Kleinwagen auf dem Pariser Autosalon Kaum zu übersehen

Kleinwagen sind praktisch, preiswert - und meistens leider geschmacksneutral geformt. Auf dem Pariser Autosalon zeigen einige Hersteller jetzt, dass es auch anders geht.

Suzuki

Für gewöhnlich können Autos für Carlos Ghosn gar nicht groß genug sein. Obwohl der Chef des Hersteller-Bündnisses Renault-Nissan neben SUVs und Sportwagen bisweilen ein bisschen verloren aussieht, zeigt sich der Manager am liebsten neben solchen Prachtmodellen. Doch beim Heimspiel auf dem Pariser Salon hat Ghosn eine Ausnahme gemacht.

Er stellte sich neben einen Kleinwagen und enthüllte den neuen Nissan Micra. Von dessen geringer Größe sollte man sich nicht täuschen lassen - Ghosn hat zwei gute Gründe, dem Modell einen großen Auftritt zu verschaffen:

  • Erstens ist der Micra für Nissan enorm wichtig, weil Kleinwagen zu den am meisten nachgefragten Autotypen auf dem europäischen Markt zählen - und der japanische Hersteller in diesem Segment endlich wieder mitmischen will.
  • Zweitens fällt der Micra durch ein ziemlich verwegenes Design auf - und steht damit stellvertretend für eine Trendwende bei den Kleinwagen.
Nissan Micra auf dem Pariser Autosalon
Tom Grünweg

Nissan Micra auf dem Pariser Autosalon

Denn während viele Modelle in diesem Segment - zum Beispiel Opel Corsa, Peugeot 208, Skoda Fabia, Hyundai i20 und VW Polo - zuletzt vor allem seriös, solide und damit auch spießig gestaltet waren, zeigen die Hersteller jetzt endlich wieder mehr Mut und Experimentierfreude. Carlos Ghosn beispielsweise knüpft an den Micra gleich das ehrgeizige Ziel, Nissan zur führenden Designmarke aus Japan zu machen. Und er ist mit seinen großen Ansprüchen an die kleinen Autos nicht alleine.

Schau mir in die Glupschaugen, Kleiner

Auch Linda Jackson bläst zur Offensive der Autozwerge. Die Citroën-Chefin hat in Paris dafür einen neuen C3 ins Rampenlicht gerückt: Mit den vom SUV-Modell Cactus bekannten seitlichen Plastikblasen (die sogenannten Airbumps) und einer bei der französischen Marke so noch nicht dagewesenen Vielfalt an Personalisierungen soll der C3 Charakterstärke beweisen und Citroën nach vorne bringen.

Kein Sportwagen und keine große Limousine sind somit als Citroëns Imageträger auserkoren, sondern ausgerechnet ein Kleinwagen von 3,99 Metern Länge, der wahrscheinlich nicht viel mehr als 15.000 Euro kosten wird. "Das wird unser Zugpferd", sagt Jackson.

        Citroën C3
Tom Grünweg

Citroën C3

Selbst Suzuki, seit dem Ende der ersten SUV-Welle so etwas wie das Graubrot unter den Japan-Importeuren, wagt beim neuen Ignis ein paar Designkapriolen.

Man muss diesen Kleinwagen, der mit seiner breiten C-Säule unter dem schrägen Heck ein bisschen aussieht wie eine Mischung aus Pontiac Aztec und BMW X6, nicht schön finden. Erst recht nicht, wenn er einen von vorn aus seinen Glupschaugen anschaut. Aber während man vor dem geistigen Auge lange nach einem Bild von Suzuki SX4 oder Suzuki Baleno suchen muss, wird man diesen Kleinwagen so schnell nicht vergessen. Und das ist es, worauf es die Marke nun wohl anlegt.

Suzuki Ignis
Tom Grünweg

Suzuki Ignis

Umso überraschender ist da eine weitere Beobachtung auf dem Autosalon: Während etablierte Hersteller wie Nissan, Citroën und Suzuki eine kleine Stil-Revolte anzetteln, verharren ausgerechnet die neueren Mitspieler in den alten Mustern. Der ebenfalls in Paris präsentierte Kia Rio zum Beispiel ist sicher ein hervorragender Kleinwagen: Sein Design wirkt solide wie bei einem Audi und das Interieur hat eine stilistische und haptische Qualität, wie man sie in dieser Klasse allenfalls von einem VW Polo erwartet hätte. Aber dafür gibt sich der Rio so seriös wie ein Steuerbeamter - und entsprechend reizlos.

Kia Rio
Kia

Kia Rio

Dass Kleinwagen oft brav und bieder daherkommen, sehen viele Hersteller wohl als eine Notwendigkeit: Die Kleinen sollen bloß nicht zu verspielt sein und sich damit als Alternative zu größeren Modellen anbieten. Doch mittlerweile können Kleinwagen auch durch ihre technische Ausstattung eine gewisse Reife vermitteln.

Neues Selbstverständnis durch verbesserte Technik

Der Nissan Micra zum Beispiel verfügt als erstes Modell in seinem Segment über einen sogenannten Around-View-Monitor, auf dem die Bilder von vier Kameras so montiert werden, dass man den Wagen beim Rangieren aus der Vogelperspektive sieht. Außerdem greift die Elektronik zum ersten Mal in dieser Klasse aktiv mit einer Lenkhilfe ein, wenn man von Spur abkommt.

Citroën rühmt sich im C3 der ersten werkseitig montierten Dashcam, mit der unter anderem Unfälle dokumentiert werden können. Und selbst der Ignis ist zumindest für Suzuki-Verhältnisse vergleichsweise innovativ, weil er endlich eine Touchscreen-Navigation und eine fortschrittlichen Start-Stoppautomatik mit integriertem Startergenerator hat. Sie soll ein Potenzial von bis zu zehn Prozent Ersparnis beim Spritverbrauch bieten.

"Mehr Auto braucht kein Mensch"

Paolo Tumminelli, Professor an der Köln International School of Design, freut sich über die neue Experimentierlust bei den Kleinwagen. "Die Hersteller bedienen alle Geschmackssorten. Das ist wie Eis am Stiel", sagt er. Gleichzeitig ist er ist überzeugt davon, dass solche Modelle zeitgemäß sind: "Wer einmal entdeckt, wie herrlich leicht und wendig so ein Kleinwagen zu fahren ist, fragt sich, warum wir unbedingt zwei Tonnen SUV durch die Stadt wuchten wollen."

Die heutigen Kleinwagen, so Tumminelli, seien längst nicht mehr für den "kleinen Mann" gebaut, sondern böten vergleichbare Qualitäten wie größere Modelle, was Konstruktion und Gestaltung anbelangt. "Gerade weil kleine Autos vom kleinbürgerlichen Zwang befreit sind, so konservativ aussehen müssen wie ein Firmenwagen, bieten sie mehr Individualität," ist er überzeugt.

Weil man selbst mit großen Premiummodellen heute kaum mehr jemanden beeindrucken könne, komme es auf die Größe immer weniger an. "Mehr Auto braucht deshalb kein Mensch", glaubt Tumminelli.

Für einen Abgesang auf die dicken Schlitten ist es aber trotzdem noch zu früh. Bestes Beispiel dafür ist wiederum Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn. Denn kaum hatte er den neuen Nissan Micra enthüllt, eilte er zum Stand der feinen Nissan-Tochtermarke Infiniti, um dort den Konzeptwagen QX Sport zu inspizieren: Den Vorboten eines neuen SUV-Modells, das Ghosn um einen halben Kopf überragt.

Mehr zum Thema: Die wichtigsten Neuheiten auf dem Pariser Autosalon



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.