Autopilot: Google-Roboter steuern Autos durch Kalifornien

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1600 Kilometer ohne menschlichen Eingriff - kein Problem. Google testet seit mindestens einem Jahr insgeheim Roboter-Autos auf Kaliforniens Straßen, und niemand hat's gemerkt. Begründung des Konzerns: "Computer sollen Dinge erledigen, die Menschen nicht gut können."

Roboter und Kamerawagen: Googles Autos-Experimente Fotos
DPA

Etwas merkwürdig kam Ben Tseitlin das Auto schon vor, das er da im vergangenen November auf der Autobahn zwischen San Francisco und Palo Alto gefilmt hat.

Auf einem Aufbau des Toyotas dreht sich ein Art Turbine, an der Außenseite führt ein Gestänge zum Hinterrad. Der Schokoladenhersteller Tseitlin veröffentlichte das Video auf Facebook und kommentierte: "ein Wind-getriebener Prius".

Damit lag Tseitlin leicht daneben. Ein knappes Jahr später enthüllt Google nun das Geheimnis der merkwürdigen Autos, die da seit Monaten durch Kalifornien fahren: "Wir haben eine Technologie entwickelt, die Autos steuert", schreibt Google-Ingenieur Sebastian Thrun im Firmenblog. Und: Die Roboter-Autos mit dem Google-Steuersystem haben schon gut 225.000 Kilometer auf öffentlichen Straßen zurückgelegt. Die Roboter-Autos waren - natürlich immer mit einem besonders ausgebildeten Fahrer an Bord - schon in Los Angeles, San Francisco und an der Grenze zum Nachbarstaat Nevada unterwegs.

Das leicht verstörende Detail bei Googles Roboter-Projekt: Da arbeitet ein börsennotiertes Unternehmen, das im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit vieler Journalisten, Blogger, Aktivisten und Konkurrenten steht, seit Jahren an Roboter-Autos, testet diese schon mindestens ein Jahr in aller Öffentlichkeit - und niemand merkt es.

US-Technik-Blogger Robert Scoble hat eines der sieben Autos der Roboter-Testflotte im Januar sogar mehrmals beobachtet und einmal gefilmt. Er vermutete damals schon Google dahinter, war allerdings auf einer falschen Fährte: "Sie müssen die neuesten Kartierungsfahrzeuge sehr häufig testen in letzter Zeit."

Laser-Sensoren, Google-Server, Radar

Zur Technik der Roboter-Autos gehören diese Komponenten:

  • Auf dem Dach scannt ein Lidar-Sensor die Umgebung des Wagens - Laserstrahlen messen kontinuierlich den Abstand zu Objekten im Umkreis von etwa 70 Metern mit einer zentimetergenauen Auflösung.
  • An den Stoßstangen vorne und hinten messen vier Radarsensoren den Abstand zu Objekten.
  • Eine Videokamera am Rückspiegel ermöglicht es der Steuersoftware, Ampeln, Fußgänger und Fahrradfahrer zu erkennen.
  • Ein GPS-Empfänger und mehrere Bewegungssensoren helfen dabei, die Position des Wagens zu berechnen.

Diese Daten verarbeitet die Steuersoftware und aktualisiert dabei ständig die auf Google-Servern hinterlegten Straßeninformationen. Software-Ingenieur Thrun verrät wenig über die eigentlichen Programme, die Daten scheinen aber nicht nur im Wagen selbst, sondern auch auf Google-Servern verarbeitet zu werden: Die Wagen nutzen "detaillierte Straßenkarten, die wir mit manuellen gesteuerten Fahrzeugen gesammelt haben, um das Auto auf der Straße zu steuern. Das alles wird durch Googles Rechenzentren möglich, die die enormen Informationsmengen verarbeiten, die unsere Wagen sammeln, wenn sie das Gelände kartieren."

Google verständigt sich mit der Polizei vorab über Robotertests

Die Roboter-Wagen der Google-Testflotte haben bislang laut "New York Times" (siehe auch Video) gut 1600 Kilometer auf öffentlichen Straßen ohne jeden menschlichen Eingriff zurückgelegt. Google-Ingenieur Thrun lobt das Team: "Wir denken, das ist eine Premiere in der Robotertechnik."

Um die Sicherheit der Testfahrten zu gewährleisten, sitze immer ein speziell ausgebildeter Fahrer am Steuer der Wagen und könne jederzeit eingreifen, betonte Thrun. Als Beifahrer sei ein Software-Techniker an Bord. Man habe auch die Polizeibehörden vorab über die Testfahrten informiert.

Warum entwickelt Google Roboter?

Das Projekt scheint keine der Nebenbei-Spielereien zu sein, mit denen Google-Ingenieure einen Teil ihrer Arbeitszeit verbringen dürfen. Thrun erwähnt mehrere Entwickler namentlich als Projektmitarbeiter, die in den vergangenen Jahren bei den Roboterrennen der Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums (Darpa) Aufsehen erregt haben.

Warum investiert Google so viel in die Entwicklung einer nicht gerade zum Kerngeschäft gehörenden Technik? Im offiziellen Blog-Eintrag führt Google-Ingenieur Thrun eine Reihe hehrer Ziele auf: Man wolle die Zahl von 1,2 Millionen Verkehrstoten weltweit im Jahr senken, Car-Sharing befeuern, die Straßen effizienter nutzen. Aber rein philanthropisch kann der Antrieb für dieses Projekt nicht sein - sonst wäre es viel besser bei der Google-Stiftung aufgehoben, nicht als Investition eines börsennotierten Unternehmens.

Für ein konkretes Geschäftsmodell ist das Projekt in einem arg frühen Stadium. Aber sollte es tatsächlich einmal Roboter-Autos geben, könnten einige von Google Geschäftsfeldern von der Nutzung profitieren:

  • Steuersoftware braucht Rechenkraft: Googles Datenverarbeitungs-Zentren könnten als Dienstleister für diverse Nutzer der Technik die neuen Informationen über Straßenzustand und -umfeld verarbeiten und in Echtzeit bereitstellen.
  • In Echtzeit aktualisierte Navigationsdaten: Wenn erst einmal genug Roboter-Autos mit ihren Sensoren Googles Straßenkarte füttern, können die so zentralisierten Informationen für viele andere Unternehmen wertvoll werden. Jeder Logistikdienstleister, Navigationsanbieter und letztlich auch jedes Straßenbauamt würde gerne wissen, was gerade auf den Straßen passiert, wo der Verkehr stockt, wo Hindernisse liegen und so weiter.

Das Roboter-Projekt scheint bei Google hohe Priorität zu haben. Geschäftsführer Eric Schmidt spielte im September in einer Rede auf das Projekt an, ohne dass ihn damals jemand verstanden hat. Schmidt sagte damals bei der Konferenz "Techcrunch Disrupt": "Es ist ein Fehler, dass Autos vor den Computern erfunden wurden. Autos sollten sich selbst steuern, das ist einfach sinnvoll."

"Computer Dinge erledigen lassen, die Menschen nicht gut können"

Niemand wagte damals den kühnen Gedanken, dass Schmidts Unternehmen längst an der Technik arbeitet, die er da beschreibt. Die Frage, die man jetzt stellen muss, ist die: An welchen anderen Projekten arbeitet Google vielleicht seit Monaten oder Jahren, die niemand für möglich hält?

Einen kleinen Hinweis gab Google-Geschäftsführer Erich Schmidt dazu im September, kurz bevor er auf Roboter-Autos zu sprechen kam: "In Zukunft geht es darum, Computer Dinge erledigen zu lassen, die Menschen nicht besonders gut können."

mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
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    Seite 1    
1. Usa....
Kurt G 10.10.2010
... Google.... automatisch..... Steet View..... -> Killerdrohnen auf vier Rädern. Autobomben US-Style. Kein Scherz : der militärische Aspekt erschreckt mich. Kurt G
2. ...
romän 10.10.2010
Jetzt will google auch noch wissen wo und wann wir Auto fahren. Als ob die sich darum kümmern wollen, dass es weltweit weniger Tote bei Fahrzeugunfällen gibt.
3. Hollywood gegen Big-Brother
weltbetrachter 10.10.2010
Hollywood-Filme haben es bereits vor Jahren gezeigt - als Zukunftsversion. Autos die fliegen, selbst lenken usw. Aber ist das alles wünschenswert was technisch machbar ist. Am Ende sitzt Big-Bother-Finanzamt mit im Auto und erklärt uns, das die gefahrenden Kilometer in der Steuererklärung zu 30 % privat veranlaßt waren - und liefert die Streckendaten gleich mit. Oder wir fahren an einem Geschäft vorbei und bekommen auf einem Display die aktuellen Sonderangebote von dort ins Auto geliefert. Während wir diese dann betrachten und überlegen kracht es, weil wir unaufmerksam waren.Vielleicht stoßen wir uns aber auch nur den Kopf, weil das Auto eine Notbremsung vorgenommen hat um einen Unfall zu verhindern. Schöne Aussichten ... !
4. Zukunft nein danke?
Pyrrhus 10.10.2010
Irgendwie ist es bezeichnend für unser Land, dass Zukunftstechnologien als erstes schlecht gemacht werden.
5. Driving cars!
okydky 10.10.2010
Zitat von sysop........ Begründung des Konzerns: "Computer sollen Dinge erledigen, die Menschen nicht gut können." http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,722286,00.html
Macht aber doch irgendwie Sinn in den USA ;-).
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