Genfer Autosalon: Hybridbiest mit 963 PS
Auf dem Autosalon in Genf setzen viele Hersteller auf PS statt CO2-Reduktion. Ein Feigenblättchen für die Umwelt ist trotzdem oft dabei: Sogar fette Boliden wie der neue Ferrari haben einen Hybridmotor.
"Die Menschen sehnen sich nach Verbindlichkeit und Orientierung. Wir haben das verstanden", sagte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn zum Start des Autosalons in Genf und dann folgten ein paar Sätze die klingen, als sei der Chef von Europas größtem Autokonzern Mitglied bei Greenpeace geworden. "Volkswagen bekennt sich dazu, den CO2-Ausstoß der europäischen Neuwagenflotte bis 2020 auf 95 Gramm pro Kilometer zu senken." Das macht VW natürlich nicht zum Spaß, sondern genau das sieht eine EU-Richtlinie vor. "Das entspricht weniger als vier Litern Verbrauch", sagt Winterkorn, "und zwar über alle Segmente und Fahrzeugklassen hinweg." Daran arbeiten 40.000 Entwickler.
Die Ansage ist klar, und sie soll erreicht werden durch ein paar neue Autos, die VW auf dem Autosalon in Genf vorstellt. Etwa das serienreife Ein-Liter-Auto XL1. Ursprünglich sollten 50 Exemplare gebaut werden, Winterkorn aber sagt, es werden 250 "und bei Bedarf auch mehr". Und auch einen Golf Variant TDI Blue Motion zeigen die Wolfsburger, mit 3,3 Liter Durchschnittsverbrauch und einem CO2-Ausstoß von 87 Gramm je Kilometer.
Doch längst nicht alle Neuheiten des VW-Konzerns orientieren sich an der Messlatte 95 Gramm. Audi etwa röhrt mit dem neuen RS6 auf die Bühne. "Jedes neue Modell muss sportlicher werden, und auch nachhaltiger", sagt Audi-Chef Rupert Stadler. In diesem Fall heißt das: Der V8-Biturbo-Motor des Familienkombis leistet nun 560 PS und katapultiert die Fuhre in 3,9 Sekunden von 0 auf 100; nachhaltig sei der Wagen, argumentiert Stadler, weil der Motor über eine Zylinderabschaltung verfüge und 30 Prozent weniger verbrauche als beim Vorgängermodell: 9,8 Liter je 100 Kilometer. De facto jedoch wird kaum ein Käufer dieses Auto unter zwölf Liter bewegen, Zylinderabschaltung hin oder her.
Verwirrspiel der Hersteller
Auch angesichts des Porsche 911 GT3 mit 475 PS, geht die Öko-Orientierung gleich wieder verloren. Nicht minder bei Bentley Flying Spur (625 PS), VW Golf GTI (220 PS) oder Golf GTD (184 PS).
Die Situation des VW-Konzerns ist symptomatisch für die Branche. "In schwierigen Zeiten hält man sich an bewährte Konzepte", sagt der Sprecher eines Herstellers in Genf. Also erhält das Publikum ein bisschen Zucker in Form von beeindruckenden Hightech-Sparmodellen - und dazu jede Menge Schwarzbrot. Etwa diverse Kombimodelle bekannter Kompaktautos von VW Golf über Skoda Octavia, Toyota Auris und Dacia Logan oder eben potente Sportwagen.
Auch das immer noch florierende Segment der SUV-Modelle wird weiter ausgedehnt: und zwar nach unten. In Genf stehen die Kompaktmodelle Renault Captur, Peugeot 2008, Ford Ecosport, VW Cross Up und Opel Rocks im Rampenlicht. Sie alle wollen dem Opel Mokka nacheifern, jenem Kompakt-SUV, der erst seit wenigen Monaten auf dem Markt ist und von dem die Rüsselsheimer in Genf bereits "90.000 bestellte Autos" verkündeten. "Es gibt keine bessere Zeit um bei Opel anzufangen als jetzt", erklärte prompt der neue Chef der Marke, Karl-Thomas Neumann. Bis 2016, so verkündete Neumann weiter, werde Opel insgesamt 13 neue Motoren vorstellen. Einer davon debütiert in Genf: Ein 1,6-Liter-Diesel, der im Van Zafira 4,1 Liter je 100 Kilometer verbrauchen soll.
Akzeptiert, aber es wird gefeilscht
Zur 95-Gramm-Richtlinie der EU sagt ein Opel-Sprecher: "Diese Regelung ist da und wir werden diesen Grenzwert erfüllen." Im Prinzip reagieren auch alle anderen Hersteller so - und fangen an zu feilschen. BMW-Sprecher Manfred Poschenrieder erklärt: "Wir stellen die Richtlinie nicht in Frage. Allerdings wird der Aufwand, um sie zu erfüllen, enorm sein. Es wäre daher gut, wenn es in der Startphase der Elektromobilität staatliche Anreize gäbe, etwa in Form befristeter Steuervorteile."
Der französische Konzern PSA (Peugeot-Citroën), dessen Neuwagenflotte in Europa im vergangenen Jahr auf einen CO2-Durchschnittswert von 122,9 g/km kam, geht sogar noch einen Schritt weiter. "Das Ziel für alle von PSA im Jahr 2020 zugelassenen Pkw liegt bei einem CO2-Ausstoß von 93 Gramm je Kilometer", sagt Konzernsprecher Gordian Heindrichs. Und bei Toyota ist man ohnehin entspannt. Schon jetzt würde, nähme man ausschließlich die rund 15.000 in Deutschland verkauften Hybridmodelle der Marken Toyota und Lexus in die Berechnung, der japanische Konzern den Grenzwert für das Jahr 2020 erfüllen.
Es herrscht also eine optimistische Grundstimmung in Sachen künftiger Umweltfreundlichkeit der Autos. Und zugleich ist die tiefe Verunsicherung über die momentane Marktsituation zu spüren. In dieser Gemengelage blühen vor allem Extreme - wie der Kompaktwagen Mercedes A 45 AMG mit 360 PS, wie der neue Rolls-Royce Wraith, mit 632 PS der stärkste bislang gebaute Rolls-Royce, der McLaren P1, ein Hybridballermann mit 916 PS oder natürlich das neue Aushängeschild von Ferrari: das Modell La Ferrari mit 800 Benzin-PS und 163 Elektro-PS, was ihn in weniger als sieben Sekunden von 0 auf 200 schießen lässt.
Und so bleibt die Ansage von VW-Chef Winterkorn, eine Neuorientierung herbeizuführen, bislang mehr Vision als Wirklichkeit. Zur Verwirrung tragen übrigens auch die Organisatoren des Autosalons bei. Jahrelang nämlich gab es einen "Pavillon vert", in dem umweltfreundliche Fahrzeugkonzepte präsentiert wurden. Manche hielten das zwar für eine Art Öko-Ghettoisierung, aber wenigstens war dort ein klarer Trend zu mehr Effizienz und Ressourcenschonung erkennbar. In diesem Jahr wurde die grüne Ecke abgeschafft. Die Autos sollen "direkt an den Ständen, neben den konventionellen Modellen" ausgestellt werden. Leider gehen sie dort oft in den PS-Fluten des Salons unter.
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- Dienstag, 05.03.2013 – 17:18 Uhr
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Nicht nur in Europa, auch für andere Weltregionen wurden CO2-Grenzwerte ab 2020 festgelegt. In den USA etwa 121 g/km (ab 2025 dann 93 g/km), in China 117 g/km und in Japan 105 g/km. Die deutsche Autoindustrie erklärte, der europäische Richtwert sei "sehr ambitioniert" und nur durch "erhebliche Mehrkosten" erreichbar.
Beim erneuten Anlassen des Aggregats sollten Sie auf keinen Fall das Gaspedal drücken, weil sonst der Einspareffekt ausbleibt.
Auch einen unnötigen Dachgepäckträger sollten Sie demontieren. Das reduziert zusätzlich noch den Luftwiderstand. Wer zum Beispiel mit drei Fährrädern auf dem Dach unterwegs ist, muss mit einem Mehrverbrauch von bis zu vier Litern auf 100 Kilometern rechnen.
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