Autopreise nach Abgasnorm Klein bleibt billig, fett wird teuer

"Einen Riesenfortschritt" nennen Branchenkenner die beschlossenen CO2-Grenzen - die Hersteller würden endlich gezwungen, die Versäumnisse der letzten Jahre nachzuholen. Zudem zerstöre die neue Norm nicht den Markt: Viele Autos würden gar nicht teurer.

Von Jürgen Pander


Nick Margetts, Analyst beim Automarktbeobachter Jato Dynamics, sieht die Brüsseler Gesetzesvorlage positiv. Endlich sei die Tür geöffnet für eine vernünftige Staffelung der Grenzwerte. Die Abgasnorm nennt er "einen Riesenfortschritt".

EU-Regelung: CO2-Grenzwerte in Abhängigkeit vom Fahrzeuggewicht
DDP

EU-Regelung: CO2-Grenzwerte in Abhängigkeit vom Fahrzeuggewicht

Die EU-Kommission legte heute einen Gesetzentwurf vor, der den Kohlendioxidgrenzwert für Neuwagen und die Strafen bei einer Überschreitung festlegt. Wie von den Herstellern gefordert, gelten je nach Pkw-Typ unterschiedliche CO2-Grenzen.

Die EU errechnete, dass durch die geplante Regelung Neufahrzeuge im Schnitt um 1300 Euro teurer würden. Doch der angedrohte Preisschub trügt, ein Durchschnittswert sagt laut Experten nicht viel aus.

Tatsächlich werden kleine und sparsame Fahrzeuge durch die neuen CO2-Grenzwerte gar nicht teurer werden, schwere, spritdurstige Autos dafür umso mehr. Es gelte in der Branche als grobe Faustregel, dass, um den CO2-Ausstoß eines Autos von 160 auf 130 Gramm pro Kilometer zu senken, technische Investitionen von etwa 1000 Euro notwendig sind.

So berechnet die EU die Kosten eines Autos

Bus
(1 Million Kilometer)
Dieselauto
(200.000 Kilometer)
Benzinauto
(200.000 Kilometer)
Kaufpreis in Euro 150.000 17.000 15.000
Kosten während der Betriebszeit in Euro      
- Treibstoff 313.500 5500 7700
- CO2 30.210 530 669
- Stickoxide 87.780 220 70
- Kohlenwasserstoffe ohne Methan 2622 10 20
- Feinstaub 9918 435 87
Gesamtkosten in Euro 594.030 23.695 23.547

Quelle: EU-Kommission

Die EU-Kommission verfolgt mit der Regelung das Ziel, den CO2-Ausstoß von Neufahrzeugen bis zum Jahr 2012 auf 120 Gramm je Kilometer zu senken. Dabei sollen die Hersteller durch fortschrittliche Antriebstechnik einen Durchschnittswert von 130 Gramm realisieren. Die Minimierung von weiteren 10 Gramm auf eben jene angestrebten 120 Gramm soll durch den Einsatz von nachwachsenden Kraftstoffen erzielt werden.

Lange war unklar, ob für alle Hersteller ausnahmslos und rigoros die 130-Gramm-Grenze gelten werde. Porsche beispielsweise wäre dann chancenlos. Die Fahrzeuge der aktuellen Modellpalette des Sportwagenherstellers emittieren zwischen 222 und 361 Gramm CO2 je Kilometer. Doch in Zuffenhausen kann aufgeatmet werden: Die EU-Kommission entschied, dass für jeden Autohersteller ein eigener Grenzwert errechnet werden soll, der das Fahrzeuggewicht berücksichtigt. Die Grenzwerte für Mercedes oder BMW werden damit höher liegen als die für Fiat oder Peugeot.

In ersten Reaktionen auf diese abgestufte CO2-Regelung erklärte VW, das vorgesehene Modell zu unterstützen, "weil es im Grundsatz die Vielfalt der europäischen Kundenwünsche berücksichtigt". Allerdings müssten "vor allem die deutschen Unternehmen zukünftig die Hauptlast der CO2-Minderung tragen", heißt es in Wolfsburg. Und die geplanten Strafzahlungen bei einer Überschreitung der Grenzwerte kritisierte VW als "weit entfernt von einer gesamtwirtschaftlich effizienten und betriebswirtschaftlich tragfähigen CO2-Minderungsstrategie".

"Hersteller großer Fahrzeuge müssen mehr tun"

Ganz so dramatisch sieht es Margetts nicht. Immerhin gehe die EU nun einen Weg, "mit dem nicht wie zunächst befürchtet der komplette Fahrzeugmarkt umgekrempelt wird". EU-Umweltkommissar Stavros Dimas erklärte: "Alle Hersteller werden ihre Emissionen verringern müssen, aber Hersteller großer Fahrzeuge müssen mehr tun."

Es sei denn, sie paktieren geschickt. Denn offenbar soll es den Fahrzeugherstellern erlaubt werden, sich bei der Berechnung der durchschnittlichen CO2-Emissionen zu verbrüdern. Wenn etwa, um ein Beispiel zu nennen, Fiat seinen Grenzwert unterschritte, Daimler den seinen aber überträfe, dann könnten sich beide gemeinsam veranlagen lassen, was eine Minderung der Strafzahlungen für Daimler zur Folge hätte. Ob das alles genau so kommen wird, ist noch nicht endgültig geklärt.

Der Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Hätten vor allem die deutschen Hersteller diese Lösung von Anfang an angestrebt, gäbe es längst eine sinnvolle Lösung, die sie deutlich weniger belasten würde." Stattdessen werde nun mit dem Scheinargument, die EU betreibe mit der CO2-Regelung Industriepolitik, von den eigenen Versäumnissen abgelenkt.

Strafzahlungen von 20 bis 95 Euro je Gramm CO2

Der Gesetzesentwurf legt auch die Höhen der Strafzahlungen fest. Unternehmen, die den jeweiligen Durchschnittswert für ihre Fahrzeugflotte verfehlen, müssen folgende Straßen zahlen: Im Jahr 2012 einen Betrag von 20 Euro für jedes Gramm oberhalb des jeweiligen Grenzwertes - multipliziert mit der Zahl der insgesamt von diesem Hersteller verkauften Autos. Im Jahr 2013 steigt die Strafe auf 35 Euro, im Jahr 2014 auf 60 Euro und im Jahr 2015 auf 95 Euro.

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub VCD kritisierte die Pläne der EU-Kommission als "völlig unzureichend". Vor allem die Regelung, dass sich der Grenzwert am Gewicht der Fahrzeuge orientiere, sei ein gravierender Fehler. "Diese Regelung bevorteilt ganz klar schwere Fahrzeuge mit höherem Verbrauch und höheren CO2-Emissionen", sagte Michael Müller-Görnert, Verkehrsreferent des VCD. Notwendig sei vielmehr eine allgemeine Verringerung des Fahrzeuggewichts und der Motorleistung.



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