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Automesse IAA: Öko kommt - ohne die Deutschen

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Wasserstoff, Brennstoffzellen, Hybridantrieb - das Auto wird neu erfunden. Doch die Deutschen, früher Technologie-Führer, hinken der Konkurrenz hinterher. Mercedes, VW und Konsorten geben auf ihrer Hausmesse IAA ein klägliches Bild ab - und sperren sich gegen den Wandel.

Zwei Tage lang war die Internationale Automobilausstellung (IAA) die grünste Messe der Welt. Bei Mercedes tanzten Waldgeister um die Karossen, General Motors servierte Ökohäppchen, die Spritsparmodelle standen überall im Mittelpunkt. Doch nun, da die Pressemeute sowie die Grünen-Politiker abgereist sind und das normale Publikum vor den Toren steht, wird in Frankfurt hastig umgebaut.

Mercedes-Ökoflotte auf der IAA: Schöne Show für die Presse
REUTERS

Mercedes-Ökoflotte auf der IAA: Schöne Show für die Presse

Daimler etwa hat seine Zukunftsflotte umgeparkt - damit mehr Platz ist für die Präsentation des Supersportlers SLR. Auch der hauseigene Mercedes-Tuner AMG bekommt nach dem Ende der Presse-Tage einen größeren Stand - die Fans wollen schließlich Geschosse wie den neuen C 63 AMG mit seinen 500 PS bewundern und interessieren sich nicht für Elektrowägelchen.

War die Öko-Offensive der deutschen Hersteller auf der IAA also größtenteils Show? Leider ja. Nachdem sich der Trockeneisnebel verzogen hat, wird noch deutlicher, wie blank Mercedes-Benz und andere bei Themen wie Hybridantrieb, CO2-Emissionen oder Gewichtsreduktion tatsächlich sind. Die deutschen Konzerne werden etliche Jahre brauchen, um bei Öko-Autos wieder die Führung zu übernehmen. Wenn sie es überhaupt schaffen.

Nichts zu verkaufen

Die meisten in Frankfurt vorgestellten Saubermänner sind Konzepte und Studien. Keines der bei Mercedes (F700), Volkswagen (Up) oder Opel (E-Flex) gezeigten Modelle dürfte auf der nächsten IAA als Serienwagen zu sehen sein - vielleicht auf der übernächsten, 2011. Eine halbwegs passable Figur machen lediglich die Bayerischen Motorenwerke (BMW), deren Baukasten aus spritsparenden Technologien bereits in Hunderttausenden realen Autos Verwendung findet.

Und selbst für die paar umweltfreundlichen IAA-Premieren, die demnächst zum Händler kommen, muss sich die Autonation Deutschland eigentlich schämen. In VWs Bluemotion-Modelle beispielsweise ist wenig Revolutionäres zu finden. Die Wolfsburger Techniker haben einfach den Unterboden geglättet, um den Luftwiderstand zu verbessern. Und leicht laufende Reifen aufgezogen. Von der technologisch weltweit einst führenden deutschen Autoindustrie hätte man mehr erwartet.

Stattdessen zeigen weiterhin Japaner oder Franzosen, wie Innovation aussehen kann. Citroën etwa hat für seine überzeugende Studie Cactus ein völlig neues Autodesign entwickelt, mit ungewöhnlicher Ästhetik und drastisch niedrigerem Gewicht. Bei Hybridantrieben, die Verbrennungs- und Elektromotor kombinieren, bleibt weiterhin Toyota führend. Von deren Ökoauto Prius wurde bereits eine Million verkauft, während die Deutschen noch nicht einmal ein konkretes Startdatum nennen können.

Offenbarungseid der Lobbyisten

Wie wenig Verve die Vorstandschefs der europäischen Hersteller beim Thema Klimaerwärmung und Ökologie tatsächlich an den Tag legen, ließ sich am Mittwoch auf der vielleicht bestbesetzten Pressekonferenz der IAA beobachten. Im Saal "Illusion" hatten sich unter anderem Dieter Zetsche (DaimlerChrysler), Carlos Ghosn (Renault/Nissan), Christian Streiff (PSA Peugeot Citroën), Norbert Reithofer (BMW) und Sergio Marchionne (Fiat) versammelt, um ihre Position zur CO2-Reduktion zu erläutern. Sie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Wieso denn wir? Und warum schon jetzt?

Das EU-Ziel, den CO2-Ausstoß aller Neuwagen bis 2012 auf 120 g/km zu reduzieren, lehnen die Automänner ab. Man brauche nach der politischen Entscheidung "sechs bis sieben Jahre Vorlauf", erklärte Marchionne. Oder anders gesagt: Vor 2015 wird das nichts mit dem Klimaschutz. Auch zu diesem späten Zeitpunkt wollen die europäischen Hersteller das CO2-Ziel nicht alleine durch Spritspartechnologie erreichen - andere Teile der Gesellschaft müssten mithelfen. "Integrierter Ansatz" heißt das im Lobby-Sprech.

Diese Position ist insofern verständlich, als die Autohersteller bei einem Scheitern der Klimaziele ansonsten als die alleinigen Schuldigen dastünden. So wie beim letzten Mal: 1998 hatte der Hersteller-Branchenverband ACEA der EU-Kommission versprochen, die Emissionen bis 2008 auf 140g/km zu senken. Dieses Versprechen hat die Autoindustrie gebrochen. ACEA verweigert der Öffentlichkeit wohl auch deshalb aktuelle Zahlen zur Kohlendioxid-Bilanz ihrer Mitglieder. "Die Autoindustrie verhüllt ihre tatsächliche Situation wie einst Christo den Reichstag", höhnt Jürgen Resch, Chef der Deutschen Umwelthilfe.

Boom ohne die Deutschen

Renitente Lobbyisten, ein paar kleine Fahrzeugmodifikationen und millionenschwere PR-Kampagnen werden diesmal allerdings nicht ausreichen, das Ökoproblem zu lösen. Die jüngsten Zahlen belegen, dass die Nachfrage nach umweltfreundlichen Autos stetig steigt: Bis Ende Juli wurden in Deutschland 27 Prozent mehr Autos abgesetzt, die weniger als 130 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Öko sells - das Geschäft machen jedoch vornehmlich ausländische Hersteller.

Weil nichts Unternehmen so effektiv Beine macht wie Veränderungen bei der Nachfrage, besteht die Chance, dass die deutschen Hersteller doch noch in die Gänge kommen. Das Potential ist vorhanden: So ist etwa Mercedes bei Brennstoffzellen der unumstrittene Technologieführer. Und weil Hybridmotoren nach Ansicht vieler Experten ohnehin nur eine Übergangstechnologie sind, haben die Deutschen eine realistische Chance, in einigen Jahren mit Elektromotoren und Wasserstoff-Fahrzeugen wieder weltweit in Führung zu gehen.

Das Auto wird neu erfunden - hoffentlich in Deutschland.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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1. öko?
sperrache 13.09.2007
"....Die jüngsten Zahlen belegen, dass die Nachfrage nach umweltfreundlichen Autos stetig steigt: ...." evtl. liegts ja an den Spritpreisen und weniger an der Umweltfreundlichkeit, das bringen sparsame Autos so mit sich
2. Deutsche Arroganz
Al Dente, 13.09.2007
Zitat von sysopWasserstoff, Brennstoffzellen, Hybridantrieb - das Auto wird neu erfunden. Doch die Deutschen, früher Technologie-Führer, hinken der Konkurrenz hinterher. Mercedes, VW und Konsorten geben auf ihrer Hausmesse IAA ein klägliches Bild ab - und sperren sich gegen den Wandel. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,505605,00.html
Diese Arroganz wird sich noch bitter rächen, und wie immer sind die Arbeitnehmer dann die Leidtragenden, die dann zu Tausenden in die Sozialsysteme "entsorgt" werden.
3. Armutszeugnis
Steel, 13.09.2007
Ich hätte nicht gedacht, dass die deutschen Autoriesen den gleichen Fehler begehen wie die ehemals großen und heute verschwundenen Technologiefirmen wie Grundig, Nordmende und Telefunken. Durch das Verschlafen der Chiptechnologie sind sie eingegangen und mussten sich den asiatischen Produkten geschlagen geben. Dieses Drama scheint sich mit BMW, DAIMLER, VW usw zu wiederholen. Ich frage mich warum. Es wurde in der Vergangenheit immer darauf verwiesen, dass der Kunde einen Hybridmotor nicht kaufen würde. Warum ihn dann serienmäßig einbauen?! Mit einer einfachen Kampagne: der Hybridmotor rechnet sich ab dem soundsovielten Liter Sprit, hätten sie die Verkaufszahlen locker ankurbeln können. Denn Verbrauch ist meist das, was zählt. Als Alternative hätte man eben jeden Wagen nur noch mit einem Hybrid oder ähnlichem Motor ausstatten können, dann kann der Kunde gar nicht anders. Doch anscheinend sitzen da auch irgendwelche Ölmultis im Hintergrund, die kein Interesse an Ökologie, sondern nur Ökonomie haben. Neue Motoren sind ja auch nicht das erste Versäumnis der deutschen Autoindustrie. Der Rußpartikelfilter kam auch zuerst aus Frankreich, bevor die Deutschen überhaupt darüber nachgedacht haben. Herr Zetsche und Konsorten sollten sich mal von den Lorbeeren runterbewegen und sich wieder um Innovation und Fortschritt kümmern, statt zu sagen was nicht geht. Und die Bundesregierung sollte auch mal überlegen, ob sie nicht mit gutem Beispiel vorangeht und die Flotte auf Toyota umsattelt. Die haben den Hybridmotor. Dazu könnte jedoch der Schneid eines Boris Palmer fehlen, der als grüner Oberbürgermeister in Tübingen dem ortsansässigen Daimler einen Hybrid-Toyota vorzog. Das nenne ich ein konsequentes Signal an die deutschen Autobauer! Wir werden sehen, was da noch aus Stuttgart, Wolfsburg, München und Ingolstadt kommen wird.
4. Improvisation statt Innovation
Osis, 13.09.2007
Soviel zum Lobbytechnologiestandort Deutschland. Improvisation statt Innovation auf der IAA. Aber wen wundert das wirklich... und die Konkurrenz braust davon. Auch wenn die Hybridgeschihte nur eine Übergangslösung ist.
5. Umweltbewusstsein Mangelware
georgeskoch, 13.09.2007
Es gibt einfach eine zu starke Lobby der Autoindustrie, die sich auch bei SPON regelmäßig mit Tom Grünweg in Szene setzt. Obwohl wir alle wissen, dass die Autobahnen bereits zu 40% tempobeschränkt sind und wahrscheinlich weitere 10-20% der "freien" Strecken durch permanente und völlig überflüssige LKW Überholmanöver blockiert sind, berichtet Tom nahezu ausschliesslich, etwas seltener seitdem ich es ihm ständig vorwerfe, über die Lust am sinnlosen Rasen. Da werden Polizisten in seinen Artikeln lustvoll dargestellt, denen so wörtlich " die Haare zu berge stehen" und "armdicke" Auspuffrohre bejubelt, ungeachtet der CO2 Massen die diese Fahrzeuge ausstossen. Wer bei Berichten solcher Fahrzeuge nicht grundsätzlich auch die Umweltverträglichkeit bewertet und dies bitte nicht mit dem Hinweis, dass es solche Fahrzeuge ohnehin kaum gibt, denn dann muss ich die Frage stellen wieviel Leser damit denn erreicht werden sollen, handelt unverantwortlich.
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