Autopsychologin "Manche wollen von mir Medikamente"

Ein Unfall, fehlende Fahrpraxis, Stress - Gründe, warum Menschen sich nicht mehr hinters Steuer wagen, gibt es viele. Seit drei Jahren versucht die Diplom-Psychologin und Fahrlehrerin Alexandra Bärike, Männer und Frauen zurück auf die Autobahn zu bringen.


SPIEGEL ONLINE: Warum entwickeln Menschen Angst vorm Autofahren?

Alexandra Bärike: Die Gründe sind ganz unterschiedlich. 50 Prozent meiner Klienten fehlt die Routine, das sind die Wiedereinsteiger - überwiegend Frauen, die jahrelang nur Beifahrer waren oder nie einen eigenen Wagen besaßen. Sie sind häufig sehr unsicher, gleichzeitig aber große Perfektionisten, die alles richtig machen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich bei Wiedereinsteigern die Auto-Angst?

Alexandra Bärike: Fahrlehrerin und Autopsychologin
Alexandra Bärike

Alexandra Bärike: Fahrlehrerin und Autopsychologin

Bärike: Man kann ihr Empfinden mit einem sehr, sehr starken Zahnarztgefühl vergleichen. Sie sind vor der Fahrt extrem nervös und sehr aufgeregt. Beim Fahren lässt die Aufregung dann spürbar nach.

SPIEGEL ONLINE: Und die andere Gruppe?

Bärike: Diese Männer und Frauen bekommen Panikattacken hinterm Steuer. Dabei sind es häufig erfahrene Fahrer - Außendienstmitarbeiter, die sich nicht mehr auf Autobahnen trauen, Porsche-Fahrer, die jahrelang Spaß am Fahren hatten oder Taxifahrer, die keine Brücken mehr überqueren können.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Auslöser für solch ein Verhalten?

Bärike: In der Regel haben die Betroffenen die erste Panikattacke auf der Autobahn. Zu privatem oder beruflichem Stress kommt da eine kritische Situation - ein Stau, viel Verkehr oder das Überholen einer Lastwagenkolonne. Diese Situation bringt das Fass zum Überlaufen. Die Menschen bekommen Atemnot, ihr Herz rast, ihnen wird schwindelig, sie haben Sehstörungen, und der Schweiß rinnt ihnen von der Stirn. Häufig haben die Betroffenen Todesangst.

SPIEGEL ONLINE: Erkennen die Betroffenen sofort, was los ist?

Bärike: Nein. Gerade Männer haben oft eine medizinische Odyssee hinter sich, bevor sie zu mir kommen. Sie waren beim Hals-Nasen-Ohrenarzt, beim Augenarzt, zum Ganzkörpercheck im Krankenhaus oder zur Computertomografie.

SPIEGEL ONLINE: Steigen die Leute denn nach der ersten Panikattacke wieder ins Auto?

Bärike: Ja, die meisten probieren es aus. Kehrt die Angst zurück, weichen sie auf die Bundesstraße aus. Doch das hilft nur kurzzeitig. Durch die Vermeidungstaktik dehnt sich das Gefühl nur aus, die Angst verfestigt sich und tritt bald auch auf Landstraßen oder im Stadtverkehr auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie bringen Sie Menschen wieder hinters Steuer?

Bärike: Die einzige Therapie die hilft, ist das Expositionstraining: In die Situation hineingehen und sie aushalten. Die Leute müssen Auto fahren.

SPIEGEL ONLINE: Der Sprung ins kalte Wasser?

Bärike: So kann man es nennen. Aber ich bereite die erste Fahrt in einem einstündigen Gespräch gut vor. Außerdem halten sich Ängste nicht lange. Nach 20 bis 40 Minuten vergehen die Symptome wieder. Nach anderthalb Stunden fühlen sich die Betroffenen besser.

SPIEGEL ONLINE: Klingt unerfreulich. Wenn man Angst hat, sind 20 Minuten eine Ewigkeit.

Bärike: Darum ist eine geeignete Strecke zur richtigen Uhrzeit das Wichtigste. Eine zweispurige Autobahn mit durchgehendem Seitenstreifen am Sonntagmorgen um sechs Uhr ist ideal.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Training unter solchen Bedingungen nicht zu einfach?

Bärike: Für einige Menschen ist es unglaublich anstrengend. Sie schwitzen und zittern, wenn sie das Tempo von 100 auf 110 steigern. Nach zwei Stunden sind sie völlig erledigt und müssen sich ausruhen. Aber das ist der Extremfall. Normalerweise gehen sie nach der Fahrstunde entspannt zur Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das therapeutische Gespräch so kurz?

Bärike: Bei den meisten meiner Klienten reicht das. Wir reden über die Ursachen der Panikattacken, Situationen, in denen sie auftreten, wie Ängste funktionieren, wie es ihnen geht, und üben Atemtechniken. Außerdem sind zirka 25 Prozent von ihnen therapieerfahren.

SPIEGEL ONLINE: Dann kennen sie die Ursachen ihrer Angst?

Bärike: Natürlich. Nur nimmt das Wissen allein nicht die Angst. Viele sagen mir: Die Gründe für die Panikattacken sind mir völlig egal, sie sollen endlich aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert das im Regelfall?

Bärike: Das hängt davon ab, wie verhärtet die Angst ist. Wenn sie bereits seit drei Jahren besteht, dauert es länger. Daher schwankt die Betreuung zwischen einem Tag und einem Jahr. In der Regel treffen wir uns einmal im Monat und in der Zwischenzeit üben sie zwei Mal pro Woche allein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Rückfälle?

Bärike: Während des Trainings sind sie sogar häufig, danach liegt die Quote ungefähr bei zehn Prozent. Aber die Betroffenen wissen dann genau, was zu tun ist. Sie gehen zurück in die Situation und tasten sich langsam beispielsweise auf einer ruhigen Autobahn an ihre alte Leistung heran. Aber es gilt: Nur wer regelmäßig trainiert, hat Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Geht das Fahrtraining bei den Wiedereinsteigern schneller?

Bärike: Ja. Sie nehmen an einem Wochentraining mit anderen Klienten teil. Nach der Theorie und dem Fahrtraining üben sie entweder allein weiter, und wir bleiben im Kontakt, oder sie suchen sich eine Fahrschule vor Ort, die zu ihnen passt, und üben mit einem Fahrlehrer.

SPIEGEL ONLINE: Warum geht diese Gruppe nicht sofort in eine Fahrschule?

Bärike: Häufig haben die Betroffenen das bereits versucht. Sie fühlen sich aber von den Fahrlehrern unverstanden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das?

Bärike: Fahrlehrern entgeht kein einziger Fehler. Die Wiedereinsteiger müssen aber gestärkt und nicht kritisiert werden. Ich sage ihnen beim Fahren stets, was gut klappt und was sie alles richtig machen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Fahrlehrer dafür zu unsensibel?

Bärike: Nein. Sie haben einen anderen Auftrag. Sie müssen Fahrschüler auf die Prüfung vorbereiten, nicht Leuten, die ihren Führerschein bereits haben, Ängste nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Schaffen alle ihre Klienten den Wiedereinstieg?

Bärike: Ich bringe im Jahr 200 Männer und Frauen wieder auf die Autobahn. Manche Menschen weigern sich allerdings, sich in die Angstsituation zu begeben. Sie wollen von mir eine Hypnose oder Medikamente, die ihnen ihre Ängste nehmen. Das mache ich nicht. Ihnen kann ich nicht helfen.

Das Gespräch führte Andrea Reidl.



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