Autosalon Genf 2013: Vollgas voraus - aber wohin?

Von Jürgen Pander

Die Neuheiten des Autosalons Genf: Der erste Blick auf die Weltpremieren Fotos
Bertone

130 Premieren haben die Autohersteller für den Genfer Salon angekündigt. Unter den neuen Modellen sind verwegene Superlative - doch zukunftsweisende Konzepte fehlen ebenso wie ein klarer Trend. Denn die Branche ist verunsichert und gespalten.

An Glanz und Glamour wird es bei der 83. Auflage des Automobilsalons in Genf ab 7. März nicht fehlen. Ferrari wird einen neuen Supersportwagen vorstellen, McLaren ein Hybrid-Geschoss mit mehr als 900 PS, Rolls-Royce hat das Modell Wraith angekündigt, das bislang stärkste Prunkmobil der Marke, und Bentley ist selbstverständlich auch mit von der Partie: Die neue Limousine Flying Spur schafft 322 km/h und ist damit der bislang schnellste Viertürer der Briten. In der obersten Etage des Automarkts brummt das Geschäft.

Der große Rest der Hersteller jedoch ist auf Schlingerkurs - und das wird in Genf deutlich zu spüren sein.

"Die Branche befindet sich in einer Transformationsphase", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. "Die Messe in Genf fällt in eine Zeit großer Ratlosigkeit, zumindest was Europa betrifft." Ein Grund dafür sei zum Beispiel die massive Ungleichheit unter den großen Herstellern. "Einige globalisierte Konzerne wie VW, BMW, Toyota, Hyundai-Kia und mit Abstrichen auch noch Daimler fahren Rekordgewinne ein", sagt Bratzel, "andere wie etwa Peugeot-Citroen oder Fiat stecken in tiefgreifenden Krisen". Das liege auch daran, dass der europäische Automarkt nun schon seit sechs Jahren praktisch am Boden liege.

Der Elektro-Hype ist vorbei

Gerade in so einer Phase könnten frische Produktideen belebend wirken - doch es gibt sie nicht. Vor ein paar Jahren noch war ein Bummel über den Autosalon in Genf wie ein Spaziergang durch die Zukunft: Elektroautos, Sparmobile, überraschende Studien. In diesem Jahr wird es kaum derartige Aufbruchsignale geben. Wer Autohersteller auf den Mangel an visionären Fahrzeugen anspricht, wird fast mitleidig darauf hingewiesen, dass "der Elektro-Hype endgültig vorbei" sei. Dabei war es doch die Autoindustrie, die diesen Hype mit immer neuen Elektro-Prototypen eine Zeitlang konsequent befeuerte.

Davon ist in den Palexpo-Hallen nichts mehr zu sehen.

  • Audi zeigt - nach dem Stopp für die Elektroautos R8 E-Tron und A2 - das Plug-In-Hybridmodell A3, das 2014 auf den Markt kommen soll.
  • VW stellt das futuristische Ein-Liter-Auto XL1 auf den Messestand, von dem 50 Exemplare gebaut werden sollen.
  • Land Rover zeigt das Auslaufmodell Defender mit Elektroantrieb.

Wenn das alles ist, was Tausende von Ingenieuren in dieser Branche zum Thema Zukunftsmobilität zuletzt auf die Räder gestellt haben, dann scheint die gegenwärtige Krise längst nicht nur ökonomischer Natur zu sein.

Die Autos, die bei dieser Show im Scheinwerferlicht stehen werden, sind im Grunde alte Bekannte in frischem Lack. Ein paar beispielhafte Premieren-Kandidaten:

  • Der VW Golf GTI (jetzt mit bis zu 230 PS),
  • der Audi Q3 RS (mit 310 PS),
  • der Mercedes A45 AMG (mit 360 PS),
  • dazu der Alfa Romeo 4C,
  • der BMW 3er GT
  • oder der Opel Cascada.
  • Außerdem gibt es eine Reihe neuer Mini-SUVs, die auf bekannten Kleinwagen basieren, etwa Peugeot 2008, Renault Captur oder VW Cross-Up.

Es ist einfach alles schon ausprobiert

Warum trotz der zahlreichen Neuheiten kein Trend sichtbar wird? Einerseits, weil nahezu alle Karosserie-Mixturen bereits ausprobiert wurden und deshalb kaum ein Auto wirklich neu und überraschend aussieht. Nach allem, was im Vorfeld bekannt wurde, dürfte auf dem aktuellen Salon lediglich die Studie Minimax der Schweizer Firma Rinspeed wirklich ungewöhnlich wirken. Das Fahrzeug ist eine Art Minibus mit Stehplätzen für die Passagiere.

Ein weiterer Grund für das Fehlen von Trends: Da fast alle Hersteller inzwischen Baukastensysteme etabliert haben, um die Entwicklungskosten zu senken, sind die Plattformen und Komponenten vieler Modelle - ganz unabhängig von der Karosserieform - praktisch identisch. Im Umkehrschluss hat jede technische Veränderung immense Auswirkungen. Innovationen werden dadurch eher behindert als gefördert.

Die Stars der Show? Werden wohl die eingangs erwähnten Luxusschlitten sein. Antworten auf die Herausforderungen der Autobranche geben diese Autos nicht. Aber immerhin werfen Autos wie der voraussichtlich rund eine Million teure neue Ferrari Supersportwagen satte Gewinne ab. Jürgen Pieper, Autoanalyst des Bankhauses Metzler: "Bei solchen Highend-Fahrzeugen sollte die Marge irgendwo bei 20 Prozent liegen." Das ist, gerade in Krisenzeiten, auch was wert.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Die Zeiten sind vorbei....
Andreas P. 03.03.2013
...wo Kunden in den entwickelten Ländern mehr als 30.000 € für eine halbwegs ausgestatteten Golf ausgeben und schon eine Wertverlust von mehr als 10.000 € erleiden, wenn sie den Neuwagen beim Händler vom Hof fahren. Dieser Effekt wird noch durch die immer kürzer werdenden Produktlebenszyklen der Hersteller verstärkt. Unsere detailverliebten Ingenieure und Vorstände packen immer mehr Technik in die Fahrzeuge, die zum großen Teil nicht Kundenrelevant ist und für die Kunden nicht mehr bereit sind, sinnlos Geld zu bezahlen. Bleiben für die Hersteller nur China bzw die BRIC Staaten, wo der Absatz noch dank Goldgräberstimmung boomt und wo alle trotz Korruption und weitreichenden Umweltverstössen, schön die Augen verschliessen. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun. Aber die Welt und somit die Verbraucher, ändern sich.Hersteller wacht auf!
2. monolithos
monolithos 03.03.2013
Alles ausprobiert? Mir fiele da noch was ein: Wo bleibt der Counter Balance, der sicher auch mit BMW-Front gut aussehen würde? Oder ein Fiat 500XL mit 6 Türen ( Kofferraumklappe), bei dem man endlich mal einen Zugang zu Reihe 3 fände, ohne sich zu verrenken? Das wäre ein echter Familienknaller, Krise hin oder her. Oder ein echtes Retro vom VW T1, ein Bus ohne Schickschnack, aber mit Portaltüren, den Familien sich auch leisten können, solange sie in brauchen? Und das alles mit vernünftiger Umwelttechnik für ausreichend Power für Tempo 130 und ein bisschen mehr? Viel mehr braucht man ja nicht. Es gibt viele Autos, aber was wirklich Passendes UND Innovatives bringt keiner auf den Markt.
3. Sich heutzutage als Privatkäufer für einen
echo0815 03.03.2013
Neuwagen zu entscheiden, ist schlichtweg ein Dilemma. Welches Antriebskonzept muss heutzutage der Neuwagen haben, dass dieser auch in 5 oder 8 Jahren noch konform geht mit den Abgasvorschriften und steuerlich nicht in 3-5 Jahren auf Grund dessen bestraft wird ? In immer kürzeren Entwicklungszeiträumen kommen immer teuere Fahrzeuge auf den Markt, mit immer mehr uns eingeredeten "notwendigen" Schnickschnack, jetzt "notwendigerweise" Vernetzung und Internetzugang usw. Die Fahrzeuge werden nicht leichter, sondern immer schwerer und immer größer. Die Hersteller planen am Massenbedarf vorbei und haben immer noch nicht begriffen, dass sich immer weniger Bürger die teuren Fahrzeuge leisten kann und dies auch nicht mehr will, da andere Prioritäten in den Privatbudgets notwendig sind. Auch demografische Faktoren werden seitens der Industrie viel zu wenig beachtet. Das Dilemma ist in erster Linie eine daraus resultierende zunehmende Verunsicherung potentieller Käufer. Das Privatinvestment im Neuwagenkauf wird zunehmend infrage gestellt. Das Dilemma wird dann noch potenziert durch eine eher chaotische Vorschriftenpolitik der EU, die erheblich dazu beiträgt, Käufer.
4.
jan2118 03.03.2013
Alle Volumenhersteller entwickeln ja konsequent am EU-Markt vorbei. Bei real sinkenden Löhnen, Landflucht und geändertem Freizeitverhalten haben zu teuere Auto keinen Sinn mehr. Wo ist der Polo mit Standardausstattung, 60PS Maschine für 7000 Euro? Ja, bei Dacia ist er. Nur sowas ist eben keine Neuerung. Warum soll ich auch 30000 Euro ausgeben, um dann im Stau meine Hintermänner dank Rückfahrkamera anzugucken.
5.
gucky2009 03.03.2013
Zitat von echo0815Neuwagen zu entscheiden, ist schlichtweg ein Dilemma. Welches Antriebskonzept muss heutzutage der Neuwagen haben, dass dieser auch in 5 oder 8 Jahren noch konform geht mit den Abgasvorschriften und steuerlich nicht in 3-5 Jahren auf Grund dessen bestraft wird ?
Einfach höchst Norm einhalten (Jetzt Euro6 statt nur Euro5) und man wird in den nächsten 10 Jahre kein Problem haben. Und wenn. selbst mit meinem 15 Jahre alten Euro2-Diesel war die "bestrafung" mit 300 € Steuer/Jahr verglichen mit den restlichen Fahrzeugkosten (Reparaturen, Spritkosten, Versicherung) auch nur ein posten unter vielen. Schwerer Stimmt nicht mehr. Neue Features sind oft "gramm-Artikel" bzw. reine SW. Mittlerweile sind auch viele neue Modelle leichter als ihre vorgänger. Und mit dem "immer größer". Einfach ein kleineres Modell nehmen. Ein aktueller Polo ist genausogroß wie damals der Golf I.
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