Traditionsmarke Lotus Leichter zu haben

Gewinne machen mit dem Verkauf von Autos - das ist Lotus in seiner gesamten Firmengeschichte noch nicht geglückt. Der neue Chef will es jetzt schaffen, mit zwei Strategien.

Aus Genf berichtet

Lotus

Am Dienstagnachmittag war es dann endlich so weit: Auf dem Autosalon in Genf enthüllte Lotus-Chef Jean-Marc Gales die neue Baureihe des Sportwagens Evora.

Wie sehnsuchtsvoll Gales' Mitarbeiter auf diesen Moment gewartet hatten, lässt sich an der Reaktion eines Angestellten ablesen. "Ich hätte es nicht länger ertragen können, dass die Leute an unserem Stand vorbeilaufen, weil sie das verdeckte Auto nicht sehen", sagt er, "jetzt bleiben sie stehen und machen Fotos, endlich".

Denn etwas vorzuzeigen hatte das britische Traditionsunternehmen schon lange nicht mehr.

Die Evora 400 - "alle unsere Autos sind weiblich", sagt Jean-Marc Gales - ist der schnellste Lotus, der bislang in Serie gebaut worden ist. 406 PS leistet der Wagen, er lässt sich bis zu 300 km/h beschleunigen und schafft es aus dem Stand auf Tempo 100 in 4,2 Sekunden. Die wichtigste Zahl bei diesem Auto ist aber die 1415: So viel Kilo bringt die Evora auf die Waage, 22 Kilo weniger als die Vorgängerin.

Angetrieben wird sie immer noch durch einen 3,5-Liter-V6 von Toyota, die zusätzlichen 50 PS im Vergleich zum Vorgänger verdankt der Wagen einem Ladeluftkühler. Der erweiterte Motor, größere Bremsen und der Einbau eines serienmäßigen Navigationsgeräts sorgten laut Gales dafür, dass der Wagen zunächst 40 Kilo an Gewicht zunahm. Dann wurde entschlackt. Gales zählt auf: "Die neue Batterieaufhängung wiegt jetzt statt zwei Kilo nur noch 500 Gramm, pro Sitz haben wir drei Kilo gespart, pro Felge ein halbes Kilo, an allen nicht-sicherheitsrelevanten Teilen verwendeten wir Kunststoff mit geringerer Dichte, und das Handschuhfach muss man jetzt wieder manuell statt elektrisch öffnen, dafür ist es ein Kilo leichter."

Die abgespeckten 22 Kilo sind für Gales von großer Bedeutung. Denn der Ruhm der Sportwagenschmiede aus dem englischen Dorf Hethel gründet vor allem auf dem Leichtbau. "First simplify, then add lightness - konstruiere das Autos so einfach wie möglich, und dann mach dich ans Gewichteinsparen" lautete die Maxime des 1982 verstorbenen Firmengründers Colin Chapman.

Gales konnte es sich also schlichtweg nicht erlauben, zum Einstand ein schwereres Auto zu präsentieren, niemand hätte ihm sonst seine Botschaft abgenommen. Die lautet nämlich, erstens alles anders zu machen als sein direkter Vorgänger und zweitens, etwas zu erreichen, was noch keiner seiner Vorgänger geschafft hat: Geld verdienen mit Lotus Cars.

Der Anti-Bahar

Gales direkter Vorgänger war Dany Bahar, er gilt als Rockstar unter den Automanagern. Der türkischstämmige Schweizer war Protegé des Energiedrinkmagnaten Dietrich Mateschitz und organisierte den Einstieg des Red-Bull-Teams in die Formel 1, bevor er als Marketingchef zu Ferrari wechselte und 2009 Chef von Lotus wurde. 2010 legte er einen legendären Auftritt auf der Pariser Autoshow hin: Eine Präsentation von fünf Prototypen, verbunden mit der Ansage, Lotus werde sich von nun an mit Ferrari und Lamborghini messen und nicht mehr länger auf Toyota-Motoren setzen, sondern einen eigenen V8 konstruieren.

Anderthalb Jahre später waren die Träume geplatzt. Keines der angekündigten Modelle war verwirklicht worden. Der Lotus-Eigner, das malaysische Unternehmen DRB-Hicom, feuerte Bahar unter dem Vorwurf, er habe auf Firmenkosten über seine Verhältnisse gelebt. Das Konsortium und Bahar verklagten sich gegenseitig, 2014 gab es eine außergerichtliche Einigung.

Auf die Frage, welches Detail von den Plänen Bahars übrig geblieben sei, antwortet Gales: "Kein einziges."

Das Lotus-Trio wird aufgemöbelt

Die Vita des neuen Chefs, dem 52-jährigen Luxemburger, ist nicht so schillernd wie die von Bahar, aber ebenso eindrucksvoll: Jean-Marc Gales war Präsident bei PSA Peugeot Citroën, für den weltweiten Vertrieb bei Mercedes-Benz zuständig sowie geschäftsführender Direktor bei Opel und Saab und Marketing-Manager bei Volkswagen. Zuletzt war er Chef der Europäischen Vereinigung von Automobilzulieferern (Clepa). "An der Aufgabe bei Lotus haben mich zwei Dinge gereizt: die Tradition des Unternehmens und die Herausforderung, einen Turnaround, die Wende einzuleiten."

Seit fast 20 Jahren macht die Lotus Gruppe Verluste; im Geschäftsjahr 2014 waren es laut Gales 72 Millionen Pfund (etwa 99 Millionen Euro). In den erfolgreichen Jahren wurden Gewinne vor allem durch die Ingenieursdienstleitungen für andere Hersteller erwirtschaftet. "Die Sparte Lotus Cars war noch nie seit ihrem Bestehen profitabel", sagt Gales. Er will das ändern: "2017 wollen wir Gewinn machen."

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Autosalon Genf: Diese Modelle feiern Premiere
Dieses Vorhaben hat im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel der Belegschaft den Job gekostet. Gleichzeitig baute Gales das Händlernetz aus; in sechs Monaten kamen 30 hinzu, weitere sollen folgen. Die Verkaufszahlen der drei Lotus-Modelle Elise, Exige und Evora stiegen 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent, es waren mehr als 2000 Exemplare. "In diesem Jahr sollen es 3000 werden", sagt Gales. Der Fahrplan für die Zukunft steht bereits: Der Evora 400 soll Ende 2016 ein Evora-Roadster folgen, im selben Jahr sollen eine frische Exige und im Frühjahr 2017 eine neue Elise auf den Markt kommen.

Einen SUV? "Kann ich mir sehr gut vorstellen"

Der Alfa 4C zeigt: Leichtbau, das können andere auch. Zudem räumt Gales ein, dass bei der Exige und der Elise dringend die Instrumente im Cockpit verbessert und die Digitalanzeigen modernisiert werden müssen. Ob die Pflege des bestehenden Trios allein ausreicht, um Gewinn zu erwirtschaften? Über eine Erweiterung der Modellpalette sei noch nicht entschieden, sagt Gales. Doch auf die Stückzahlen-geht-über-Tradition-Frage antwortet er erwartungsgemäß: "Einen Lotus-SUV kann ich mir sehr gut vorstellen."

Bevor er den Puristen aber einen Geländewagen zumuten will, hat Gales noch eine gute Nachricht für sie - die Schweller am neuen Sportwagen wurden niedriger und schmaler: "Jetzt kann man leichter einsteigen."



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Berliner42 04.03.2015
1.
1415 Kilo? Sollte sowas nicht unter 1000 Kilo wiegen?
liquimoly 04.03.2015
2. Soviel zum Thema British Engineering
1,4 to Kampfgewicht für so einen Zwerg, in den nur zwei wirklich unterdurchschnittlich kleine Menschen hineinpassen - ein LOTUS ist wirklich nur was für Reiche, die von Technik keine Ahnung haben.
bluemetal 04.03.2015
3. Falsch
1. falsch ist dass Lotus seit langem nichts Neues anzubieten hätte. Der im Gegesatz zum Evora komplette neue Exige S kam vor gerade mal 2 Jahren in Deutschland auf den Markt (und verkauft sich wie geschnitten Brot) 2. Falsch ist dass die 50 PS Mehrleistung des Evora 400 nur von einem Ladeluftkühler kämen. Sie kommen primär vom dem stärkeren Kompressor.
bluemetal 04.03.2015
4. Klasse
Ich habe aktuell einige Sportwagen probegefahren. Der Lotus Exige S 3.5L Kompressor war eine einzige Zumutung: Eng, hart, laut und eine aberwitzige Beschleunigung von 4.0 Sekunden auf hundert. Mit anderen Worten: nichts für Nackenföhner. Tja, was soll ich sagen, ich habe ihn bei Lotus München im Februar sofort bestellt. Lotus baut als letzter Hersteller Rennwagen und keine Sportwagen. Wer damit nicht klar kommt soll Porsche und andere VW Mädchenautos fahren.
Photograph 04.03.2015
5. Lotus baut ECHTE Sportwagen,
Porsche, Ferrari & Co sind VIEL zu schwer. Aber: Der abgebildete Opel ist kein Opel Speedster (unter 1000kg, Heckmittelmotor, Schwester der Lotus Elise), sondern ein Opel GT (Frontmotor, aus USA). Der Speedster Turbo ist nach wie vor mein Lieblingsauto. Für wenig Geld treibst Du Porschefahrer zur Verzweiflung...
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