Autonomes Fahren Geister-Taxis ohne Chauffeur

Kann ein Pkw ohne Fahrer sicher durch den Verkehr steuern? In Abu Dhabi wird genau das erprobt: Zehn Taxis mit Autopilot haben in der Modellstadt Masdar den Betrieb aufgenommen. Später soll eine ganze Flotte der Cyber-Cabs an den Start gehen.

Von Christian Tröster

2getthere

Wird man im eigenen Auto bald so fahren können wie im Zug? Hinsetzen, ein Nickerchen machen und erst aufwachen, wenn man kurz vor dem Ziel ist? Mit dem Autopilot im Pkw, so die Phantasie vieler Ingenieure, könnte das möglich sein - liegt doch die Technik bereits vor, jedenfalls in Ansätzen. Viele Fahrzeuge verfügen über Tempomat und Abstandswarner, Einpark-, Spurhaltehilfen und Navi - miteinander kombiniert würden die Geräte einem Autopiloten schon sehr nahe kommen.

Wie der Individualverkehr dann ablaufen könnte, ist bereits heute in Abu Dhabi zu bestaunen. In der im Bau befindlichen Stadt Masdar, die komplett nach den Vorstellungen der Planer CO2-neutral funktionieren soll und von der erste Teile jetzt fertig gestellt wurden, sind fahrerlose Taxis die einzigen motorisierten Verkehrsmittel. Die Mobile sind eine Mischung aus öffentlichem Nahverkehr und individueller Motorisierung. Sie haben bereits Tausende Menschen zu ihrem Ziel befördert, darunter Polit- und Medienprominenz aus aller Welt. Hollywood-Regisseur James Cameron hat die Cyber-Cabs ebenso besichtigt wie Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon oder Prinz Albert von Monaco.

Die Nutzer steigen in Kapseln, die aussehen wie aus einem Science-Fiction-Film der sechziger Jahre - alles schön rund geformt. Die Gefährte sind seltsam langsam, Lenkrad und Fahrersitz fehlen. Zehn Taxis sind bereits im Einsatz, später sollen es insgesamt 3000 sein. Der Gast kann Stationen per Knopfdruck anfordern und gibt das Fahrziel im Inneren der Kabine auf einem Touchscreen ein.

Geplant sind 130.000 Cyber-Taxi-Fahrten pro Tag

Mit Hilfe eines Elektromotors beschleunigen die Fahrzeuge sanft auf bis zu 40 km/h. Dabei sind sie C02-neutral unterwegs, denn ihre Lithium-Ionen-Batterien werden ausschließlich mit Solar- und Windstrom betankt.

Tatsächlich besteht die befahrbare Strecke der Taxis bislang aus lediglich wenigen hundert Metern asphaltierter Straße. Das Ambiente ist zudem unattraktiv, denn die Flotte navigiert in einer Art Parkhausebene unterhalb der Stadt. Wenn die aber im Jahr 2025 fertig gebaut ist, wird sie rund 40.000 Einwohner und 50.000 Berufspendler haben. Bis dahin soll es mehr als 85 Stationen geben - die Cyber-Taxis sollen dann 130.000 Fahrten am Tag unfallfrei absolvieren, und das, obwohl sie nicht an Schienen gebunden sind.

Dabei ist die Technik dazu nicht neu. Sie wird schon länger für automatisierte Materialtransporte in Fabriken genutzt, etwa im VW-Werk in Dresden. Im Hafen von Rotterdam werden so die Container verschoben, und im Disneyland Tokio fahren Besucher auf diese Weise umher. Die Navigation erfolgt über ein Verfahren namens Odometrie. Sensoren an den Rädern messen Umdrehungen und Richtungswechsel, eventuelle Ungenauigkeiten durch wechselnden Reifendruck bei unterschiedlicher Beladung werden durch einen Datenabgleich mit im Boden installierten Magneten korrigiert. Die Kommunikation der Mobile untereinander und mit der Zentrale erfolgt über ein W-Lan-System.

So sicher und funktional die Abläufe innerhalb des Systems sind - für den Einsatz im normalen Straßenverkehr taugt es nicht, wie auch die Betreiber einräumen. Die Kapseln müssen vor der Kollision mit systemfremden Fahrzeugen geschützt werden und brauchen deshalb Sonderspuren, eventuell sogar auf speziellen Hochstraßen. In Masdar konnte dies von Anfang an eingeplant werden, indem die Cybertaxis separat auf einem eigenen Podium-Level herumkurven. Der "Heilige Gral" der individuellen Mobilität, so sagt es die niederländische Herstellerfirma 2getthere, ist damit also nicht gefunden. Auch, weil die Sonderzone der Cybertaxis wiederum mit anderen Verkehrssystemen erschlossen werden muss. Allerdings: Sind diese Voraussetzungen gegeben, funktionieren die Kapseln sicher. Außerdem haben sie geringere Betriebs- und Personalkosten als andere Systeme.

Was macht der Fahrer eigentlich noch in einem automatisierten Auto?

Parallel dazu schreitet die Automatisierungstechnik für normale Pkw voran. So stellte VW kürzlich einen Temporary Auto Pilot (TAP) vor. Das System arbeitet mit Ultraschall-, Laser- und Kamerasensoren und kombiniert bestehende Systeme wie Distanzregelung, Spurhalteassistent und die Spurwechselüberwachung. Der Autopilot hält einen sicheren Abstand zum Vorausfahrenden ebenso ein, wie die vom Fahrer ausgewählte Wunschgeschwindigkeit, reduziert das Tempo gegebenenfalls vor einer Kurve und führt das Fahrzeug konstant in der Fahrbahnmitte.

Ebenso werden Rechtsüberholverbot und Geschwindigkeitsbegrenzungen beachtet, das Anhalten und Wiederanfahren im Stau erfolgt automatisch. Trotzdem soll der Fahrer bei allem die Verantwortung behalten, so wie heute schon gegenüber dem Navigationsgerät. Die Ausrede "Das Navi war's" wird von keinem Verkehrsgericht akzeptiert.

Aber was macht der Fahrer im Auto, wenn statt seiner der Autopilot schaltet, anfährt, bremst und steuert? Vermutlich wird noch eine Sonderfunktion integriert werden müssen, über die heute nur wenige reden: der automatische Weckruf.

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
rocknruelps 20.08.2011
1. Gruselig.
Ich hoffe, die Dinger haben auch eine Notbremse.
Penalty Master 20.08.2011
2. Heathrow
Auch am Heathrow Airport in London ist ein solches System installiert und dienst exklusiv der Anbindung von einem teureren Außenparkplatz direkt mit dem neuen Terminal 5. Das ganze System ist draußen auf erhöhten Fahrbahnen untergebraucht, der Umwelt ausgesetzt und hat mit Nässe und Laub und auch Vogelkot zu kämpfen, kommt aber erstaunlich gut damit klar. Es sind im übrigen genau die gleichen Fahrzeuge wie auch in Masdar eingesetzt wird. Ich bin einmal damit gefahren und muss sagen, dass es wirklich sehr bequem und entspannend war. Der Innenraum ist sehr großzügig, auch für vier Personen mit Koffer, insgesamt ein gutes modernes System, mit dem man die übliche Busfahrt von diesen Außenparkplätzen mitsamt der elendigen Wartezeiten komplett vermeiden kann. Für Heathrow ist es wohl eine massive Einsparung, weil die aufwendige Wartung der Busflotte sehr stark reduziert werden kann - und natürlich auch an Personalkosten...
Mikrator 20.08.2011
3. Abu Dhabi und "moderne "Fortbewegung
Die Taxifahrer dort sind meistens Pakistani- jetzt ist Ramadan. Trinken verboten. Pausen aber nicht. Da kann man schon auf solche Ideen kommen, Kapitalakkumulation ohne von Dienstboten abhängig zu sein. In einigen Provinzen Pakistans werden diese Pläne sicherlich Angst und Schrecken verbreiten. Technisch ist es wohl dort möglich , wo breite Strassen ohne Zweite Reihe Parker und geometrische Grundformen von Kreis und rechten Winkel den Stadtplan ausmachen. In Europa wird das sicherlich schwieriger. Das Autonome Einparksystem funktioniert ja auch bereits ganz gut.
Igga, 20.08.2011
4. Die Fahrer können schon mal Hartz IV beantragen
Spätenstens wenn der letzte Beschäftigte durch eine Maschine ersetzt wurde wird man einsehen müssen, dass Arbeitslose nichts kaufen können.
Sikozu 20.08.2011
5. คุณ?
Schöne Spielerei, aber wo genau ist jetzt der Vorteil, gegenüber der guten alten Straßenbahn beispielsweise??
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