Aus São Paulo berichtet Tom Grünweg
Asien, Nordamerika, Südamerika - fast jeder Kontinent ist den deutschen Autobossen derzeit lieber als Europa. Denn während in der alten Welt die Märkte erodieren und die Absatzzahlen einbrechen, herrscht in anderen Ecken der Welt ungebremstes Wachstum. Auch in Brasilien. "Das Land war während der letzten Krise ein Anker für die Weltwirtschaft", sagt VW-Chef Martin Winterkorn über den größten Staat Südamerikas. "Und der brasilianische Markt hat weiterhin großes Wachstumspotential." Deshalb wollen die Autohersteller dort reinholen, was ihnen in Europa derzeit durch die Lappen geht.
Kein Wunder also, dass die soeben eröffnete Motorshow in São Paulo plötzlich viel internationale Beachtung findet: Obwohl die Messe deutlich kleiner ist als etwa die AMI in Leipzig und es nur eine einzige Halle gibt - in der bereits vormittags um elf Sauna-Atmosphäre herrscht - sind alle namhaften Hersteller und viele Top-Manager beim Branchentreff in Brasilien vor Ort.
Unter den Messescheinwerfern glänzen Autos wie der Audi R8 Spider, der BMW X6 oder der Mercedes SLS in einer speziellen Jubiläumsedition, doch die spielen angesichts einer horrenden Einfuhrsteuer, katastrophalen Straßenzuständen und einer hohen Kriminalitätsrate wirtschaftlich kaum eine Rolle. Gefragt sind vor allem Kleinwagen - jedes zweite in Brasilien verkaufte Auto gehört dieser Klasse an. "In Brasilien muss ein Auto vor allem billig sein", sagt Cassio Campos, der lokale Chef des Automobilmarkt-Beobachtungsunternehmens Jato Dynamics. Der monatliche Durchschnittsverdienst beträgt umgerechnet rund 2000 Euro, schon ein BMW 3er gelte hier als Luxuswagen.
Ohne ein Werk vor Ort läuft nichts
Für die Importeure ist das ein Problem. Ob VW Polo, Opel Corsa oder Fiat 500 - solche Autos haben zwar das richtige Format, sind aber für das Gros der Kunden unbezahlbar. Deshalb bauen Fiat, Chevrolet, VW und Co. in Brasilien nach wie vor Modelle, die in Europa längst ausrangiert wurden. Den Fiat Uno (Europa-Debüt 1983) zum Beispiel oder den Chevrolet Cobalt, der auf der Bodengruppe des alten Opel Astra basiert. Und VW fertigt vor Ort seit fast drei Jahrzehnten den Marktführer Gol. Das Auto trägt Polo- und Golf-Techniken auf, die in Europa als veraltet gelten.
Doch die Zeit des billigen Altmetalls, in der Einfach-Technik noch jahrelang recycelt werden konnte, gehe auch in Brasilien zu Ende, sagt Jato-Mann Campos. Erstens wachsen die Ansprüche der Kunden, und zweitens peile die Regierung gerade strengere Sicherheitsanforderungen sowie striktere Vorgaben zum CO2-Ausstoß an. Ein Beispiel: Bis 2017 muss der Durchschnittsverbrauch von Neuwagen um 13,6 Prozent sinken.
Begehrter Sprit aus Zuckerrohr
Spritsparen ist für die Autofahrer in Brasilien also ein großes Thema. "Allerdings geht es den Kunden dabei weniger um die Umwelt, sondern ganz einfach ums Geld", sagt Campos. Hybrid- oder Elektroantriebe spielen auf der Messe in São Paulo deshalb eine Nebenrolle. Der Grund dafür heißt Ethanol. Schon seit der Ölkrise der siebziger Jahre setzt Brasilien konsequent auf den heimischen Sprit aus Zuckerrohr. Inzwischen kommt der alternative Kraftstoff mit der deutlich besseren CO2-Bilanz als Benzin oder Diesel auf einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent.
Grundsätzlich wird am Zuckerhut das getankt, was gerade am billigsten ist. Wer also in Brasilien Autos verkaufen möchte, muss Motoren anbieten, die mit Spritcocktails aus Benzin und Ethanol fahren. Deshalb haben Hersteller, die sich hierzulande schon mit E10 schwer tun, in Brasilien sogenannte Flex-Fuel-Aggregate im Angebot. Die vertragen Kraftstoffe aus bis zu 100 Prozent Ethanol.
Die Brasilianisierung der Autoindustrie
Nicht nur in Sachen Sprit-Flexibilität könnte Brasilien ein Vorbild für andere Gegenden der Welt sein. Auch das Verfahren, mit minimalen Mitteln einen möglichst großen Effekt zu erzielen, haben die heimischen Autobauer inzwischen perfektioniert. Einige der nach dieser Maxime in Brasilien entwickelten Modelle werden inzwischen auch in Europa vertrieben: der Dacia Sandero Stepway zum Beispiel oder demnächst der Schmalspur-SUV Ford Eco-Sport.
Es erscheint gar nicht so abwegig, dass die Zeit der Brasilianisierung der Autoindustrie begonnen hat - zumindest für die Massenhersteller. Denn billige Modelle, die dennoch mit solider Sicherheitstechnik und modernen, sparsamen Motoren ausgestattet sind, dürften nicht nur in Südamerika oder China die Kunden anlocken. Sondern auch zunehmend in Griechenland, Portugal, Spanien - und natürlich auch Deutschland.
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