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11. Januar 2013, 18:59 Uhr

Software-Entwicklungen fürs Auto

Komfort programmiert

Aus Las Vegas berichtet

Die lästige Parkplatzsuche, die frickelige Sitzverstellung, das ständige An- und Ausknipsen der Fernlichter - Schluss damit. Auf der CES in Las Vegas zeigt die Fahrzeugindustrie, wie digitale Innovationen das Autofahren erleichtern. Die nötige Technik wird schon in Serie gebaut.

Ein Auto, das auf Knopfdruck vollkommen selbständig ins Parkhaus fährt und dort passgenau in eine Lücke zirkelt - diesen Service bekamen bislang nur Filmhelden wie James Bond geboten. Auf der CES in Las Vegas konnte man aber nun genau dieses Kunststück mit eigenen Augen beobachten. Und das Auto, das da ganz allein fuhr, war auch kein aufwendig präpariertes Einzelstück - sondern ein weitgehend handelsüblicher Audi.

Etwas ungelenk zwar, aber vollkommen eigenständig, steuerte sich eine Audi-Limousine aus einer Parklücke heraus vor das Parkhaus - und von dort wieder zurück auf den Stellplatz. Wie von Geisterhand zündete der Motor, schaltete sich das Licht an und bewegte sich der Wagen langsam vorwärts. Sollte das System in Serie gehen - und es gibt wenig, was dagegen spricht - dann fällt die nervige Parkplatzsuche in schummrigen Parkhäusern in Zukunft weg. Einfach das Auto verlassen, die Einparkassistenz aktivieren - der Rest erledigt sich von selbst.

Das Beste dabei: Alles, was es dazu noch braucht, sind Parkhäuser, die die nötigen Informationen über freie Plätze und das Layout der Parkgarage an das Auto funken können. Der Rest ist im Prinzip vorhanden. Der Audi-Prototyp zumindest war lediglich mit bereits in der Serie erhältlicher Technik ausgestattet, von der W-Lan-Schnittstelle für die Kommunikation mit dem Parkhaus einmal abgesehen, aber die wird ebenfalls schon bald zum automobilen Alltag gehören.

Mit diesem Prototypen veranschaulichte Audi auf der CES einen Trend, der die Automobilindustrie in den nächsten Jahren maßgeblich verändern wird: Durch neue Software werden spektakuläre Innovationen ermöglicht. Die Hardware-Basis muss dafür gar nicht großartig revolutioniert werden. Stattdessen geht es darum, die Informationen, die die verschiedenen Sensoren schon heute registrieren, noch genauer auszuwerten - und noch cleverer zu nutzen.

Audis hellste Leuchte

Was dabei zu erwarten ist, zeigt Audi auf einem der aufsehenerregendsten Stände der Messe CES. In einem schwarzen Kubus, in den ein gleißend hell erleuchteter Tunnel geschlagen ist, präsentieren die Autobauer aus Ingolstadt ihren sogenannten Matrix-LED-Scheinwerfer.

In einem dunklen Separee im Kubus ist ein Scheinwerfer aufgebaut, dessen LED-Leuchten einen hellen Streifen Fernlicht durch den Raum schicken. Der Clou: Wenn man sich mit einer Taschenlampe vor dem Scheinwerfer aufbaut und ihn blendet, schaltet er exakt jene LEDs ab, die dem Lichtkegel der Taschenlampe begegnen. Bewegt man die Taschenlampe, werden die entsprechenden LEDs an- und ausgeknipst.

Der Matrix-LED-Scheinwerfer ist also, konkret gesagt, ein Fernlicht, das die entgegenkommenden Autos sozusagen ausschneidet - den Rest der Straße aber weiterhin hell ausleuchtet. Das lästige An- und Abschalten des Fernlichts entfällt. "Rund 50 Prozent aller Unfälle ereignen sich nachts", sagt Jürgen Wilhelmy, bei Audi für die Entwicklung von Lichtsystemen zuständig, "und das, obwohl es zu später Stunde lediglich 20 Prozent des Verkehrsaufkommens im Vergleich zur Zeit bei Tageslicht gibt".

Möglich macht diese Funktion in erster Linie eine neue Software. Die nötige Hardware für das System ist dagegen in vielen Autos der Ingolstädter schon verbaut. "Wir mussten lediglich den Chip, der die LEDs ansteuert, geringfügig ändern. Der Rest, wie Kameras und LED-Scheinwerfer, sind bei den meisten unserer Autos schon an Bord", sagt Wilhemy.

Doch nicht nur entgegenkommende Autos werden vom Matrix-Scheinwerfer anders als bislang behandelt, auch auf Fußgänger reagiert er vorausschauender. Erkennt das System einen Menschen, wird er von einer einzelnen LED drei Mal hintereinander hell erleuchtet - und so quasi in ein wandelndes Warnsignal verwandelt. Hier zeigt sich, wie weit sich bereits bestehende Systeme allein durch das Schreiben neuer Programme weiterentwickeln lassen.

Der zuvorkommende Sitz

Ein weiteres Beispiel dafür, wie bestehende Hardware durch neue Software revolutioniert werden kann, ist der Fahrersitz, den der Automobilzulieferer Continental auf der Messe in Las Vegas im Konferenzraum eines Hotels zeigte. Die Basis ist dabei nichts Ungewöhnliches: Ein in alle Richtungen verstellbarer Autositz mit integrierter Heizung, Gebläse und Massagekissen in der Rückenlehne sowie aufblasbaren Sitzwangen. Ein Komfortsessel also, wie es ihn heute in Zigtausenden von Oberklasselimousinen gibt.

Das Besondere an diesem Sitz ist, dass er Senden und Empfangen kann - und es deswegen möglich ist, ihn beispielsweise über ein iPhone zu steuern. Das allein ist natürlich eher Spielerei - auch wenn Luigi Leonardi, bei Continental zuständig für die Entwicklung von Sitzsystemen, betont, dass man damit endlich auch bequem den Beifahrersitz verstellen kann, ohne sich zu verrenken.

Viel faszinierender aber ist die Möglichkeit, sich sein eigenes Sitzprofil zu erstellen - inklusive eigener Temperaturkurve für Heizung und Gebläse. Dieses Profil trägt man dann mit seinem Tablet oder Smartphone bei sich. Wenn man sich in ein anderes Auto hineinsetzt, das über das gleiche System verfügt, fährt der Sitz automatisch in die vom Profil voreingestellte Position - auch, wenn es sich bei dem Auto um ein anderes Modell handelt.

Wie stark sich bei der Entwicklung von Autos das Verhältnis von klassischer Automobiltechnologie und Digitaltechnologie verändern wird, zeigt sich am deutlichsten in der personellen Zusammensetzung der Unternehmen: Beim Zulieferer Continental arbeiten insgesamt rund 25.000 Ingenieure. Schon heute sind 10.000 davon für Software-Programmierung zuständig.

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