Automobile Zeitkapsel Beerdigter Plymouth wird nach 50 Jahren gehoben

Wiederauferstehung nach 50 Jahren: Die Bürger von Tulsa haben vor einem halben Jahrhundert einen brandneuen Plymouth Belvedere als Zeitkapsel in der Erde versenkt. Heute wird das Gefährt ans Licht geholt. Die Oldtimergemeinde ist gespannt: Ist nur noch Rost übrig?


Es ist eine Exhumierung der besonderen Art in Tulsa, der zweitgrößten Stadt von Oklahoma: Arbeiter werden nach Ortszeit am Mittag ein vor 50 Jahren vergrabenes Plymouth Belvedere Sport Coupé ans Tagelicht hieven. Die Stadtväter hatten das brandneue und damals topmoderne Gefährt am 15. Juni 1957 anlässlich des 50. Staatsjubiläums von Oklahoma als Zeitkapsel im Vorgarten des Gerichtsgebäudes vergraben. 50.000 Schaulustige aus aller Welt sind angereist, und Reporter aus New York bis Neuseeland berichten der Bergung des mumifizierten Gefährts.

Die Beerdigung war der Höhepunkt des patriotischen Festes "Tulsarama" - Tulsa war zu jeder Zeit alles Recht, um die Konkurrenzstadt Oklahoma City auszustechen. Den Einwohnern des 21. Jahrhunderts sollte ein geeigneter Eindruck von der Zivilisation des Jahres 1957 vermittelt werden, wie der Vorsitzende des Tulsarama-Komitees, Lewis Roberts jr. damals sagte. Zunächst wollten die geschichtsbewussten Bürger ihrer Nachwelt lediglich eine Sammlung aus Luftaufnahmen und Dokumenten über die Stadt hinterlassen, doch dann stellte die örtlichen Plymouth-Händler ihr damaliges Erfolgsmodell zur Verfügung. Und tatsächlich, was prägte den Alltag, die Städte und die Mode des Amerika der fünfziger Jahre mehr als das Automobil?

Der weiß-goldene, fabrikneue Plymouth wurde in einer unterirdischen, massiven Betonkammer versenkt, die sogar für einen Atomangriff ausgelegt war. Mit in das düstere Grab wurden 38 Liter Benzin und ein Kanister Motoröl gelegt – damals wurde vermutet, dass die Autos im Jahr 2007 längst mit Atom- oder Sonnenenergie fahren und mineralölbasierte Betriebs- und Schmierstoffe nicht mehr erhältlich sein würden. Außerdem packten die vorsorgenden Bürger noch eine Kiste Bier dazu, ein Sparbuch mit einem 100-Dollar-Guthaben und - als wirklich authentisches Zeitzeugnis - den Inhalt einer Damenhandtasche: Haarnadeln, Regenüberzug und ein unbezahltes Parkticket, Kaugummis, Zigaretten, 2,73 Dollar in Scheinen und Münzen sowie ein Päckchen Beruhigungsmittel.

Gelber Schlamm im Autograb

Ein halbes Jahrhundert lang blieb die Betonkammer unberührt. Auf die Frage, welche Wartung man der Zeitkapsel denn angedeihen ließe, antwortete 1987 Buck Rudd, der damalige Hausmeister des Gerichtsgebäudes, lapidar: "Wir mähen das Gras oben drauf." Erst am vergangenen Mittwoch wurden die Betonplatten über dem Autograb kurz angehoben. Ein Schock für die Zuschauer: Der sorgfältig verpackte Plymouth stand knietief im Wasser – und war total von gelbem Schlamm bedeckt.

Das chromglänzende Auto mit den hohen Heckflossen war 1957 nach dem Stand der Technik konserviert worden: "Cosmoline", ein vaselineartiger Korrosionsschutz, benetzte alle mechanischen Teile. Chemisch behandelte Stofftücher und eine dampfdichte Spezialfolie aus Baumwolle, Polyethylen, Aluminiumfolie und Vinyl umhüllten die Karosserie. Das Ganze wurde Vakuum verpackt in einer spezialangefertigten Plastikhülle, die 1200 Jahre vor Rost schützen sollte.

Der erste Eindruck von dem versunkenen Veteranen, der nie weiter als sechs Meilen gefahren war, war jedoch ernüchternd. Bei starkem Regen in Tulsa flossen auch Tränen bei den Organisatoren. "Ich weiß nicht, wie schlimm es ist, aber es ist nicht gut", sagte der Bergungsleiter Art Couch der Nachrichtenagentur AP. "Wir hatten gehofft, dass es da drin trocken geblieben wäre. Der Beton hat nicht dicht gehalten." Das Wasser wurde abgepumpt. Dabei zeigte sich, dass eine Heckflosse die Hülle durchstoßen hatte. "Plymouth-Autos waren sehr anfällig für Rost", sagte ein Oldtimersammler, "wie es aussieht, saß das Auto 50 Jahre im Wasser. Ich habe nicht viel Hoffnung."

Zur Mittagszeit (19 Uhr MEZ) soll Tulsas Schatz aus seiner Krypta gehoben werden, am Abend (2 Uhr MEZ) wird er dann feierlich in einem Kongresszentrum ausgepackt – und in einer Woche werden die Organisatoren den neuen Besitzer bekannt geben: den Gewinner eines ebenfalls 50 Jahre alten Tippspiels. Wer 1957 am genauesten geschätzt hat, wie hoch die Bevölkerung Tulsas im Jahre des 100-jährigen Bestehen des Staates Oklahoma sein wird, sollte den Plymouth gewinnen. Die Tipps wurden mikroverfilmt und mit ins Grab gelegt – freuen wird sich wohl heute ein Erbe eines patriotischen Tulsa-Bewohners.

abl/Mitarbeit: Michael Kettlitz-Lubisch



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