", sagt Zöllnerin Jung.

Die gefälschten Luftfilter aus China waren plötzlich verschwunden

Aus diesem Grund gilt auf der Automechanika das Prinzip Abschreckung. Mit von der Partie sind nämlich auch Staatsanwälte. Sie dürfen eine Sicherheitsleistung festlegen, die das verdächtigte Unternehmen sofort und in bar hinterlegen muss. Der brasilianische Hersteller, dessen ausgestellte Wischblätter sogar bei deutschen Discountern in den Regalen liegen, muss 500 Euro zahlen. Seinen Stand braucht er aber nicht zu schließen. "Das wäre unverhältnismäßig", sagt Staatsanwältin Monika Hucke-Labus. Wer mehrmals erwischt wird, kann auch mal mit 3000 Euro zur Kasse gebeten werden.

Ärger mit den verdächtigten Firmen habe sie selten, sagt die Juristin. Hin und wieder versuchten sie es aber mit einem Trick. Wie der chinesische Aussteller, auf dessen Stand am Vortag noch zwei verdächtige Luftfilter gesichtet wurden. "Als wir heute kamen, waren die verschwunden", sagt Hucke-Labus. Die Beamten suchten - und fanden in einem der hintersten Schränke zumindest einen der umstrittenen Filter wieder.

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1.
SchneiderG 18.09.2014
Unsere Firma ist seit 30 Jahren in China vertreten, um für den chinesischen Markt "Automotiv-"Teile zu produzieren. In den 30 Jahren haben wir noch nie ein Verschleißteil (zum Teil sind es Sicherheitsteile) unserer Produkte verkauft. Wenn Teile auf dem chin. Markt mit unserem Firmenlogo auftauchen prüfen wir u.a. die chemische Zusammensetzung. Es war nie ein Teil dabei, daß unsere lokalen Lieferanten hergestellt haben. (Mir ist bewußt, daß man das nicht 100%ig ausschliesen kann.) Auch auf Messen haben wir, wie überall in Asien Produktpiraterie mit unserem Firmenlogo oder Patentverletzungen vom Stand der Wettbewerber entfernen lassen. Es sind einfach zu viele, um überhaupt einen Prozeß anzufangen. In China ist es ausserordentlich schwierig einen Prozeß provinzübergreifend zu starten. Die lokalen Provinzbehörden schützen ihre Firmen gegenüber den anderen Provinzen mit aller Macht die ihnen zur Verfügung stehen. Recht und Rechtsicherheit in China ...pfft. :-(
2.
beo888 18.09.2014
Auch hier ist für das funktionieren dieses >Marktes< "Geiz ist Geil" nicht unerheblich.
3. Ganz schön saftige Strafen
Hans Bergma 18.09.2014
500 bis 3000 Euro Strafe. Das ist wirklich abschreckend!
4. Dna
observer2014 18.09.2014
Wenn die deutsche Autoindustrie um den Gewinn willens die Produktion ihrer Autos - auf Druck der chinesischen Regierung oder wegen der dortigen Gesetze - immer mehr nach China verlagern, mitsamt aller Zulieferteile, braucht sie sich nicht wundern, dass dort Autozubehör und -ersatzteile in immer besserer Qualität nachgemacht werden. Ich sehe zwei Möglichkeiten der Plagiatswut aus China Einhalt zu gebieten: 1. Senkung der unverschämt hohen Preise für Autoersatzteile und -zubehör, 2. die Originalteile, ähnlich wie es die Deutsche Bahn mit ihren Schienen etc. macht, mit künstlicher DNA versehen oder mit anderen verdeckten Methoden markieren. Wichtig erscheint mir aber auch, dass auch der Kunde überhaupt die Möglichkeit hat, Original und Fälschung zu unterscheiden. Und hier hapert es gewaltig nicht nur im Kfz-Bereich!
5. 500€ Strafe
Finsternis 18.09.2014
Es gilt das Prinzip der Abschreckung, so laut Artikel die Vorgehensweise, wo dann abschreckende Strafen in Höhe von 500€ für Unternehmen verhängt werden, die der Wirtschaft angeblich 250 Milliardenschäden verusachen. Ja ne, ist klar. Wie war das noch, laut Artikel können dabei sogar Menschen sterben -> 500€ Strafe. Verstehe...
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