Autonome Busse Hier macht gerade der Fortschritt halt

Alle Passagiere an Bord, nur der Fahrer fehlt: Der Bus der Zukunft soll weitestgehend von allein fahren. Diese Vision wird derzeit in einigen Städten getestet. Profitieren sollen auch Bewohner auf dem Land.

Postauto Schweiz AG / Olivier Maire

Die Schweizer Gemeinde Sitten und die US-Hauptstadt Washington haben derzeit etwas gemeinsam: Sie scheinen ein Paradies für Schwarzfahrer zu sein. Sowohl in Sitten als auch in Washington verkehren Busse, in denen Passagiere zwar an ihr Ziel gebracht werden, aber keine Fahrer am Steuer sitzen und nach Tickets fragen: Die Fahrzeuge bewegen sich von allein.

Der verwaiste Fahrerplatz dürfte allerdings noch ebensoviele Kunden abschrecken wie anlocken. Schließlich hat die Faszination für automatisierte Fahrzeuge - wenn sie denn in der breiten Bevölkerung überhaupt vorhanden war - durch die kürzlich bekannt gewordenen Unfälle von Autos des Herstellers Tesla im Selbstfahrmodus einen Dämpfer erhalten.

Doch die Testprojekte in Washington und Sitten verdeutlichen zwei Dinge:

  • Zum einen beteiligen sich immer mehr Unternehmen und Branchen an der Forschung am autonomen Fahren - hinter dem Versuch in den USA steckt das Start-up Local Motors und der Konzern IBM, hinter den Probefahrten bei den Eidgenossen die Schweizer Post und der französische Fahrzeugbauer Navya.
  • Zum anderen beschränkt sich die Forschung längst nicht mehr nur auf selbstfahrende Autos, sondern hat auch andere Fahrzeugsegmente ergriffen. Vor allem die Ausweitung auf Busse führt das Thema einer breiteren Masse an Menschen direkt vor Augen.

Die fahrerlosen Busse von Sitten und Washington sehen aus wie kleine Gondeln auf Räder und ruckeln meistens noch in Schrittgeschwindigkeit durch Fußgängerzonen. Trotzdem geben sie einen Ausblick auf die Fortbewegungsmittel der Zukunft.

Vor allem beschränken sich die Vorteile automatisierter Busse nicht nur auf den Stadtverkehr: Sie könnten auch dort für mehr Mobilität sorgen, wo es bislang an innovativen Verkehrskonzepten mangelt: in ländlichen Gegenden.

Deshalb ist zum Beispiel Martin Schmitz von den futuristischen Bussen überzeugt. Der Technikvorstand beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sieht in ihnen das Potenzial, Liniennetze zu vergrößern und Taktzeiten zu verkürzen.

Autonomer Postbus in Sitten im Schweizer Kanton Wallis
Postauto Schweiz AG / Olivier Maire

Autonomer Postbus in Sitten im Schweizer Kanton Wallis

"Wir könnten kleine, autonome Quartierbusse einsetzen und die Menschen sozusagen vor der Haustüre abholen und von dort aus zu Knotenpunkten großer Linien bringen", sagt er. Auf dem Land könnte man das Nahverkehrsangebot ausbauen, weil Fahrten viel weniger Betriebskosten verursachen, wenn nicht jede Verbindung mit eigens geschultem Personal und großen Fahrzeugen bedient werden müsste.

Dauerpause für Busfahrer

Wie weit zum Beispiel der deutsche Hersteller Mercedes bei der Entwicklung solcher Fahrzeuge ist, kann in Amsterdam beobachtet werden. Auf der Linie 300 zwischen dem Stadtteil Haarlem und dem Flughafen Schipol pendelt Daimlers "Future Bus". Er rollt vor die Haltestellen, lässt Fahrgäste ein- und aussteigen und fährt anschließend weiter. Ganz vorn links sitzt zwar noch ein Mensch am Steuer, aber die meiste Zeit gibt er weder Gas noch bremst, sondern überwacht nur das System.

Angetrieben wird der Bus von einem konventionellen Dieselmotor, aber für das selbstständige Fahren bedient er sich der Hilfe von zehn Kameras und mehrerer Radarsensoren. Das Fahrzeug registriert das gesamte Verkehrsgeschehen um sich herum, erkennt Fußgänger auf der Fahrbahn, hält vor roten Ampeln und findet sich sogar im Tunnel zurecht. Bis Tempo 70 erledigt der Bus alles ohne den Menschen. Der Fahrer sitzt in einem Cockpit und kann jederzeit eingreifen und alles übersteuern, hat aber in der Regel Pause.

Meistens unbeschäftigt, aber immer eingreifbereit: der Fahrer des "Future Bus" von Mercedes
Daimler

Meistens unbeschäftigt, aber immer eingreifbereit: der Fahrer des "Future Bus" von Mercedes

So beeindruckend die Demonstration auch ist: Ausgereift sind solche Systeme noch längst nicht. Bei Mercedes will man sich auch nicht festlegen, wann es so weit sein könnte. Das Gleiche gilt für die Projektbetreiber in Sitten und Washington. Technisch, juristisch und gesellschaftlich sind beim autonomen Fahren noch zu viele Fragen offen.

Die automatisierte Kolonne

Martin Schmitz vom VDV kann sich jedoch vorstellen, dass bereits am Ende dieses Jahrzehnts automatisierte Buskonvois über die Autobahnen rollen. Einzelne Fahrzeuge könnten hintereinandergekoppelt werden. Die Bündelung würde dort stattfinden, wo Buslinien zusammenlaufen; verästeln sich die Linien, löst sich der Konvoi auf. Der Fahrer im ersten Bus übernimmt bis dahin das Kommando. Ein ähnliches Projekt mit Lkw-Kolonnen wird schon seit einigen Jahren getestet.

Durch die geringeren Betriebskosten und die bessere Auslastung könnten zudem die Ticketpreise für die Busse sinken. Die klassische Fahrkarte wird überflüssig, alle Buchungen finden in den Szenarien der Hersteller über Apps statt.

Einfach so reinhüpfen sei allerdings nicht möglich, sagt Schmitz. Irgendwie müsse man ja auch in einem fahrerlosen Bus signalisieren, dass man zum Einsteigen berechtigt sei. Doch wie intelligent die autonomen Fahrzeuge auch sein werden - Schmitz sieht den Einfallsreichtum mancher Menschen überlegen: "Irgendeinen Schleichweg werden Schwarzfahrer selbst im Bus der Zukunft noch finden."



insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
Nebhrid 25.07.2016
1. Klingt
nach Alptraum..
franxinatra 25.07.2016
2. Ohne Personal betriebene
Einrichtungen -wie zB öffentliche Toiletten- werden bevorzugter Stätte von Randalierern als jene, die bewirtschaftet werden. So wird es auch dem Verkehrsmittel gehen: wobei es ja Eierwürfe und dergleichen schon gibt. Findet halt nur seine Steigerung.
Herr Schäuble 25.07.2016
3.
Na wenn sich die Kosten dadurch senken, sollte man die Busfahrten komplett kostenlos machen so wie es sein sollte.
MarkusH. 25.07.2016
4. alles wird billiger?
das bezweifle ich aber stark. kostet der neue bus mit neuer Technik nix oder genausoviel wie der alte? milchmädchenrechnung?
gothograecus 25.07.2016
5. Geschlafen...
...SPON. Der erste Versuch dieser Art war im Rahmen des EU-Progarmms CityMobil2 vor einem Jahr im griechischen Trikala.
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